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In der Serie „Gott und die Welt“ macht sich diesmal Pastor Christoph Schirrmacher von der Baptistengemeinde in Geretsried Gedanken.

Gott und die Welt

Gedanken über einen fast 250 Jahre alten Poetry Slammer

In unserer Serie „Gott und die Welt“ denkt dieses Mal Pastor Christoph Schirrmacher über den Dichter Clemens Brentano und den Wolfratshauser Poetry Slam nach.

Christoph Schirrmacher ist Pastor der Evangelischen-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) in Geretsried

Geretsried – Vergangene Woche fand mit großem Erfolg der dritte Wolfratshauser Poetry Slam statt. Wenn Clemens Brentano heute leben würde, wäre er sicherlich in diesem Genre aktiv. Ich schließe das aus seinem Umgang mit der Sprache, aus seiner Art zu dichten, wie er lautmalerische Silben weich in seine Gedichte hinein modelliert, die Wechselbeziehungen zwischen Klang, Musikalität und Optik, wie sie in seiner Formulierung „der Töne Licht“ aus seinem „Abendständchen“ von 1802 zum Ausdruck kommt. Er stirbt am 28. Juli vor 175 Jahren mit 64 Jahren.

Glaube hilft aus der Lebenskrise

Im Nachhinein wird er als ein von der Poesie Besessener beschrieben. Diese Leidenschaft entdeckt Brentano erst nach vielen gescheiterten Anläufen, einen Beruf zu erlernen, und zwar Ende des 18. Jahrhunderts im thüringischen Jena. Er lernt dort die Zirkel der Frühromantik kennen, trifft dort unter anderem auf Goethe. Brentano fängt an zu schreiben und ist schon kurze Zeit später bestens in der Szene vernetzt. Er bekennt sich zu einem „Leben aus dem Stegreif“, einem Leben des Genusses und der Sinnlichkeit und lehnt den „bürgerlichen Kalendertag“ strikt ab.

Im Jahr 1817 befindet er sich in einer tiefen Lebenskrise. Er entdeckt über die Erweckungsbewegung einen neuen Zugang zum christlichen Glauben. Er wird daraufhin nicht zu einem Vorzeige-Christen, vieles in seinem Leben bleibt widersprüchlich, wie etwa auch seine Äußerungen zum Judentum.

Ein Gebet, das heute noch so aktuell ist wie damals

Faszinierend bleiben für mich seine Ablehnung vorgefasster Antworten, seine Versuche, das Unfassbare in Worte zu fassen oder auch sein Streben, Stimmungen Ausdruck zu geben, wie zum Beispiel in seinem 17-strophigen Gedicht „Frühlings- schrei eines Knechtes aus der Tiefe“: „Meister, ohne dein Erbarmen Muß im Abgrund ich verzagen, Willst du nicht mit starken Armen Wieder mich zum Lichte tragen Einmal nur zum Licht geboren, Aber tausendmal gestorben, Bin ich ohne dich verloren, Ohne dich in mir verdorben Und in meinem Herzen schauert Ein betrübter bittrer Bronnen, Wenn der Frühling draußen lauert, Kömmt die Angstflut angeronnen. Herr, erbarme du dich meiner, Daß mein Herz neu blühend werde, Mein erbarmte sich noch keiner Von den Frühlingen der Erde.“

Gott ist der Adressat, zu dem Brentano sich in seiner Not wendet und dem gegenüber er sein Vertrauen zum Ausdruck bringt. Es ist ein Gebet, das wir heute natürlich anders formulieren würden (erst recht als Poetry Slammer), das aber inhaltlich nichts von seiner Aktualität verloren hat.

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