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Dr. Kubra Panahi kämpfte in Afghanistan gegen Jungfräulichkeitstests - dann kamen die Taliban

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Von: Susanne Weiß

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Dr. Kubra Panahi  auf ihrem Balkon in Geretsried
Auf eine gute Zukunft in Deutschland hofft Dr. Kubra Panahi – besonders für ihre beiden Söhne. Wie es der afghanischen Tradition entspricht, hat sie fürs Foto ein Tuch über ihre Haare gelegt. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Dr. Kubra Panahi musste mit ihrer Familie vor den Taliban fliehen. Nun baut sich die Afghanin in Geretsried ein neues Leben auf.

Geretsried – Es schien ein Tag zu sein, wie jeder andere auch. Dr. Kubra Panahi arbeitete, alles ganz normal. Doch dann schaltete sie den Fernseher an, und ihre Welt implodierte. Es sprach einer der Führer der radikalislamistischen Taliban – in Kabul. „Wir dachten, niemand lässt die Taliban kommen, besonders nicht in die Hauptstadt“, sagt die 33-Jährige.

Etwa ein Jahr später sitzt sie im Wohnzimmer in ihrer möblierten Wohnung in Geretsried. Mandeln, Walnüsse und Cashews liegen auf einem Fondueteller in 1970er-Jahre-Braun. Panahi hat ihn im Schrank entdeckt und zweckentfremdet, erklärt sie lachend auf Englisch. „Wir haben dafür eigentlich etwas anderes, aber so etwas konnte ich hier nicht finden.“

Für Panahi, ihren Mann und die beiden Söhne (vier und zehn) ist nichts mehr, wie es war. Hinter ihnen liegen die wohl schwierigsten Monate ihres Lebens. Die Afghanin arbeitete in Kabul als Genderbeauftragte für das Gesundheitsministerium. Der Mann im Fernsehen verkündete die Machtübernahme durch die Taliban und behauptete, es bestehe keine Gefahr, besonders nicht für Staatsbedienstete. „Aber es war gefährlich“, sagt Panahi.

Ärztin kämpfte gegen Tests auf Jungfräulichkeit

Wie viele andere Ortskräfte betraf sie der Umsturz persönlich. Die 33-Jährige engagierte sich gegen Jungfräulichkeitstests und damit für Frauenrechte. In Afghanistan ist es gängige Praxis, dass angehende Ehemänner beziehungsweise deren Familien die Braut zum Arzt schicken, um einen Nachweis zu erlangen, dass sie noch keinen Geschlechtsverkehr hatte. Sie nehmen an, das wäre ein medizinischer Test. „Aber das ist es nicht“, betont die 33-Jährige. Ein negatives Ergebnis habe ernste Konsequenzen für die Frauen. Darüber klärte sie andere Ärzte auf, gefördert haben das Programm mehrere europäische Länder. Jungfräulichkeitstests und Gewalt an Frauen sollten ein Ende haben in Afghanistan. Die Taliban sehen das anders.

Kubra Panahi hat als kleines Mädchen erlebt, wie es war, als die Terrormiliz schon einmal an der Macht war. „Das waren harte Jahre“, erinnert sie sich. Als die Amerikaner nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Afghanistan einmarschierten, begann für Panahi ein „sehr schönes Leben“. Sie wuchs in Masar-e Scharif im Norden des Landes auf, ging mit ihren Geschwistern zur Schule. Ihre Mutter hatte eine Landwirtschaft und gab den Nachbarskindern Nachhilfe in Lesen und Schreiben.

Geretsried: Ärztin aus Afghanistan flieht vor Taliban 

Für viele Frauen in Afghanistan endet der Bildungsweg, wenn sie heiraten und Kinder bekommen. Bei Panahi ging es danach erst richtig los. Ihr Mann, ein IT-Experte, ermöglichte ihr, eine Privatuniversität zu besuchen. „Weil er mich liebt“, sagt Panahi und hebt verschämt die Schultern. Die beiden hatten sich bei der Arbeit für einen Fernsehsender kennengelernt, heirateten 2012 und bekamen ihr erstes Kind. Tagsüber kümmerte sich die Afghanin um ihren Sohn, nachts arbeitete sie im Krankenhaus oder lernte. „Es war hart, aber schön.“

Ihr Mann und sie sind zielstrebig. „Ein Leben ohne Bildung ist dunkel“, findet die 33-Jährige. Das ist es auch, was sie an Deutschland schätzt. „Es ist ein Land für Menschen, die Ziele haben.“ Sie sei froh, dass ihren beiden Kindern hier eine gute Zukunft und ein gutes Leben möglich sein werden.

Die Flagge Afghanistans
Afghanistan © PMS-Grafik

Dabei ist die Familie mehr oder weniger zufällig in Deutschland gelandet. Als die Taliban in Kabul einfielen, überlegte sie, wie es jetzt weitergeht. „Es war hart zu entscheiden, ob wir bleiben oder gehen“, sagt Panahi. Ihr Mann habe Visa für das benachbarte Pakistan beantragt. Als er erfuhr, dass ihr Antrag abgelehnt würde, gab es kein Zögern mehr. Sie packten ihre Koffer, Panahi zog sich einen Ganzkörperschleier über, und sie stürmten mit ihren beiden Kindern zur Grenze. „Ich will nicht daran denken, aber ich kann es nicht vergessen“, sagt die 33-Jährige mit Tränen in den Augen. Besonders, dass sie sich nicht von ihrer Mutter und ihren Schwestern verabschieden konnte, belastet sie. Jeden Tag habe sie Kontakt, wenn das Internet in Afghanistan funktioniere. „Ich vermisse sie.“

„Wir versuchen, ein normales Leben zu führen.“

Von Pakistans Hauptstadt Islamabad aus bewarben sich Panahi, ihr Mann und die beiden Söhne in verschiedenen europäischen Ländern um die Aufnahme. „Deutschland akzeptierte meine Dokumente“, erzählt die 33-Jährige froh. Nach drei Monaten bangen Wartens saß die Familie im Flieger nach Hannover. Von dort kam sie erst in eine Unterkunft nach Allach bei München und schließlich nach Geretsried. Sechs Monate verbrachten die Vier im Übergangswohnheim an der Jahnstraße, bis sie endlich eine Wohnung fanden. „Das waren großartige Neuigkeiten.“

Ein bisschen in den Alltag hat die Familie inzwischen gefunden. Vormittags arbeitet die Ärztin in der Kreisklinik. Auch wenn es mangels Sprachkurs nur ein befristetes Praktikum in der Pflege ist – „Arbeit ist gut für mich“, sagt die 33-Jährige. Nachmittags kümmert sich Panahi um die Kinder, ihr Mann lernt Deutsch. Er hofft, einen Job als Programmierer zu finden. „Er liebt Computer.“ Der zehnjährige Sohn geht zur Schule, der Vierjährige wartet auf einen Kindergartenplatz. Am Wochenende geht die Familie in den Park oder fährt nach München. Panahi: „Wir versuchen, ein normales Leben zu führen.“

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Das Beste aus beiden Welten

Geboren bin ich in Afghanistan. Das 652 864 Quadratkilometer große Land ist ein Binnenstaat an der Schnittstelle von Südasien, Zentralasien und Vorderasien. Schätzungen zufolge hat es 38,9 Millionen Einwohner. Die Hauptstadt ist Kabul.

Das lustigste Missverständnis: Neulich sind mein Mann und ich zum Arzt gegangen und wollten ihm sagen, er hätte einen „common cough“, also einen gewöhnlichen Husten. Der Google-Übersetzer machte aber „zusammen Husten“ daraus. Und als mein Mann „Honey“ kaufen wollte, also Honig, sagte er durch die falsche Übersetzung „Schatz“ zum Verkäufer. Ich fürchte, das passiert uns ständig, aber die Leute weisen uns nicht immer darauf hin. Deutsch ist eine schwierige Sprache.

Der größte Unterschied: In Deutschland ist es sehr still, besonders sonntags. Bei uns ruft man dem Nachbar über den Balkon zu, wenn man ihn sieht. Und an freien Tagen kommt man in großen Runden mit Freunden, Familien und Nachbarn zusammen.

Was ich an den Deutschen nie verstehen werde: Hier gibt es Vegetarier. Bei uns ist Fleisch das wichtigste Nahrungsmittel. Besonders wenn Besuch kommt, tischen wir alles auf: Reis mit Fleisch, Kartoffeln mit Fleisch, Fleisch mit Fleisch.

In Bayern sagt man „Grüß Gott“, in meiner Muttersprache heißt es „Salam“.

Mein Leibgericht ist: Qabili Palaw, das ist afghanischer Reis mit Fleisch.

Was ich an meinem Herkunftsland schätze ist die gute Freundschaft und Familie, die ich erleben durfte.

Und an Geretsried: Ich kenne noch nicht so viel, aber ich mag die Isar, die Berge und die vielen Bäume.

Eine Stadt - 106 Nationen: Bislang erschienen

195 Länder zählt die UNO auf der Welt. In der Stadt Geretsried sind 106 Nationalitäten registriert (Stand 8. Juni). Unsere Zeitung will dieser Zahl ein Gesicht geben und stellt in loser Reihenfolge Menschen aus allen Teilen der Welt vor, die in Geretsried eine neue Heimat gefunden haben.

Ukraine: Sie hat einen deutschen Namen. Aber lange Zeit wusste Anita Weininger gar nicht, dass sie deutsche Vorfahren hat. „Das Thema war bei uns in der Familie tabu“, sagt die gebürtige Ukrainerin. Zuhause in Lemberg wurde auch kein Deutsch gesprochen. Das lernte sie erst später auf Umwegen.

Weißrussland: In ihrer Heimat Weißrussland, auch Belarus genannt, hat Ala Aliakseyenka Deutsch und Englisch studiert. Jetzt unterrichtet sie in Geretsried zweisprachige Kinder in Russisch, ihrer Muttersprache. Hier geht es zum Artikel.

Niederlande: Sein Vater war ein Niederländer, und seine Mutter eine gebürtige Niederbayerin. Sein Nachname stammt aus Nordfrankreich. Hans de Caluwé ist eine richtige europäische Mischung. Seit 1976 lebt der groß gewachsene Mann mit seiner Frau in Geretsried.

Kasachstan: Zwei Dinge sind Larisa Sulemenov sehr wichtig: Lehrerin zu sein und ihre Familie um sich zu haben. Dass sie beides in ihrem Leben nicht miteinander vereinbaren kann, betrübt die 55-Jährige etwas. Aber sie hat für sich einen guten Weg gefunden, sodass sie heute sagen kann: „Ich bin froh, dass ich da bin.“ Ihre Geschichte.

Russland: Elsa Kodeda (39) aus der Republik Tatarstan, die zur Russischen Föderation gehört. Wie es die ausgebildete Opernsängerin ausgerechnet nach Geretsried verschlug. 

Argentinien: Sebastian Lachner (22) schwört auf sein National-Getränk. Der Mate-Tee wird auf eine ganz besondere Weise getrunken.

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