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Zwei Anwesen, eine Kirche, ein Friedhof - mitten im Wald: So war Geretsried 1864 im sogenannten Urpositionsblatt verzeichnet.

Historie und heute im Vergleich

Geretsried 1864: Diese Karten verändern Ihren Blick auf die Stadt

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Zwei Höfe und eine Kapelle mitten im Wald: Ur-Landkarten zeigen Geretsried und Umgebung im Jahr 1864. Im Vergleich mit aktuellen Luftbildern enthüllen sie spannende Geschichten.

Geretsried - „Geretsried - eine Doppelschwaige wird Stadt“: Den Titel dieser 1999 erschienenen Chronik verstehen gerade Jüngere nicht sofort. „Doppelschwaige“? In der ältesten offiziellen Karte Geretsrieds nimmt dieser Begriff Gestalt an. Zwei Höfe eben, ein paar Flurstücke und eine Kirche sind gemeint, wenn man von Geretsried um 1864 spricht. Die Keimzelle der größten Stadt im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen lässt sich hier mit dem Schieberegler erforschen - und mit einem Luftbild von heute vergleichen.

Wo heute die Tattenkofener Straße verläuft, teilt 1864 ein Zaun die Flurstücke „1“ und „2“ voneinander. Diese Zahlen tauchen mehrfach auf; die Landstücke um den Weiler sind ausgewogen auf die beiden Anwesen verteilt. Süd-Geretsried war damals noch ferne Zukunft, die Doppelschwaige eingekreist von „Königlichem Forst“. Westlich der sieben eingezeichneten Gebäude erscheint der Schriftzug „Kirche“ - die 1722 geweihte Nikolauskapelle, die heute an der Bundesstraße 11 liegt. Ein eigenes Gotteshaus für nur zwei Familien? Die Kapelle entstand auch zu Ehren der Flößer, die auf der Isar - etwa zweieinhalb Kilometer östlich - ihren Handel trieben. 

Geretsried heute - eingebettet im Wolfratshauser Forst

Zur Flößerstadt Wolfratshausen gehört im 19. Jahrhundert ein beeindruckender Wald: Beinahe das komplette heutige Geretsried legt sich in den damaligen Wolfratshauser Forst - wie Luftbild und historische Karte im Vergleich zeigen.

Ein bisschen Geduld bitte: Die interaktiven Karten laden eventuell etwas langsam.

Im digitalen Bayern-Atlas, ein Angebot des Geoportals Bayern, sind viele einzelne sogenannte Urpositionsblätter eingebaut. Sie sind ein Resultat der ersten Vermessung Bayerns, die Napoleon zu Besatzungszeiten - natürlich für militärische Zwecke - anleierte. Die handgezeichneten Karten entstehen laut der Bayerischen Vermessungsverwaltung zwischen 1810 und 1864. Das Urpositionsblatt für Wolfratshausen - inklusive der Einöde Geretsried - gehört also zu den jüngsten Bayerns. Königsdorf oder Münsing - als „Münzing“ am „Würmsee“, wie der Starnberger See einst genannt wurde - besitzen eigene Urkataster.

Die Sudetenstraße - einst Feuerschneise

Wenn man oben in den Wolfratshauser Forst hineinzoomt, erscheint eine detailliertere Karte - die sogenannte „Uraufnahme“, aus der einst die Grundsteuer abgeleitet wurde. Wie in der Übersichtskarte sind einzelne Waldstücke als „geräumt“ bezeichnet. „Das sind Schneisen, die die Ausbreitung eines Feuers im Wald verhindern sollten“, erklärt Herbert Gudo von der Bayerischen Vermessungsverwaltung. Die Schneisen legen sich wie ein großflächiges Netz über den Forst. Die Sudetenstraße, die heute an die Heimatvertriebenen in Geretsried erinnert, verläuft exakt dort, wo man einst die „Jester“-Schneise schlug. Es ist nicht die einzige Schneisen-Straßen-Überschneidung: Einfach mal am Regler spielen. 

Altvaterstraße und Breslauer Weg verlaufen ganz ähnlich wie die „Dobel“-Schneise, auch die nordöstliche Schneise in der Ur-Karte ist heute noch als Einschnitt und Waldgrenze erkennbar.

„Das rothe Kreutz“ und der Selbstmord am Isarhochufer

Seit 1950 ist Geretsried eine Gemeinde, seit 1970 eine Stadt. Die Uraufnahme verweist trotzdem auf eine Jahrhunderte alte Geretsrieder Geschichte. Sie erzählt von einem Selbstmord, der sich am „rothen Kreutz“ ereignet haben soll. Es steht noch heute zwischen Gartenberg und Buchberg am Isarhochufer.

Bereits in der Uraufnahme eingezeichnet: „Das rothe Kreutz“ zwischen Gartenberg und Buchberg am Isarhochufer. Es steht noch heute an dieser Stelle - angeblich für einen Selbstmord.

Es handelt sich um ein sechs Meter hohes Sühnekreuz, schreibt Walter Holzer, der die Geschichte der Geretsrieder Wegkreuze dokumentiert hat. Die Errichtung geht seinen Recherchen nach auf eine uralte Sage zurück. Ihr Titel: „Die schöne Philomena und ihr Flößerknecht“. Sie handelt vom Liebesdrama zwischen einer Wolfratshauser Müllerstochter und einem armen Flößer aus der Jachenau. Der Flößer befreite seine Geliebte von der Burg eines Raubritters bei Einöd. Auf der Flucht wurde das Paar erwischt. Weil dem Mann - der Sage nach wegen „Mädchenraubs“ - eine grausame Folter drohte, tötete er sich selbst mit einem Messer. Die Müllerstochter ließ das rote Kreuz laut Legende dort aufstellen, wo das Blut des Flößers den Boden getränkt hatte. Laut Walter Holzer wurde es im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und zuletzt 1987 renoviert.

Spannende Geschichten erzählen historische Karten auch über Bad Tölz und Lenggries. Im Ur-Kataster von München taucht unter anderem eine Irrenanstalt auf.

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