Festzug Sommerfest
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Buntes Vereinsleben: Das Foto oben zeigt die Trachtengruppe der Deutschen aus Ungarn beim Festzug zum Geretsrieder Sommerfest.

Feier wird 2021 nachgeholt

70 Jahre Trachtengruppe der Deutschen aus Ungarn: Die Geselligkeit steht an erster Stelle

Seit 70 Jahren gibt es die Trachtengruppe der Deutschen aus Ungarn. Sie bereichert das kulturelle und gesellige Leben in Geretsried. Nur dieses Jahr mussten Veranstaltungen ausfallen.

Geretsried – Ohne die Deutschen aus Ungarn wäre das kulturelle und gesellige Leben in Geretsried um einiges ärmer. Die Trachtengruppe feiert heuer ihr 70-jähriges Bestehen. Auf das für den 12. Dezember geplante Fest musste man wegen der Corona-Pandemie verzichten. Im Dezember 2021 soll es nachgeholt werden.

Die Trachtengruppe der Deutschen aus Ungarn entwickelte sich erst allmählich. Nach der Vertreibung galt es zunächst, das durch den Krieg zerstörte Geretsried wiederaufzubauen. „Es war ein großer Vorteil, dass sich die geflüchteten und vertriebenen Menschen aus Pusztavám und Umgebung untereinander kannten und ein gemeinsames Ziel hatten“, sagt Karl Raminger, der heutige Vorsitzende der Trachtengruppe der Deutschen aus Ungarn. Fleiß und Nachbarschaftshilfe zeichneten seine Landsleute aus. So entstand die im Volksmund „Ungarnsiedlung“ genannte Wohngegend im Norden Geretsrieds. Später wurde sie Dr.-Bleyer-Siedlung genannt, nach Jakob Bleyer, dem ungarischen Germanisten und von 1919 bis 1920 ungarischem Minister für nationale Minderheiten.

Andreas Netzkar und seine verstorbene Frau Anni. Netzkar war 50 Jahre Vorsitzender.

Der Wunsch der Ungarndeutschen nach einer Volkstumsgruppe wurde immer ausgeprägter. Schließlich beschlossen sie, die typische Tracht des Orts Pusztavám zu übernehmen und gründeten eine Trachtengruppe. Noch inmitten der Aufbau- und Aufräumarbeiten fand man sich am 25. November 1950 im Gasthaus Tschannerl zum ersten Kathreintanz zusammen. Mit den Einnahmen des Balls legten die Ungarndeutschen das Fundament für den Verein, den sie am 2. Dezember 1950 im Gasthof Geiger aus der Taufe hoben. Franz Stammler wurde zum Vorsitzenden gewählt, vier Jahre später übernahm Andreas Netzkar das Amt und leitete die Trachtengruppe bis 2004. Auf Andreas Ferstl folgte 2006 Karl Raminger.

Heute steht Karl Raminger dem Verein vor.

In der Anfangszeit habe sich die Vorstandschaft vor allem um die Eingliederung der Landsleute gekümmert, erzählt Raminger (66). Doch nach und nach sei das kulturelle Leben immer mehr in den Vordergrund getreten. Neben der Tanzgruppe entstanden eine Blaskapelle, eine Singgruppe und ein Männergesangschor. Geprobt wurde in Privaträumen, von 1959 bis 2019 in der „Heimatstube“ bei Familie Netzkar. Anni Netzkar bewahrte auch die vielen Trachten auf und pflegte sie liebevoll. Heute treffen sich die Mitglieder im Isarau-Saal.

Das Foto beim Schwabenball und dem Einzug der Trachtler mit dem Rosmarinstrauß.

Der Verein machte immer stärker auf sich aufmerksam. Der Kathreintanz, der berühmte Schwaben- sowie der Traubenball fanden jährlich statt. Die Teilnahme am Schwabenball in München sowie beim Maibaumaufstellen gehörte ebenfalls zum Jahreslauf. Seit mehr als 32 Jahren ist auch das Siedlungsfest im Ungarnviertel nicht mehr aus dem Geretsrieder Gesellschaftsleben wegzudenken. Von alledem konnte heuer nur der Schwabenball im Februar stattfinden. Der Schwabenball 2021 ist bereits abgesagt.

Der Verein verfügt über eine eigene, reich verzierte Fahne. Er schaffte sie zum zehnjährigen Gründungsfest mit Hilfe von Mitgliederspenden an. „Die Grundfarben des Wappens – Blau, Weiß und Gold – sind die Farben der ersten Ungarndeutschen Studentenvereinigung. Das Kreuz in der Mitte ist das Symbol für den christlichen Glauben, der Pflug und die Stadt stehen für die bäuerliche Herkunft der Deutschen aus Ungarn und für ihre neue Heimat“, erklärt Raminger. „Deiner Sprache, deiner Sitte, deinem Volke bleibe treu“ ist in Gold auf die Fahne gestickt. „Bis heute lebt die Trachtengruppe nach diesem Spruch“, sagt er stolz.

Der Kontakt zu Pusztavám riss auch in Zeiten des Kalten Kriegs, als vielen Deutschen aus Ungarn die Einreise in die alte Heimat verweigert wurde, nie ab. Er wurde Ende der 1970er Jahre, nachdem die Grenzen gelockert wurden, intensiviert. Die Trachtengruppe nutzte die Öffnung und lud 1982 zum ersten Mal eine Tanz- und Singgruppe aus Pusztavám nach Geretsried ein. Der Gegenbesuch folgte zwei Jahre später. Es entstand eine Städtefreundschaft, in die auch Nickelsdorf in Österreich, Partnergemeinde von Pusztavám, einbezogen wurde.

Der Verein zählt heute 180 Mitglieder. Die meisten sind Ungarndeutsche der zweiten und dritten Generation. „Wir sind aber für alle neuen Mitglieder offen, ob Heimatvertriebene oder nicht“, betont Raminger. Er erinnert sich an die besten Zeiten Anfang der 1990er-Jahre, als es vier Tanzgruppen von einer Kinder- bis zu einer Seniorengruppe gab. Heute tanzen nur noch 15 Frauen und Männer aktiv. Der Jüngste ist 18 Jahre alt, der Älteste – nämlich Karl Raminger – 66. Neumitglieder sind herzlich willkommen. „Die Geselligkeit und die Lust am Feiern stehen bei uns an erster Stelle“, sagt der Vereinschef. Zu sehen ist das immer sehr eindrucksvoll beim Siedlungsfest, das sich längst zu einem Stadtteilfest für alle Geretsrieder entwickelt hat.

Kontakt

Karl Raminger, Telefon 0 81 71/2 74 87 oder E-Mail karlraminger@onlinehome.de

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