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Die Tasse muss mit: Nach über 40 Jahren Dienstzeit verabschiedet sich Geretsrieds Polizeichef Walter Siegmund in den Ruhestand. 27 Jahre begleitete ihn diese Tasse, die ihm Kollegen in Weilheim geschenkt haben.

„Ich habe es nicht bereut“

Polizeichef Siegmund im Abschiedsinterview

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Fast sein ganzes Berufsleben hat Polizeichef Walter Siegmund (60) in Geretsried verbracht. Ende des Jahres 2017 geht der Inspektionsleiter mit den fünf silbernen Sternen auf den grünen Schulterklappen in den Ruhestand. Im Interview blickt der gebürtige Altöttinger auf über 40 Jahre Dienstzeit als Polizist zurück

Herr Siegmund, Sie haben über 40 Jahre als Polizist gearbeitet. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Es hat sich alles geändert, insbesondere die Technik. Als ich 1973 in Altötting angefangen habe, war die Telefonvermittlung noch ein Riesenkasten. Wenn ein Gespräch reingekommen ist, musste man erst einen Knopf drücken, dann ein Kabel in die Buchse stecken, um mit der entsprechenden Nebenstelle verbinden zu können. Heute drückt man einfach aufs Knöpfchen der Telefonanlage.

Im Zeitalter von Smartphones und WLAN kann man sich das heute kaum noch vorstellen.

Ja, damals gab es noch Telefone mit Wählscheibe. Und wir sind noch mit einem VW-Käfer herumgefahren und nicht mit einem Turbo-Diesel. Aber so ändert sich die Zeit, und die Polizeiarbeit hat sich mit angepasst.

Die Entwicklung der Technik macht Fahrzeuge immer sicherer. Wie hat sich das auf Verkehrsunfälle ausgewirkt?

Dank Sicherheitsgurt, Knautschzone und Antiblockiersystem gibt es nicht mehr so viele schwere Unfälle wie früher. Damals hatten wir im Jahr mehrere Verkehrstote zu beklagen. Das hat sich schon drastisch reduziert. 2017 hatten wir keinen einzigen Verkehrstoten. Ich hoffe, dass das noch lange, lange so bleiben wird.

Haben sich auch die Unfallschwerpunkte verändert?

Mir war es immer wichtig, dass man Unfallschwerpunkte erkennt und entsprechende Maßnahmen ergreift. Die Staatsstraße 2072 in Richtung Bad Tölz zum Beispiel war vor ein paar Jahrzehnten im Bereich Unterleiten ein Unfallschwerpunkt. Da hatten wir jedes Jahr Tote. Ab Bairawies ist die Straße sauber ausgebaut worden, und die Kurven wurden entschärft. Auch die Fahrbahn ist breiter, und siehe da, dort haben wir keine schweren Unfälle mehr. Ich würde mir wünschen, dass auch der Rest Richtung Ascholding bald ausgebaut wird.

Wohl kaum zurückgegangen sein dürfte der Drogenkonsum. Synthetische Rauschmittel sind seit Jahren auf dem Vormarsch.

Seit Mitte der 1970er Jahre nimmt der Konsum von Betäubungsmitteln und damit auch die Kriminalität in diesem Bereich zu. In den 1980er und 1990er Jahren ist es immer mehr geworden ist. Damals hatten wir noch keinen eigenen Mitarbeiter, der sich um Rauschgiftdelikte gekümmert hat. Heute schon, und er ist völlig ausgelastet. Wir könnten da noch mehr machen, wenn wir mehr Personal hätten.

Vermutlich trifft das auch auf die Internetkriminalität zu.

Beleidigungen und Betrügereien spielen sich oft im Internet ab. Es hat sich einfach Vieles dorthin verschoben.

Viele Betrüger greifen aber auch zum Telefon.

Der sogenannte Legendenbetrug oder auch Enkeltrick-Betrug hat in den vergangenen Jahren wirklich gravierend um sich gegriffen. Da versuchen die Betrüger, Leute am Telefon abzuzocken. Sie haben schon so manchen älteren Menschen um sein Erspartes gebracht. Das hat es früher nicht gegeben, und wir warnen immer wieder vor solchen Anrufern.

Während Ihrer Dienstzeit waren Sie auch in Weilheim und Bad Tölz. Sie können Geretsried also gut mit diesen Städten vergleichen. Ist Geretsried wirklich einfach anders?

Geretsried ist ja noch sehr jung, natürlich gibt es da Unterschiede zu gewachsenen Städten. Aber der negative Touch, der der Stadt manchmal noch anhaftet, stimmt keinesfalls. Hier passieren auch nicht mehr Straftaten als anderswo. Geretsried ist multikulti, und die verschiedenen Gruppen leben friedlich neben- und miteinander.

Sind Sie immer mit Deutsch weitergekommen?

(schmunzelt) Ja, oder mit Englisch. Manchmal haben wir uns auch mit Händen, Füßen und Gesten verständigt, aber eine andere Fremdsprache musste ich mir hier nicht aneignen.

Geretsried ist die größte Stadt im Landkreis. Wie groß ist Ihre Dienststelle?

Im Landkreis ist sie mit Wolfratshausen vergleichbar. Bei uns arbeiten etwa 30 Polizisten, bis zu einem Drittel davon sind Frauen. In unserem Dienstbereich, der sich über 170 Quadratkilometer erstreckt, betreuen wir gut 31 000 Einwohner.

 Sind Sie früher mehr auf Streife gewesen?

Bedingt durch die Leitung der Inspektion bin ich dazu leider nur noch selten gekommen. Es ist sicherlich nicht verkehrt, wenn man mit den Bürgern mehr Kontakt hat. Ich denke schon, dass sich das subjektive Sicherheitsgefühl erhöht, wenn man einen Polizisten sieht.

In Geretsried gab es ja auch mal eine kleine Rotlichtmeile.

(lacht) Das war in der Zeit, als ich nicht in Geretsried war. Aber das stimmt, ich kann mich dunkel daran erinnern. Auf der Böhmwiese und auf dem Parkplatz an der Tattenkofener Brücke standen Wohnwagen, in denen Damen ihre Dienste angeboten haben. Auf den Wagen war ein rotes Herzerl drauf. Ich meine, dass um die Weihnachtszeit mal einer abgebrannt ist. Dann hat sich das Ganze aufgelöst.

Wollten Sie schon immer Polizist werden?

Ich war 14 oder 15 Jahre alt, als ich mich dazu entschlossen habe. Jetzt, mit knapp 61, kann ich sagen: Ich habe es nicht bereut. Klar, es gibt schöne, aber auch unangenehme Dinge, mit denen man zurecht kommen muss. Aber mir hat mein Beruf Spaß gemacht. Es war etwas, worin ich einen Sinn gesehen habe. Es war eine schöne Zeit.

Was hat Ihnen Spaß gemacht?

Das Schöne an meinem Beruf war sicher die Abwechslung. Dass man mit Menschen zusammenkommt, immer vor neue Herausforderungen gestellt wird, für die man eine Lösung finden muss. Unangenehm war das Überbringen von Todesnachrichten, vor allem, wenn ein junger Mensch verunglückt war. Aber auch das muss irgendjemand tun. Das ging mir schon nahe.

Dazu gehören sicher auch Mordfälle. Welche sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Ich erinnere mich an einen Fall, das war 1997, als ein älterer Herr an der damaligen Kolbenheyerstraße (heute Graslitzer Straße, Anm. d. Red.) seine Schwester getötet hat. Er hat die Leiche zerstückelt und sie dann am Radweg entlang im Stadtwald verteilt. 2009 wurde ein Mann in München umgebracht. Seine Arme fand man bei uns in der Isar und den Torso in Tschechien. Der letzte große Fall in unserem Bereich war der Doppelmord in Höfen vor knapp einem Jahr.

Wie sehr haben Sie solche Fälle nach Dienstschluss beschäftigt?

Solche Ereignisse lassen sich nicht ausblenden, ebenso wenig, wenn Kollegen verletzt sind oder krank werden. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die in ihrem Kopf einfach einen Schalter umlegen können.

Mussten Sie schon einmal Ihre Waffe benutzen?

Ich habe meine Waffe ein paar mal benutzt, aber nie auf Menschen gerichtet. Dreimal musste ich verletzte Tiere von ihren Leiden erlösen. Ich glaube, es waren ein Reh, eine Katze und noch ein Tier, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Ich bin froh, dass ich meine Pistole sonst nie gebraucht habe.

Haben Sie mal einen Strafzettel bekommen?

Ja, hab’ ich. Einmal habe ich die Parkzeit überschritten, das hatte ich übersehen.

Sind Sie auch schon geblitzt worden?

Ja, in den Osterferien an der Adalbert-Stifter-Straße, dort wo 30 erlaubt ist. Ich war sechs Stundenkilometer zu schnell. Man ist Mensch und macht Fehler.

Der Bulle von Tölz ermittelte fürs Fernsehen in der Kurstadt, Hubert und Staller tun das noch in Wolfratshausen. Was würden Sie von einer Krimi-Serie in Geretsried halten?

(schmunzelt). Warum nicht? So was kann man überall drehen. Und in unserem Dienstbereich ist ja auch schon gefilmt worden, für Hubert und Staller und die Rosenheim-Cops.

Vom Praktikanten zum Polizeichef

Walter Siegmund stammt aus Altötting. Auf der dortigen Polizeidienststelle hat er 1973 ein Praktikum absolviert. Damit waren die Weichen für die Zukunft gestellt. 

Die Ausbildung zum Polizisten dauerte von 1974 bis 1976. Anschließend kam Siegmund nach Geretsried. Von 1984 bis 1986 studierte er an der Beamtenfachhochschule. 

Eineinhalb Jahre war Siegmund in Weilheim tätig, zwei Jahre in Bad Tölz. 

1990 kehrte er nach Geretsried zurück. Ein Jahr später wurde Siegmund zum stellvertretenden Dienststellenleiter befördert, von 2001 bis 2017 leitet der Polizeihauptkommissar die Inspektion mit derzeit gut 30 Polizisten.

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