Lebenslänglich wegen Polizistenmords für Reichsbürger

Lebenslänglich wegen Polizistenmords für Reichsbürger
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Noch guten Mutes ist auf diesem Foto Frank Irnich (re.) mit seinem Sherpa. 100 Meter unter dem Lhotse-Gipfel musste er sein Unternehmen abbrechen. 

Interview

Frank Irnich kommen höllische Eisklumpen in die Quere

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Alpinist Frank Irnich ist wieder daheim. Er musste seine Expedition abbrechen. Im Interview spricht er über kalte Füße, 100 fehlende Meter und das Scheitern an einem 8000er.

Geretsried/Bad Heilbrunn– Zwei Jahre lang hatte sich Frank Irnich intensiv auf die Doppelbesteigung von Mount Everest und Lhotse vorbereitet. „Fit wie nie“ und überaus zuversichtlich flog der Sportlehrer und Physiotherapeut aus Bad Heilbrunn mit Praxis in Geretsried nach Nepal. Doch Krankheit und organisatorische Defizite innerhalb der Expedition durchkreuzten die Pläne des 55-Jährigen (wir berichteten). 100 Meter unterhalb des 8516 Meter hohen Lhotse-Gipfels musste Irnich wegen beginnender Erfrierungen an beiden Füßen umkehren und das Unternehmen komplett abbrechen. Redakteur Peter Borchers sprach mit ihm nach seiner Rückkehr.

Herr Irnich, Sie sind jetzt zwei Wochen zu Hause. Wie geht es Ihnen? Sind die Füße wieder aufgetaut?

Frank Irnich: Es geht. Der rechte große Zeh und der dritte Strahl des linken Fußes sind noch ein bisschen beleidigt und druckempfindlich. Joggen und längere Bergtouren gehen derzeit nicht. Dafür muss ich mir etwas Zeit geben. Aber das Wichtigste: Es wird nichts zurückbleiben, weil ich bewusst rechtzeitig umgedreht bin.

Sie hatten sich topfit gefühlt. Wie erklären Sie sich Ihre physischen Probleme auf dem Weg vom Highcamp in 7800 Meter Höhe in Richtung Gipfel?

Frank Irnich: Es kam einiges zusammen. In erster Linie war es der Infekt, den ich mir im Basislager eingefangen habe. Eine Bronchitis und Husten haben mich schlecht schlafen lassen. Ich stand kurz vor einer Lungenentzündung, musste zwischenzeitlich einige Tage Antibiotika nehmen. Dazu die 25 Kilo auf dem Rücken – mehr als das Doppelte des Üblichen. Ich habe neben meinem Eigengepäck auch die zwei schweren Sauerstoffflaschen hochgeschleppt. Die hätte der für mich zuständige Sherpa im Vorfeld eigentlich im Hochlager deponieren sollen. Hat er aber nicht. Das alles hat zu viel Kraft gekostet. Ich hatte das Gefühl, dass der Sauerstoff aus der Flasche kurz vor meinem Abbruch gar nicht mehr in meiner Lunge ankam, ich nach jedem Schritt ein, zwei Minuten Pause brauche, um das Sauerstoffdefizit wieder abzuatmen.

Haben Sie zu diesem Zeitpunkt bemerkt, dass auch mit Ihren Füßen etwas nicht stimmt?

Frank Irnich: Ja, klar. Erst habe ich die Frontzacken der Steigeisen immer wieder ins Eis gerammt, damit das Blut in die Zehen schießt. Dann habe mir ganz fest vorgestellt, dass ich über glühende Kohlen laufe oder die Füße an ein Lagerfeuer strecke. Aber ich hatte keine Chance mehr, sie warm zu kriegen. Es blieb nur eine Möglichkeit: zurück zum Zelt, ab in den Schlafsack, etwas Warmes trinken und den Rest aus der Flasche atmen, damit die Zellen wieder Sauerstoff bekommen. Ich bin um kurz nach 5 Uhr morgens alleine umgedreht, mein Sherpa ist weiter aufgestiegen, war um 7 Uhr am Gipfel und um kurz vor 10 Uhr bei mir zurück im Hochlager.

Dort haben Sie eine Nacht verbracht, bevor Sie sich Richtung Camp 3 aufgemacht haben.

Frank Irnich: Ja, es dauerte einige Stunden, bis ich gespannt habe: Hey, da unten sind ja noch Füße dran. Dann kamen höllische Schmerzen. Jeder weiß, wie weh es schon tut, wenn normal kalte Füße im Warmen auftauen. Außerdem schwellen sie an, was das Gehen in den engen Schuhen schwierig macht. Von Camp 3 ging es über die steilste Lhotse-Flanke abwärts. Geh’ das mal in zu kleinen Schuhen, in denen du bei 55 bis 60 Grad Hangneigung mit angeknockten Zehen ständig nach vorne rutscht. Kein Spaß. Gefährlich wurde es nochmals in den sieben Stunden durch den Khumbu-Eisfall mit seinen vielen Spalten. Eisschrauben waren locker, Leitern teilweise nicht sicher. Ich mit den gefühllosen Eisklumpen da unten habe Blut und Wasser geschwitzt. Aber ein Rettungsflug von Camp 2 ins Basislager hätte 6000 Euro gekostet. Die verbrate ich lieber in einem Urlaub mit meiner Freundin. Also habe ich die Zähne zusammengebissen.

Sie sprachen in einem Telefonat mit uns aus dem Basecamp von Defiziten des Veranstalters Seven Summit Treks, bei dem Sie mit Ihrem persönlichen Sherpa als eigenständiges Duo nur eingegliedert waren.

Frank Irnich: Es lief einiges schief. Am schlimmsten war, dass sich Teamleitung und die Kollegen nicht um die Hygienestandards in einem Gruppenzelt geschert haben. Regeln, die normalerweise jeder Höhenbergsteiger kennt und einhält: nicht in die Hand husten und dann Bestecke und Teller weiterreichen, den abgeschleckten Löffel nicht ins Marmeladenglas stecken, keine Taschentücher auf dem Tisch liegen lassen, solche Sachen. Ich konnte reden, wie ich wollte, es hat keinen interessiert. Aufgrund der Struktur dieser Expedition war wenig Teamgeist zu spüren. Jeder hat sein eigenes Ding gemacht – und wirklich jeder ist krank geworden.

Fühlen Sie sich als gescheitert? Immerhin sind Sie einigermaßen wohlbehalten vom Berg heruntergekommen. Das haben einige Alpinisten vor Ihnen, die am gleichen Punkt wie Sie standen, nicht geschafft – sie sind gestorben.

Frank Irnich: Anfangs war ich schon sehr enttäuscht. Ich meine, mir haben schlappe 100 Höhenmeter gefehlt. In der Bergsteigerszene ist Summit halt Summit, und auch nur zehn Meter darunter sind nichts. Mit etwas Abstand betrachtet war aber auch das, was ich geschafft habe, in Anbetracht der geschilderten Umstände eine Superleistung. Wäre ich nicht krank geworden, wäre der Lhotse, glaube ich, ein Katzensprung geworden. Ob die Kraft danach für den Everest auch noch gereicht hätte? Wer weiß, das lässt sich jetzt natürlich nicht mehr sagen.

Sie standen im Jahr 2011 ja schon auf dem höchsten Berg der Erde. Ist das Kapitel Himalaja für Sie mit dieser nun negativen Erfahrung abgeschlossen?

Frank Irnich: Ich denke schon. Von Nepal habe ich die Nase voll, der Stachel sitzt zu tief. Dem Sherpa habe ich meinen Expeditionsschlafsack, die Isomatte und 500 Dollar geschenkt. Gut, er hat Fehler gemacht, aber er ist Vater von drei Kindern und hatte keine wirklich gute Ausrüstung. Meine Schuhe habe ich behalten, denn Rest könnte ich nachkaufen, sollte es nochmals kitzeln. Irgendwann werde ich mich mit Arnold Coster (mit dem niederländischen Expeditionsleiter war Irnich mehrmals an 8000ern unterwegs, Anm. d. Red.) treffen, das Geschehene reflektieren und in Ruhe überlegen. Der Denali in Alaska hätte mich gereizt, scheidet aber aus – jetzt, da ich weiß, wie meine Füße in extremer Kälte reagieren. Vielleicht mache ich etwas in Südamerika, den Alpamayo oder noch einmal den Aconcagua. Oder mit Freunden zusammen am Kilimandscharo etwas in Richtung Tourenführung.

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