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Hereingeklettert: Von wenigen Bunkern im Wald stehen noch Ruinen.

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Geheimnisvolle Ruinen im Wald um Geretsried: Was dahintersteckt - und wie man sie findet

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Die Tür der Betonsäule fehlt, die Außenwände sind verwittert. Allmählich erobert Moos das Gestein. Im Geretsrieder Wald verwittern sonderbare Ruinen. Das steckt dahinter - und so finden Sie sie.

Geretsried – In den Klotz kann man hineingehen – ein Mensch hat bequem Platz darin, viel mehr aber auch nicht. „Wir haben lange überlegt, was es gewesen sein kann“, sagt Martin Walter.

Der Bunker im Miniaturformat steht im ehemaligen Mühlenviertel, in dem Sprengstoff zerkleinert wurde. „Dabei war die Explosionsgefahr besonders hoch“, erklärt der 76-Jährige. Der Arbeitskreis Historisches Geretsried gehe davon aus, dass es sich bei der Betonsäule um ein separates Schalthaus gehandelt haben muss. „Von hier wurde alles gesteuert, sodass während des Mahlprozesses niemand in der Mühle war.“

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Davon ist zwischen dem trockenen Laub und den verstreuten Frühlingsblumen nichts mehr zu sehen. Das Schalthaus ist das einzige Gebäude aus der Zeit der Rüstungswerke im Wald, das nach dem Zweiten Weltkrieg nicht von den Amerikanern gesprengt wurde. „Ich bin froh, dass wir es noch haben, sonst hätte ich nichts zu zeigen“, sagt Walter.

Der ehemalige Bauamts- und Geschäftsleiter bietet seit fünf Jahren ehrenamtlich Stadtführungen an. Das Interesse an der „Wanderung in die Zeit der Rüstungswerke“ ist groß. An diesem Sonntag nehmen rund 120 Menschen – vom Kind bis zum Senior – und drei Hunde teil. Der Rekord sei einmal 150 Leute gewesen. „Irgendwann brauchen wir Polizeibegleitung für unsere Demonstration“, scherzt Walter.

Großes Interesse: An der Stadtführung am Sonntag lauschten rund 120 Menschen Martin Walter (rote Kappe).

Dass er ohne das Schalthaus nichts zu zeigen hätte, ist natürlich auch ein Scherz. Seine Stadtführung beginnt am Parkplatz des ehemaligen Netto-Supermarkts an der Sudetenstraße, wo er auf einem Plan zeigt, wie die 391 Gebäude der Dynamit AG in Gartenberg und die 246 der Deutschen Sprengchemie in Geretsrieder Süden einst angeordnet waren. 6000 Arbeiter errichteten die Bunkergebäude ab 1938 in drei Jahren. Danach waren hier fast 4500 Arbeiter mit der Aufrüstung des Deutschen Reichs beschäftigt.

Blumentopf war ein Telefonhäusl

„Wir sind jetzt mitten im Zentrum der Pressengebäude“, erklärt Walter. Mit dem Zug wurde der Sprengstoff angeliefert, vom Entladegebäude – heute ein Wohnhaus – wurde er in die kleineren Bunker um den heutigen Parkplatz verteilt. Ein solcher steht noch nahezu im Originalzustand am Wöhlerweg, ein länglicher Flachbau.

Er bestand aus zwei Räumen, getrennt durch eine Betonwand. Durch sie waren die Arbeiter geschützt, wenn aus dem Sprengstoff kleine Päckchen und Rohrpatronen gepresst wurden. Im Fall einer Explosion konnte der Druck nach hinten entweichen, wo der Bunker lediglich durch eine Bretterwand verkleidet war. „Es gab bei den 20 Pressenexplosionen keine Toten“, weiß Walter.

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Vom Wöhlerweg geht es in den Wald hinter der Kleingartensiedlung. Von dem „Monopolbetrieb für ganz Deutschland“ stehen zwischen den Bäumen nur noch Ruinen, wie zum Beispiel die Betonwanne am Wegesrand, die inzwischen so bewachsen ist, als wäre sie schon immer ein Blumentopf gewesen. „Ein Telefonhäusl“, klärt der Stadtführer auf. Von einem Luftschutzbunker steht nur noch der Eingang, von einem Fernheizungsgebäude nur noch das Fundament.

Für manche Überreste muss die Gruppe den Wanderweg verlassen. Durch einen eingestürzten Bunker können die Männer und Frauen nacheinander gehen. Zwischen dem alten Beton ist es unangenehm kühl, die Metallstäbe sind verbogen, teilweise hängen noch Betonbrocken an ihnen. Es lässt sich erahnen, mit welcher Wucht die Bunker gesprengt wurden.

„In dem jungfräulichen Gebiet musste man auf nichts Rücksicht nehmen.“

Martin Walter erzählt ruhig und sachlich, aber dennoch anschaulich. Mit seinem Wissen um die Geschichte der Rüstungswerke erweckt er die Ruinen zum Leben. Hinter dem Einödhof an der Isar erklärt er etwa an einem verbliebenen Kanaldeckel und einem Absetzbecken, wie die Rüstungswerke mit drei eigenen Kraftwerken mit Dampf und Strom versorgt wurden. Zielsicher führt er die Teilnehmer querfeldein durch die Bäume und über Altholz, wobei dem Wald nicht mehr anzusehen ist, dass hier einmal ein Kesselhaus in der Größe einer Kathedrale bis ins Grundwasser gebaut wurde.

An jeder Ecke der insgesamt dreistündigen Führung fällt dem 76-Jährigen noch ein Detail ein. „Da waren gute Baufachleute am Werk“, sagt er. Das Rüstungswerk in Geretsried sei eins der modernsten der Welt, die Lage im Wald und an der Isar optimal gewesen. „In dem jungfräulichen Gebiet musste man auf nichts Rücksicht nehmen.“ Die Bunker wurden mit Erdwällen getarnt, sodass sie aus der Luft relativ schwer auszumachen waren. Als am 9. April 1945 5000 Bomben über Geretsried abgeworfen wurden, traf nur eine die Lehrlingswerkstatt. „Es war mehr als ein Glücksfall, dass nicht mehr passiert ist“, sagt Walter. Für so einen Fall gab es den 25 Meter hohen Stahlturm zur Luftbeobachtung. Auch von ihm – am Ende der Tour bei der Firma Rohi – zeugen nur noch Überbleibsel des Fundaments.

Stadtführung

Martin Walter bietet am Samstag, 21. April, um 13 Uhr eine weitere Stadtführung „Bunker im Wald – eine Wanderung in die Zeit der Rüstungswerke“ an. Sie dauert etwa drei Stunden. Der Weg ist eben, trotzdem wird festes Schuhwerk empfohlen. Treffpunkt ist der Parkplatz des ehemaligen Netto-Supermarkts an der Sudetenstraße 68. Bei schlechtem Wetter entfällt die Stadtführung.

sw

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