1. Startseite
  2. Lokales
  3. Geretsried-Wolfratshausen
  4. Geretsried

„Lange halten wir das nicht mehr durch“: Geltinger Dorfladen droht die Insolvenz

Erstellt:

Kommentare

Ein Erfolgsmodell und ein Vorzeigeobjekt: Der Dorfladen in Gelting.
Ein Erfolgsmodell und ein Vorzeigeobjekt: Seit 14 Jahren gibt es den Dorfladen in Gelting. Probleme gab es in dieser Zeit immer wieder. Doch jetzt droht dem Genossenschaftsladen die Insolvenz. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Seit 14 Jahren gibt es den Dorfladen in Gelting. Probleme gab es in dieser Zeit immer wieder. Jetzt droht dem Genossenschaftsladen die Insolvenz.

Gelting – Er war und ist ein Erfolgsmodell, ein gelungenes Beispiel dafür, wie ein Dorf das schwierige Thema der Nahversorgung selber löst. Jetzt steht der Geltinger Genossenschafts-Dorfladen kurz vor der Insolvenz. In einer Rundmail wurden die 257 Anteilseigner von der Vorstandschaft über die alarmierende Situation informiert. „Die Umsätze sind seit September stark zurückgegangen. Lange halten wir das nicht mehr durch“, sagt die Vorstandsvorsitzende Silke Noeller-Granget im Gespräch mit unserer Zeitung.

Gelting: 20 Prozent weniger Umsatz im Dorfladen als notwendig

Probleme gab es in dem vor 14 Jahren mit großem Idealismus gegründeten Tante-Emma-Laden am Dorfplatz immer mal wieder. Anfangs überzeugte das Sortiment, insbesondere das Obst und Gemüse, die Kunden nicht so recht. Dann gab es interne Streitigkeiten. Personalmangel herrschte eigentlich stets. Das kleine Lebensmittelgeschäft schrieb dennoch Jahr für Jahr schwarze Zahlen, wenn die Gewinne auch meist überschaubar waren. Zumindest aber stand immer eine schwarze Null unterm Strich.

Im Moment befindet man sich im Minus. „Der Umsatz ging im September, Oktober und November um je zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. Wir liegen mindestens 20 Prozent unter dem Notwendigen“, berichtet Noeller-Granget. Angesichts einer Inflationsrate von 10,4 Prozent würden die Kunden im Moment lieber beim Discounter einkaufen und nach Sonderangeboten Ausschau halten, als den doch eher hochpreisigen Dorfladen aufzusuchen, glaubt sie.

„Man kann das teilweise verstehen“, sagt Geschäftsführerin Eva Kirchner. Am Dienstag hatte sie während des Verkaufs Zeit für ein Telefonat, so wenig war am Vormittag los. Früher wäre das undenkbar gewesen, gerade Ende November, wo allmählich das Weihnachtsgeschäft beginne, sagt Kirchner. Sie teilt sich die Geschäftsführung seit sechs Jahren mit zwei Kolleginnen. Während dieser Zeit habe sie viele Kundinnen und Kunden kennengelernt, viele habe sie beim Namen angeredet. „Von denen bleiben jetzt etliche weg“, hat die für Bestellungen und Verkauf zuständige Teamleiterin festgestellt.

Unser Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an.

Gelting: Gründervater Mellwig beruft Krisensitzung ein

Klaus Peter Mellwig, einst Motor und Gründungsmitglied des Dorfladens, gehört nach wie vor zu den treuen Kunden. „Meine Frau und ich gehen mit unserem Einkaufszettel zuerst in den Dorfladen. Nur das, was wir dort nicht bekommen, kaufen wir woanders“, sagt der Rentner. Der „Vater des Dorfladens“ sorgt sich extrem um dessen Zukunft. Für diesen Mittwoch hat er Vorstandschaft, Aufsichtsrat und Teamleitung sowie Wolfgang Gröll zu sich nach Hause zu einer Krisensitzung eingeladen – „Geltinger Frühstück“ nennt er das Treffen in Anspielung auf das berühmte Wolfratshauer Frühstück. Von Gröll, dem ehemaligen Vorstandsmitglied der Dorfladen-Bundesvereinigung und Berater der Geltinger von der ersten Stunde an, erhofft sich die Genossenschaft Rat.

Geltinger Dorfladen: Umsatz müsste deutlich steigen

Der Umsatz müsste wieder deutlich steigen, sagt Mellwig. Denn den Genossenschaftsladen träfen die aktuell hohen Energiekosten genau wie alle anderen. Strom, etwa für die Kühlung, lasse sich im Lebensmittelbereich kaum einsparen. Zudem machen dem kleinen Betrieb die gestiegenen Personalkosten zu schaffen. Der Mindestlohn für Geringverdiener wurde gesetzlich auf zwölf Euro angehoben. Gleichzeitig hat der Dorfladen seinen Teilzeitkräften laut Noeller-Granget aus Gründen der Gleichbehandlung mehr Gehalt bezahlt.

Aktuelle Nachrichten aus Geretsried lesen Sie hier.

Darum komme der Tante-Emma-Laden nicht umhin, die Preise für die Waren zu erhöhen. „Wir können und wollen uns nicht wie Edeka, Rewe und Co mit den Lieferanten anlegen“, sagt die Vorsitzende. Eva Kirchner weist darauf hin, dass die Preise, etwa für Butter, nicht höher lägen als im Supermarkt. Sie wirbt für die zahlreichen Spezialitäten des Dorfladens, hergestellt von regionalen Bäckern, Metzgern und Milchbauern: „Unsere feinen Weihnachtsplätzchen von der Angermühle in Egling sind trotz gestiegener Rohstoffpreise nicht teurer als letztes Jahr.“

Lesen Sie auch: Dorfladen eröffnet: Stein hat wieder einen Nahversorger

Die fünfköpfige Vorstandschaft und die zwölf Mitarbeiter des Ladens appellieren vor allem an die Geltinger Bürger, „ihren“ Nahversorger kräftig zu unterstützen – mit dem regelmäßigen Einkauf, mit Besuchen im Café oder mit dem Erwerb von Geschenkgutscheinen zu Weihnachten. In den nächsten Tagen wollen die Verantwortlichen Flyer mit diesem Aufruf in alle Briefkästen im Ort werfen.

Fruchtet die Werbekampagne nichts, droht dem Geschäft Noeller-Granget zufolge im Frühjahr die Insolvenz. Die Rücklagen seien irgendwann aufgebraucht. Man müsse schließlich am Ende auch jedem Genossenschaftsmitglied seine 180 Euro pro Anteil zurückzahlen.

tal

Auch interessant

Kommentare