Jeden Monat müssen Mieter einen großen Teil ihres Gehalts auf das Konto ihres Vermieters überweisen. In Zeiten von finanziellen Einbußen durch die Corona-Krise wird das teilweise zum Problem.
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Jeden Monat müssen Mieter einen großen Teil ihres Gehalts auf das Konto ihres Vermieters überweisen. In Zeiten von finanziellen Einbußen durch die Corona-Krise wird das teilweise zum Problem.

„Es ist verdächtig ruhig“

Baugenossenschaften und Mieterverein: Ruhe vor dem Corona-Ansturm

  • Susanne Weiss
    vonSusanne Weiss
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Wer wegen Corona finanzielle Schwierigkeiten hat, kann seine Miete stunden. Derzeit haben die Baugenossenschaften kaum Anfragen. Nur die Ruhe vor dem Sturm?

Bad Tölz-Wolfratshausen – Die Corona-Pandemie hat für viele Menschen auch finanzielle Folgen. Selbstständigen brechen Einnahmen weg, Angestellte wurden in Kurzarbeit geschickt. Aus diesem Grund hat der Bundestag beschlossen, Mieter vor einer Kündigung ihrer Wohnung zu schützen. Wem es nicht möglich ist, aufgrund der aktuellen Lage für seine vier Wände zu zahlen, kann einen Aufschub bis Ende Juni bekommen.

Die Zahl derer, die auf diese Option zurückgreifen, scheint im Landkreis bisher überschaubar zu sein. „Wir hatten nicht einmal eine Handvoll Anfragen“, berichtet Britta Wurm, Vorstandsmitglied der Baugenossenschaft (BG) Wolfratshausen. Mit einer Mietpartei hätte man eine Vereinbarung getroffen, zunächst nur einen Teil der Miete zahlen zu müssen. Auch bei der BG Lenggries ist es bislang nur einer von über 1000 Mietern, der um Ratenzahlung gebeten hat. „Selbstverständlich haben wir diese genehmigt, beziehungsweise mit ihm vereinbart“, erklärt Geschäftsführerin Maria Haubner.

Wohnungsmieter, die ihre Miete wegen der Corona-Pandemie stunden, gibt es bei der BG Geretsried bislang nicht, dafür aber Gewerbemieter. „Wenn man die Mieter mit einrechnet, die noch nicht im Rückstand sind, aber Angst davor haben, künftig in Rückstand zu geraten, sprechen wir von einer niedrigen zweistelligen Zahl“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Selig.

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Wer befürchtet, seine Miete nicht mehr stemmen zu können, sollte das Gespräch mit seinem Vermieter suchen, rät der Vorsitzende des Mietervereins Penzberg und Umgebung, Günther Mühlbauer. „Jeder Fall muss individuell geprüft werden“, sagt er. Mühlbauer hatte bislang keine Anrufe wegen Corona. „Es ist verdächtig ruhig“, sagt der Vorsitzende des Mietervereins. Er vermutet: „Das dicke Ende kommt noch.“

Auch Britta Wurm rechnet damit, dass einige erst in den kommenden Monaten auf die BG Wolfratshausen zukommen. „Wir wissen nicht, wann und wie schnell die Wirtschaft wieder anspringt“, gibt das Vorstandsmitglied zu bedenken. Und die finanziellen Auswirkungen würden dem einen oder anderen vielleicht erst in den nächsten Wochen klar. Sie würde sich allerdings wünschen, dass die Wirtschaft schnell wieder anspringt. „Wir haben auch Zahlungen zu leisten“, sagt sie etwa mit Blick auf das große Bauprojekt in Farchet, wo die BG rund 13 Millionen in Sanierung und Neubau investiert.

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Bittet ein Mieter seinen Vermieter um Aufschub der Zahlungen, verlangen Wurm und ihre Kollegen, einen Nachweis, dass hinter den Zahlungsschwierigkeiten tatsächlich die Corona-Krise steckt. „Ein Schreiben vom Arbeitgeber und eine Aufstellung der Einnahmen und Ausgaben genügen“, so das Vorstandsmitglied. Die BG würde den Wünschen in diesen Fällen entsprechen, allerdings sei fraglich, ob die Rückzahlung zu einem späteren Zeitpunkt einfacher sei. „Es sollte jeder versuchen zu zahlen“, empfiehlt Wurm.

Das sieht Wolfgang Selig ähnlich. „Wir sprechen mit allen Mietern im Einzelfall über ihre persönliche Situation und die Lösungsmöglichkeiten für finanzielle Engpässe, aber natürlich auch über die Risiken wie zum Beispiel gesetzliche Verzugszinsen, spätere Kündigungsrisiken, Überschuldung und Ähnliches“, erklärt der Geschäftsführer der BG Geretsried. Die allermeisten Mieter würden, soweit dies für sie irgendwie geht, auch aus Eigeninteresse an ihren regelmäßigen Mietzahlungen festhalten wollen. Selig: „Nur weil die gesetzlichen Kündigungsrechte des Vermieters vorübergehend eingeschränkt sind, heißt das ja nicht, dass die Mietzahlung endgültig entfallen darf.“

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Das betont Günther Mühlbauer vom Mieterverein ebenfalls. „Es geht nur um eine Stundung, keinen Verzicht“, sagt er. Je nachdem, wie lange beispielsweise die Kurzarbeit dauert, würden einige sicher in Schwierigkeiten geraten. Da sei es mit einem Zahlungsaufschub nicht getan. „Eine Möglichkeit wäre, Wohngeld zu beantragen“, so Mühlbauer. Auch Sozialhilfe wäre eine Option. Beides müsse man aber im Einzelfall prüfen.

sw

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