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Lockerer Lehrer: Dr. Ingo Christians, seit 2014 als Amtlicher Leiter der Freien Waldorfschule Isartal in Geretsried unter anderem zuständig für das Ressort Personal – und für Mathematik.

Unsere Serie: Die Abi-Macher

Freie Waldorfschule Isartal: Lernen im angstfreien Raum

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Das Abitur: Vielen Eltern und Schülern gilt es als zentrales Fundament, auf dem sich das spätere (Berufs-)Leben aufbauen lässt. Wir stellen in loser Folge jene Schulen in unserem Verbreitungsgebiet vor, in denen man die Allgemeine Hochschulreife erlangen kann. Heute: die FreieWaldorfschule Isartal in Geretsried.

Geretsried – Jeder, der sein Abitur einst nicht ohne Leiden an einem staatlichen Gymnasium gebaut hat, kennt wohl Albträume wie diesen: Man sitzt, obwohl längst erwachsen, vor dem leeren Blatt einer Mathematik-Schulaufgabe, das sich einfach nicht mit sinnvollem Zahlenwerk füllen mag. Die Zeit verrinnt, aufkommende Panik verdrängt jeden klaren Gedanken. Der Lehrer sammelt bereits die ersten Arbeiten ein. Aus, vorbei – wieder ein Fünfer oder Sechser.

Einem Waldorf-Schüler, ausgebildet in einem angstfreien Milieu ohne Notenstress und Sitzenbleiben, müssten derartige Horrorvisionen doch erspart bleiben? Dr. Ingo Christians lacht. Ganz ausschließen möchte er sie auch bei seinen Schülern nicht. Sein Haus sei keine Insel der Glückseligen, sagt der 54-jährige Leiter der Freien Waldorfschule Isartal. „Es gibt insgesamt 9000 Waldorflehrer und nicht alle werden die tollsten und besten sein. Auch bei uns können Fehler passieren, die ein Kind vielleicht mehr treffen, als man denkt“. Vermutlich aber passieren sie an einer Waldorfschule seltener. Auch weil die Kinder und ihre Lehrer lange zusammenarbeiten „und sich zwischen ihnen eine Beziehung, die von Offenheit und Freundlichkeit geprägt ist, aufbauen kann“, sagt Michaela Karg, die Kaufmännische Schulleiterin.

Die sanfte Waldorfpädagogik spricht drei Aspekte an: das Fühlen, das Denken und das Tun. Die Schüler sollen innerhalb einer beständigen Gruppe zu Eigeninitiative und Selbstverantwortung erzogen werden. „Sie bleiben in der Regel bis zum Ende in ihrer jeweiligen Klasse zusammen“, sagt Christians. „Andererseits arbeiten sie an individuellen Projekten und in der 8. und 12. Klasse an größeren, ihren Interessen entsprechenden Jahresarbeiten.“ Ein aktuelles Beispiel: Ein Zwölftklässler interessiert sich fürs Segeln. Er möchte den Segelschein machen. Im Theorieteil erarbeitet er etwas über die Schifffahrt allgemein.

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Benotet werden Arbeiten erst ab der achten, neunten Klasse – was nicht heißt, dass der Weg durch eine Waldorfschule ein Spaziergang ist. „Natürlich versuchen wir, unsere Schüler an ihre Leistungsgrenzen zu bringen“, sagt Christians. Von Anfang an erhalten die Kinder und Jugendlichen Feedback. So wissen sie, wo sie stehen. Das Klientel in dem ehemaligen Bürogebäude am Malvenweg, das die zuvor in Wolfratshausen beheimateten Isartaler 2015 bezogen, ist gemischt. Laut Michaela Karg sind „Kinder von Handwerkern ebenso darunter, wie von Landwirten und Akademikern“. Und in jeder Klasse säßen ein oder zwei Schüler, deren Eltern früher selbst in den Genuss der künstlerisch-spirituell-ökologisch inspirierten Pädagogik gekommen sind.

2018 erlangten die ersten fünf Schüler am Malvenweg die Allgemeine Hochschulreife. Ein Trio möchte diesem Beispiel heuer folgen. In den kommenden Jahren soll sich Zahl der Abiturienten durch die nun nachrückenden Schüler deutlich erhöhen. Das ist gut fürs Schul-Renommee – und auch fürs Bankkonto: Um in den Genuss der vollen staatlichen Zuschüsse zu gelangen, benötigt eine Schule zwei aufeinander folgende Abiturjahrgänge. Würde das nicht klappen, wäre dies für Ingo Christians zwar „auch nicht dramatisch“. Aber: „Wir sind ja ein wirtschaftlicher Verein, und am Ende sollte wenigstens die schwarze Null stehen.“

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Die Freie Waldorfschule Isartal

Aktuelle Schülerzahl:

266 aus 180 Familien, 14 Klassen; Klassenstärke: etwa 26;

Ausrichtung:

1. bis 12. Klasse nach Waldorf-Lehrplan, zwei 13. Klassen, die auf die staatlichen Abschlüsse Abitur beziehungsweise Mittlere Reife hinführen; Waldorf-Pädagogik nach Rudolf Steiner: größerer Anteil an künstlerischem und handwerklichem Unterricht, viele interne und auch externe Praktika.

Besondere Angebote:

ein zweiwöchiges Forstpraktikum in der 9. Klasse: Der Gartenbaulehrer forstet mit den Schülern einen Wald auf; ein Vermessungspraktikum; das Fach Eurythmie – eine auf die Lehransätze des Waldorf-Gründers Rudolf Steiner gründende Bewegungskunst;

Einschreibefristen:

sind nicht in Stein gemeißelt. Prozedere: Kontakt aufnehmen, Gespräch zum gegenseitigen Kennenlernen; Quereinstieg möglich; Schulgeld: ist einkommensabhängig. Beispiel: Bei einem jährlichen Einkommen von 60 000 bis 65 000 Euro zahlt man fürs erste Kind monatlich 345 Euro, fürs zweite 223 und ab dem dritten 160 Euro, ab dem fünften Kind ist kein weiterer Beitrag fällig. Generell nimmt die Schule auch Kinder auf, deren Eltern geringere Einkommen haben. Dann entscheidet der sogenannte Beitragskreis über eine Reduzierung des Schulgelds;

Kontaktdaten:

Freie Waldorfschule Isartal in Geretsried, Gemeinnützige eG, Malvenweg 2-4 in 82538 Geretsried; Telefon 0 81 71/2 45 30 00; E-Mail: verwaltung@waldorfschule-isartal.de.

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