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Volles Haus: Die Stühle im Sitzungssaal des Geretsrieder Rathauses reichten am Donnerstagabend für die Teilnehmer an der Gedenkfeier nicht aus.

70 Jahre nach der Ankunft der ersten Heimatvertriebenen

Gänsehaut-Gefühl bei Gedenkfeier

Geretsried - Mit einer würdigen Feier gedachte Geretsried am Donnerstagabend der ersten Heimatvertriebenen, die genau 70 Jahre zuvor, am 7. April 1946, auf der Böhmwiese ankamen.

Zeitzeugen: Werner Sebb und Hannelore Schunk erlebten eine unbeschwerte Kindheit zwischen Wald, Baracken und Bunkerresten.

Das Interesse an der Veranstaltung war riesig. „Es ist unsere Aufgabe, die Erinnerungen und Erkenntnisse der Heimatvertriebenen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben“, sagte Bürgermeister Michael Müller zur Begrüßung. Genau das geschah am Donnerstagabend im Rahmen der der Gedenkfeier zur Ankunft der ersten 554 Egerländer aus Graslitz im Lager Buchberg am Morgen des 7. April 1946.

Mit einem solchen Andrang an Besuchern hätten die Veranstalter – der Arbeitskreis Historisches Geretsried, die Egerländer Gmoi, die Union der Vertriebenen und Aussiedler sowie die Stadt Geretsried – nicht gerechnet. Der große Sitzungssaal im Rathaus war voll, selbst im Vorraum verfolgten Interessierte stehend die Zeitzeugenberichte.

Willkommenskultur besteht weiter

Das immer wieder praktizierte, gemeinsame Zurückblicken auf die Geschichte der noch jungen Stadt schätze er so an Geretsried, sagte Landrat Josef Niedermaier: „Ich bin jedes Mal gerne da, um dieses Gänsehaut-Gefühl zu erleben.“ Dr. Wolfgang Pintgen, Vorsitzender des Arbeitskreises Historisches Geretsried, freute, dass die Vertriebenen in Geretsried nicht wie andernorts abfällig als „ewig Gestrige“ bezeichnet würden. „Wenn mir meine Kultur, meine Identität wichtig ist, verstehe ich eher, dass sie auch anderen wichtig ist“, betonte Pintgen im Hinblick auf die stets aufs Neue bewiesene Integrationsleistung der Bevölkerung. Gastarbeiter, Aussiedler, Spätaussiedler und Asylbewerber: Sie alle würden in der heute mit rund 24.000 Einwohnern größten Kommune des Landkreises Bad Tölz-Wolfratshausen willkommen geheißen.

Woher die ersten Heimatvertriebenen kamen, erläuterte Walter Pilz in seinem historischen Abriss über das Sudetenland. Der Obmann der Sudetendeutschen Landsmannschaft im Landkreis spannte einen weiten Bogen von den ersten deutschen Zuwanderern in Böhmen und Mähren im 12. Jahrhundert über „Deutschösterreich“, wie das Gebiet nach dem Ersten Weltkrieg genannt wurde, bis zur Vertreibung der Deutschen durch die Tschechen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Eine Kiste mit dem Notwendigsten

Diese folgenreiche geschichtliche Episode schilderte Herta Kugler (82). Mit 15 Jahren musste Kugler, geborene Anger, die Stadt Graslitz im Egerland verlassen. Innerhalb weniger Stunden packten ihre Eltern eine Kiste mit dem Notwendigsten: Kleidung, Werkzeug, Töpfe, Bettwäsche. „Wir mussten den Tschechen alles zeigen, was wir mitnehmen wollten“, berichtete die Seniorin. Noch heute besitze sie eine Uhr, die man ihr seinerzeit nicht abgenommen hatte, weil sie nicht wertvoll genug erschien. Zusammen mit anderen Graslitzern wurde die Familie in einen Viehwaggon mit der Nummer 19 gepfercht. Nach Zwischenstationen in Eger, Marktredwitz und Regensburg, auf denen die Vertriebenen mit Puder bestäubt wurden, damit sie kein Ungeziefer nach Bayern einschleppten und auf denen es einmal „eine scheußliche grau-braune Suppe“ zu Essen gab, erreichte der Transport mit den 554 Graslitzern an dem verregneten 7. April 1946 Geretsried. Den Anblick des trostlosen ehemaligen Fremdarbeiterlagers auf der Böhmwiese werde sie nie vergessen, sagte Herta Kugler: „Einige wollten sofort wieder weg, aber es hieß: Nein, ihr müsst bleiben.“

Gerne hätte das Publikum im Rathaus-Sitzungssaal noch einen Bericht über die Lagerzeit gehört. Viele damalige Kinder wie Werner Sebb oder Ingeborg Wanner, deren Großvater Josef Deimer das erste Geschäft für Haushaltswaren auf der Böhmwiese in Geretsried betrieb, denken gerne an eine unbeschwerte Kindheit zwischen Baracken, Wald und Bunkerresten zurück. Doch das Programm zur Gedenkfeier war eng getaktet und schließlich sollte vor allem des Ankunftstages gedacht werden, der als Geburtsstunde der heutigen Stadt Geretsried gilt.

Tanja Lühr

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