+
Keimzelle: das erste Labor der Dr. Th. Böhme in Gartenberg.

Serie: Geretsrieder Wirtschaftswunder  

Die Anfänge der chemischen Fabrik Dr. Th. Böhme

Vor gut 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen in Geretsried an. Aus dem Nichts mussten sie sich eine neue Existenz aufbauen. In unserer Serie „Geretsrieder Wirtschaftswunder“ stellen wir Unternehmer vor, die den Grundstein für den heutigen Wirtschaftsstandort legten. Heute: Dr. Theodor Böhme.

Geretsried – Es war im Herbst 1948, als Dr. Theodor Böhme im fränkischen Hilpoltstein die Empfehlung vom damaligen Wirtschaftsministerium in München erhielt, sich das ehemalige Sprengstoffwerk bei Gelting anzusehen. Er suchte einen Standort zur Verlagerung seiner jungen Firma. Also schaute er sich die Gegend an.

Hoch oben: Erst einmal mussten die stillgelegten Versorgungsleitungen abgebaut werden.

Was Böhme vorfand, schien zunächst abschreckend, schreibt Dr. Heiko Böhme, der die Firmengeschichte dokumentiert hat: Das Chaos der zum Teil gesprengten Bunker, die enttarnten Gebäude, die man wegen der vom Dach geschobenen Erd- und Kiesmassen und der gefällten und herumliegenden Bäume oft kaum betreten konnte. Die Keller voll Wasser, überall herumliegende Betonbrocken und zerbrochene Glasscheiben. Alles Metall, teils auch Kabel, demontiert oder entwendet. Und dennoch – ein Geländeabschnitt in Gartenberg schien geeignet: es gab feste Gebäude, ein sicheres Dach, Wasser- und Kanalanschlüsse, teils noch vorhandene Elektroleitungen, betonierte Straßen und vor allem einen Gleisanschluss, den Böhme für den Transport von Roh- und Fertigprodukten als dringend notwendig erachtete.

Markenzeichen: der aufgestockte und angebaute Bunker.

Bis zu ihrer Zerstörung 1945 hatte die Firma ihren Sitz in Dresden. Dort war sie 1879 von Adolf Theodor Böhme gegründet worden. Als die russische Besatzung einmarschierte, sah sich die Familie von Dr. Theodor Böhme, Großneffe des Firmengründers, zur Flucht in den Westen veranlasst. In Hilpoltstein bei Nürnberg gründete er zusammen mit seinem Bruder Gerhard 1946 die Firma neu und produzierte im Schuppen einer Spedition zunächst neu entwickelte Holzweichmacher für die Bleistiftindustrie und Färbereihilfsmittel für die Textilindustrie. Eine sinnvolle Erweiterung war dort aber nicht möglich. Sollte man wirklich „in den Busch“ nach Gartenberg umziehen? Die beiden Brüder taten es.

Bereits vor dem Winter 1948 begannen Handwerker damit, die Gebäude frei zu räumen und herzurichten. Die für chemische Prozesse unerlässliche Dampfversorgung wurde durch den Kauf einer kleinen Feldbahnlok sichergestellt, die im Wald in Gartenberg stand. Vier Jahre lieferte sie den Dampf für Produktion und Heizung. Im Mai 1949 fand der große Umzug der Familie Böhme mit sechs Mitarbeitern und deren Familien statt. Auch die Produktionskessel kamen mit. Nach acht Tagen begann man mit dem ersten Produktionsansatz. Während des Jahres 1949 zählte man 27 Mitarbeiter. Bald konnten die Böhme-Produkte auf dem Markt an den guten Ruf der Dresdner Zeit anknüpfen.

Reine Männersache: die erste Belegschaft von 1949 vor einem der Bunker auf dem Betriebsgelände.

Längs der Gleistrasse wurde – oft mit vielen Provisorien – ein Gebäude nach dem anderen für die Produktion hergerichtet und in Betrieb genommen. Es folgten Lagerhallen, und für die Handwerksbetriebe, die man im eigenen Hause pflegte, wurden Werkstätten eingerichtet. Erst 1956 konnte das Unternehmen das bis dahin gepachtete Gelände von der Landesanstalt für Aufbaufinanzierung (LfA) kaufen.

Die Firma wuchs, und viele der Böhme-Hilfsmittel wurden in der Textilindustrie und später auch in der Leder- und Kunststoffindustrie zu marktführenden Produkten. Die neuen, nichtionischen oberflächen-aktiven Verbindungen waren als Waschmittel und Emulgatoren zunehmend auf dem Markt gefragt.

Um für diese Verbindungsklasse von der Belieferung durch die Großindustrie unabhängig zu werden, und um diese Produkte für die eigenen Bedürfnisse „maßschneidern“ zu können, wurde eine neue Produktionsanlage konzipiert und 1960 in Betrieb genommen. Voraussetzung war auch das funktionierende Industriegleis, da bestimmte Rohstoffe nur per Schiene transportiert werden durften.

Hemmschuh für großzügigere Investitionen waren des Öfteren das knappe Eigenkapital. In den ersten Jahren war es die LfA, die mit Krediten half. Als die Firma buchstäblich aus den Nähten zu platzen drohte, wurden ab 1980 neue Produktionshallen samt Anlagen, ein neues Kesselhaus, neue Gebäude für Entwicklung und Anwendungstechnik, Hallen für das Lagern und Handling von Fässern und Containern sowie ein Hochregallager mit Büroetagen, Arztraum und Betriebsrestaurant gebaut. Investiert wurde auch in Tanklager, Abfüllanlagen, Rohstofflager und Logistik.

Aus den 27 Mitarbeitern von 1949 wurden 220 im Jahr 1969 und 570 Mitarbeiter bis 1991. Stück für Stück wurden im Ausland Kooperationen geschlossen oder Tochtergesellschaften gegründet (zum Beispiel in Österreich, Ecuador, Israel, Brasilien, Australien, Nord-Amerika, Spanien, Thailand und China). Das war auch notwendig, da nach den Boomjahren die Zahl der textil- und lederherstellenden Betriebe in Deutschland ständig abnahm und stattdessen – meist in Niedriglohnländern – neue Betriebe gegründet wurden. Man musste mit den Hilfsmitteln flexibel vor Ort sein, um bestehen zu können. Böhme war schließlich in der ganzen Welt vertreten. 2004 betrug der Weltumsatz 145 Millionen Euro. Es wurden weltweit über 101 000 Tonnen produziert und verkauft von insgesamt über 750 Mitarbeitern.

Alters- und gesundheitsbedingt veränderte sich der Familien-Gesellschafterkreis und die Geschäftsführung. Dr. Theodor Böhme war noch Allein-Geschäftsführer; in der nächsten Generation waren ab den 1970er und 80er Jahren Dr. Peter, Holger und Dr. Heiko Böhme gemeinsame Geschäftsführer in Geretsried. 1996 schied Holger Böhme, der 2003 verstarb, aus der Geschäftsführung aus, 1997 Dr. Heiko Böhme und 1999 Dr. Peter Böhme, während die nächste Familiengeneration durch Erbfälle und Schenkungen in den Gesellschafterkreis hineinwuchs. Einige Gesellschafter mussten sich durch Anwälte vertreten lassen. Die Geschäftsführung und der Beirat wurden satzungsbedingt fortan in familienfremde Hände gelegt. Damit änderte sich der Charakter des Familienunternehmens.

Für die notwendigen Investitionen sowohl am Standort Geretsried als auch international wurden immer mehr Mittel benötigt. Man musste erkennen, dass für diesen inzwischen groß gewordenen Konzern die Familienmittel nicht mehr ausreichten, sondern zusätzliches Kapital für eine weitere positive Entwicklung erforderlich war. Um die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft zu stellen, empfahlen Berater und Banken den Verkauf der Firma. Die Entscheidung fiel zugunsten von DyStar – einem ehemals deutschen Farbenkonzern, der ab 2006 die alleinige Verantwortung trug. Nach der Insolvenz kaufte die Düsseldorfer Firma Pulcra Chemicals 2010 das rund 62 000 Quadratmeter große Gelände auf. Inzwischen zählt das Chemiewerk wieder zu einem der größten Arbeitgeber in der Stadt.

Quelle

In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried (AKHG) 2010 ein Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung des AKHG veröffentlichen wir einzelne Kapitel aus der vergriffenen Publikation, die es mittlerweile als E-Book gibt. Infos bei Gerhard Aumüller (Telefon 0 81 71/ 34 04 40, E-Mail: gerhard@ auge-web.de).

red

Lesen Sie auch: „Chemie-Betrieb von Weltformat“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Weil Polizei keine Fahndung einleitet: Anrufer beleidigt Polizisten
Geretsried - Ein Schlosser hat immer wieder das Gefühl bedroht zu werden - so auch kürzlich. Als ein Polizist sich weigerte, eine Fahndung einzuleiten, wurde er …
Weil Polizei keine Fahndung einleitet: Anrufer beleidigt Polizisten
Mit dieser Besonderheit will die Königsdorfer Feuerwehr zum Tölzer Festzug
Bei der Königsdorfer Feuerwehr laufen Vorbereitungen der besonderen Art. Wenn die Tölzer Kameraden das 150-jährige Jubiläum mit einem Festzug feiern, soll ein …
Mit dieser Besonderheit will die Königsdorfer Feuerwehr zum Tölzer Festzug
Radlader stürzt in Grube - 70-Jähriger verletzt
In Geretsried ist am Samstag ein Radlader in eine Grube gestürzt. Der Mann, der darin saß, kam verletzt in eine Klinik.
Radlader stürzt in Grube - 70-Jähriger verletzt
Garten-Soiree: Bürgermeister gibt sich kämpferisch
Ein Hauch von Frankreich wehte am Donnerstagabend durch die Ratsstuben. Bürgermeister Michael Müller hatte zur Garten-Soiree mit Chanson-Musik und französischem Buffet …
Garten-Soiree: Bürgermeister gibt sich kämpferisch

Kommentare