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Graugetigertes Gnadentier: Tierheimleiterin Manuela Ravara und Susi. Die Katzendame leidet unter chronischem Katzenschnupfen, benötigt regelmäßig Medikamente und hat deshalb in Gelting ihr Zuhause gefunden

Josefa-Burger-Tierheim

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Ein überhaupt nicht trauriger Besuch bei den Gnadentieren in Gelting.

Geretsried – Diese Geschichte wird eine traurige, dachte sich der Autor, bevor er sich ins Geltinger Tierheim aufmachte. Eine über bedauernswerte Kreaturen, die keiner leiden kann, die keinen Menschen haben, der sie auf den Arm nimmt, der sie streichelt, der sie liebt. Ladenhüter halt, würde der Herzlose sagen. „Gnadentiere“ nennt Manuela Ravara sie. Rund 40 davon beherbergt das Josefa-Burger-Heim. Was dessen Leiterin über sie erzählt, lässt einen bald erahnen: Diese Geschichte ist eine, die Spaß, die Mut macht.

Erste Überraschung: „Wir sind ein Katzentierheim“, sagt Ravara. An dieser Tatsache ändert nichts, dass in den Teichen am Waldrand das flugunfähige Graugänse-Paar Else und Gustl und der einflügelige Schwan Karlchen schwimmen, in den Stall demnächst wieder zwei Ziegen einziehen und von den aktuell nur zwei Hunden einer durchaus engagiert Wachdienste übernimmt. Katzen seien das große Problem auf dem Land, erklärt die staatlich geprüfte Tierpflegerin. Größtenteils sind es verwilderte Hausmiezen, die im Umfeld von Lagerhallen und Stadeln gefunden werden. „Die gehen im Leben nicht mehr auf ein Katzenklo“ – und fallen schon deshalb fast komplett aus dem Vermittlungsraster.

Schwer ans Frauchen respektive Herrchen zu bringen sind zudem die Alten, die Einäugigen, die Verkrüppelten, die Allergiker, die Kranken. Kater Nero ist einer von ihnen. 20 Jahre ist er alt. Seine Besitzerin ist gestorben, „und die Verwandtschaft will ihn nicht“, erzählt Ravara. „Im August ist er bei uns gelandet, und hier wird er auch bleiben.“ So wie viele der Versehrten. Mit denen, meint die 54-Jährige, hätten viele ein „ethisches Problem“, da sie nicht dem Schönheitsideal entsprechen. „Sie glauben es nicht, aber die Leute können einer einäugigen Katze nicht ins Gesicht schauen.“

Verteilt sind die Miezen auf bestimmte Bleiben: die Greise im Pensionshaus, die Jungen im Kinderhaus, die Behinderten in der Blockhütte und die Verwilderten in der Villa Kunterbunt samt Waldgehege. Und überall – wieder eine Überraschung – fristen sie alles andere als ein kümmerliches, freudloses Dasein. Manuela Ravara – man mag es ob ihres rauen Charmes kaum glauben – kümmert sich rührend um die Vierbeiner, die neugierig umherstreifen, spielen oder entspannt dösen. Alle kennt sie beim Namen, für jeden hat sie eine Streicheeinheit, ein freundliches Wort übrig, wenn sie ihren Rundgang macht. Nur dreimal die Woche ist sie abgemeldet: Dann bringt Kollegin Kristina Wölm – sie betreut die wenigen Vermittlungstiere – den Stubentigern leckere Brathähnchen. „Ich bin die, die den Katzerln das Klo sauber macht und sie zum Tierarzt bringt“, sagt Ravara gespielt beleidigt, „dann kommt die Kristl, und ich bin plötzlich die Böse.“

Die 54-Jährige lebt in einer Wohnung in der ersten Etage des Heims, ist also rundum – 24/7 – präsent. Sie liebt ihre Tiere – mehr als jeden Zweibeiner. „Ich bin kein Menschenfreund“, gibt Ravara zu. „Ich war schon als Kind gerne allein, habe viel gezeichnet.“ Eremit, der sie ist, sind ihr auch die Tage der offenen Tür ein Graus: „Zu viele Menschen“, sagt sie. Aber sie hat sich mit dem Publikumsverkehr arrangiert. Denn er ist wichtig. An solchen Tagen kann die gebürtige Münchnerin, die seit Oktober 1994, also rund zwei Monate nach deren Eröffnung die Einrichtung in Gelting leitet, Paten für ihre Gnadentiere gewinnen. Für 15 Euro im Monat können Tierfreunde einem Vierbeiner ein Leben, einen Lebensabend in Würde schenken. „Mit diesem Betrag federn wir Futter- und Tierarztkosten ab“, so Ravara. Als Gegenleistung dürfen die Paten ihren Schützling zu den Öffnungszeiten besuchen.

Unser Rundgang ist beendet. Freundlich drückt Ravara dem Autoren und der Fotografin zum Abschied die Hand. So ein Misanthrop wie sie sagt, ist die 54-Jährige gar nicht. Sie kann durchaus mit Menschen, jedenfalls mit solchen, die Tiere mögen.

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