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Da war die Welt noch in Ordnung: Im März 2015 eröffnete die Bauer Group ihr neues Produktionswerk in Geretsried. Damals standen Vertreter der Firma, der Stadt und des Landkreises noch einträchtig nebeneinander. Das Foto zeigt (v. li.) Andreas Ross (Wirtschaftsförderer des Landkreises), die Geschäftsführenden Gesellschafter Dr. Monika und Philipp Bayat mit ihren Kindern Sophia und Emanuel, Bürgermeister Michael Müller, Seniorchef Heinz Bauer sowie die Geschäftsführer Peter Kamm und Stefan Hacker.

„Fehlplanung“ und „städtebauliche Sünde“ 

Lorenz-Areal: Bauer Group wehrt sich mit allen Mitteln gegen das Wohngebiet

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768 Wohnungen sind auf dem ehemaligen Lorenz-Areal an der Banater Straße geplant. Die benachbarte Firma Bauer sieht das kritisch und will sich wehren.

Prof. Dr. Stephan Heller beantwortet im Auftrag der Firmeninhaber die Fragen an die Bauer Group

Geretsried Auf dem 4,7 Hektar großen ehemaligen Lorenz-Areal zwischen Elbe- und Banater Straße soll ein neues Quartier mit 768 Wohnungen entstehen. An diesem Dienstag befasst sich der Entwicklungs- und Planungsausschuss des Stadtrats mit den Einwänden, die während der erneuten öffentlichen Auslegung des Bebauungsplans eingegangen sind. Als benachbartes Unternehmen hat die Bauer Group bereits mit Klage gegen die Pläne gedroht. Unsere Zeitung hat bei der Familie Bayat als Geschäftsführende Gesellschafter nachgefragt. In deren Auftrag hat Prof. Dr. Stephan Heller, Vorstandsvorsitzender der Heller & Partner Marketing Services AG, die Fragen schriftlich beantwortet.

Herr Heller, mit der Änderung des Flächennutzungsplans hat der Stadtrat im Dezember dem Wohngebiet an der Banater Straße den Weg geebnet. Sie haben die Planungen vom ersten Tag an kritisch gesehen. Aus welchem Grund?

Mitten in ein funktionierendes Gewerbe- und Industriegebiet jetzt eine riesige, überdimensionierte Großsiedlung zu bauen, ist eine städtebauliche Sünde. Die Unternehmen hier haben natürlich Verkehr, viele der Firmen hier produzieren im Drei-Schicht-Betrieb, haben Emissionen – hier passt kein Wohngebiet her.

Sie halten den Standort für ein Wohngebiet also für falsch?

Der Standort ist absolut falsch und doch nur deshalb jetzt in der Planung, weil die Grundstückseigentümerin, die Firma Krämmel, mit höchstem Nachdruck aus ihrem Gewerbegebiet ein weitaus hochwertigeres und wertvolleres Wohngebiet machen möchte. Nehmen Sie mal ein Luftbild und schauen sich an, wo jetzt mehr als 2000 Neubürger angesiedelt werden sollen. Da ist die Industriebahnachse, die für die Firmen Pulcra und Tyczka lebenswichtig ist. Da ist unser Betrieb, Bauer Kompressoren, mit über 500 Mitarbeitern, der vor noch nicht einmal 20 Jahren hier mit einem enormen hohen dreistelligen Millionenaufwand angesiedelt wurde.
Natürlich löst Bauer Kompressoren wie jeder produzierende Industriebetrieb Belastungen aus. Weil Geretsried aber zugesagt hatte, dass Bauer hier dauerhaft produzieren darf, ist das Unternehmen hierhergekommen, hat investiert und viele hochwertige Arbeitsplätze geschaffen.
Übrigens: Wir verstehen wirklich nicht, dass die Firma Krämmel selbst auf dem ehemaligen Sieber-Grundstück ganz offensichtlich die Ansiedlung eines Industriebetriebs im Drei-Schicht-Betrieb plant und damit den Konflikt sogar selbst noch zur Steigerung des Profits befeuert.

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Sie halten Konflikte für unausweichlich?

Die Konflikte mit den neuen Nachbarn sind vorhersehbar. Sie wissen doch, wie schnell in Deutschland geklagt wird. Da zählt dann nicht, dass wir und alle anderen Betriebe zuerst hier waren.

Aber Geretsried braucht dringend Wohnraum.

Es gibt in Geretsried viele andere Standorte, an denen die Stadt ortsverträglich wachsen kann und den dringend benötigten Wohnraum schaffen könnte. Andere Grundstückseigentümer und Investoren bieten gute Alternativen. Aus meiner Sicht und aus Sicht der Geschäftsführer von Bauer ist die Planung für Geretsried zudem nicht gut, weil sie die Neubürger auf eine Insel ins Gewerbegebiet setzt und nicht in den lebendigen Ort integriert. Es gibt in Geretsried keine vergleichbar dichte, keine vergleichbar hohe und keine vergleichbar große Siedlung. Der Ort wächst auf einen Schlag um 15 Prozent. Menschen, die weit weg vom Ortskern mitten in unserem Industriegebiet leben sollen. Das macht doch keinen Sinn.

Der vorhabenbezogene Bebauungsplan für das Wohngebiet ist erneut ausgelegt worden. Haben Sie dazu auch eine Stellungnahme abgegeben?

Natürlich haben die Geschäftsführer Monika und Philipp Bayat sehr ausführlich erneut ihre erheblichen Bedenken gegen diese falsche Planung formuliert. Sie haben übrigens diese Bedenken, seitdem die Stadt hier eine Wohnbebauung plant, deutlich hinterlassen. Wir können nicht verstehen, diese nachvollziehbaren, gutachtlich untermauerten Bedenken nicht zu reflektieren. Es geht bei unseren Bedenken ja nicht nur um die Unternehmen Bauer Kompressoren und Uniccomp.

Sondern?

Die Planung greift zum Beispiel auch erheblich in den sensiblen Grundwasserspiegel von Geretsried ein. Die riesige Tiefgarage wird das Grundwasser aufstauen. Unsere Gutachter warnen davor, dass dies schlimme Auswirkungen für viele Häuser haben wird. Geretsried hat keinen besonders starken Haushalt und ist nach München, was die Gewerbesteuer betrifft, die teuerste Stadt in ganz Oberbayern. Wenn wir und andere Firmen hier nicht mehr produzieren können – und das befürchten wir leider – wird der Verlust unserer Gewerbesteuer im Stadthaushalt eine deutliche Lücke hinterlassen. Was das für Geretsried bedeutet, kann sich jeder ausrechnen. Raum für Investitionen gibt es da keinen mehr. Raum für neue Industrieansiedlungen mit einem wieder guten Steueraufkommen gibt es ebenfalls nicht. Und wie Geretsried seine Betriebe behandelt und vertreibt, wird schnell die Runde machen. Wir wollen für die ganze Stadt Geretsried diese Fehlplanung vermeiden und hoffen darauf, dass der Stadtrat erkennt, dass das kein gutes Projekt für Geretsried ist. Noch ist eine Umkehr möglich.

Das ehemalige Lorenz-Areal ist umgeben von Industriebetrieben. Auf dem Foto links sieht man rechts die Dachlandschaft der Bauer Group. Das Unternehmen sieht ein hohes Konfliktpotenzial, wenn direkt daneben Menschen wohnen

Sie beschäftigen an der Bayerwaldstraße 500 Mitarbeiter. Was genau wird dort produziert, und wird im Schichtbetrieb gearbeitet?

Bauer Kompressoren ist Weltmarktführer für Kompressoren. Hier in Geretsried wird natürlich im Schichtbetrieb gearbeitet. Rund drei Viertel aller Taucher weltweit verwenden Bauer-Geräte. Das große internationale Wachstum verdanken wir heute dem boomenden Markt von Gastankstellen, die allesamt nur mit Bauer-Kompressoren arbeiten. Wir sind ein wichtiger Teil der „green energie“.
Natürlich verursacht unser Betrieb Belastungen. Was wir dürfen, ist geregelt, und an diese Vorgaben halten wir uns. Allein unser Ladehof liegt direkt an der Banater Straße gegenüber der geplanten Wohnbebauung. Dort ist Schwerlastverkehr. Dort macht das Be- und Entladen natürlich Lärm. Auch wenn wir modernste Maschinen und Roboter verwenden, erzeugt eine Produktion immer Emissionen. Das ist leider unvermeidbar.

Wie hoch schätzen Sie das Konfliktpotenzial von einem Wohngebiet neben produzierendem Gewerbe ein?

Die Auseinandersetzung ist vorhersehbar und enorm. Wenn weiter so produziert wird, wie das heute zulässig ist, wird das die neuen Nachbarn beeinträchtigen. Sie sind rundum von Unternehmen faktisch „einkesselt“. Sie werden gegen die vorhandenen Belastungen klagen, und wir werden durch die Urteile beschnitten und eingeengt. Eine Produktion wie heute wird es nicht mehr geben. Bauer verliert so seine Wettbewerbsfähigkeit und muss, ob sie wollen oder nicht, den Betrieb verlagern.

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2002 siedelten Sie sich mit Uniccomp, einem Tochter-Unternehmen der Bauer Group, in Geretsried an. 2014 verlagerte die Bauer Group ihre Produktion von München nach Geretsried – aus Platzgründen. An der Wolfratshauser Straße sind Sie irgendwann auch von Wohngebiet umgeben gewesen. Führte das zu Problemen?

Die Bauer Group weiß, wovon sie spricht. Als nach dem Krieg in München-Obersendling auf der grünen Wiese das Unternehmen aufgebaut wurde, gab es keine Nachbarn. Die Wohnbebauung hat uns umzingelt. München hat uns vertrieben, weil wir dort nicht mehr im Schichtbetrieb arbeiten konnten, weil wir eben die jetzt hier befürchteten Konflikte hatten und noch gut kennen. Die Zusagen, die Geretsried Bauer zur Jahrtausendwende gegeben hatte, will die Stadt heute nicht mehr kennen. Welch große Sorgen das mit sich bringt, werden Sie nachvollziehen.

2014 haben Sie in den neuen Produktionsstandort in Geretsried 15 Millionen Euro investiert. Bereuen Sie diese Entscheidung?

Das war eine Fehlentscheidung. Auch wenn Bauer Kompressoren und Uniccomp hervorragende Mitarbeiter haben, die übrigens zu zwei Drittel aus der Stadt Geretsried kommen, war diese Investition aus heutiger Sicht falsch. Die teuren Anlagen können nicht so einfach abgebaut und woanders aufgestellt werden. Neue Unternehmen werden sich hier kaum ansiedeln.

Geplant sind fast 770 Miet-, Sozial- und Eigentumswohnungen.

Sehen Sie sich durch die 768 Wohnungen, die in unmittelbarer Nachbarschaft entstehen sollen, in Ihrer Existenz gefährdet?

Die Existenz unseres Unternehmens ist natürlich nicht gefährdet, aber über kurz oder lang wird es für Bauer keinen Standort Geretsried mehr geben, wenn diese Wohnbebauung tatsächlich kommt. Die Bauer Group ist ein weltweit aktives, starkes Inhaberunternehmen. Natürlich wird uns ein Wegzug von hier viel abverlangen.

Werden Sie den Klageweg beschreiten?

Natürlich werden wir uns mit allen zulässigen Mitteln gegen diese Fehlplanung wenden und den Klageweg bis zur letzten Instanz nutzen. Wir werden diese Klage gewinnen. Wir vertrauen auf das deutsche Recht und die Unabhängigkeit der Gerichte. Natürlich hoffen wir unverändert darauf, doch noch eine andere Entwicklung, eine Korrektur dieser Planung zu erleben und das bisher sehr gute Miteinander zwischen der Stadt und unserer Firma fortzusetzen. Die Geschäftsführer Monika und Philipp Bayat sind unverändert gesprächsbereit.

Info

Der Entwicklungs- und Planungsausschuss des Stadtrats beschäftigt sich an diesem Dienstag, 19. März, mit dem vorhabenbezogenen Bebauungsplan für das neue Wohngebiet auf dem ehemaligen Lorenz-Areal zwischen Elbe- und Banater Straße. Es werden die Stellungnahmen behandelt, die während der erneuten öffentlichen Auslegung der Pläne eingegangen sind. Im Anschluss soll der empfehlende Satzungsbeschluss an den Stadtrat gefasst werden. Die Sitzung beginnt um 17 Uhr im Rathaus und ist öffentlich.

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