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Mit Helm und Visier: Um kurz vor sechs Uhr versammelt sich ein Großaufgebot der Polizei an der Jahnstraße und marschiert in Zweierreihen zur Asylbewerberunterkunft um die Ecke.

Großeinsatz:

Darum durchsuchen Polizisten die Asylunterkunft - obwohl sie selten etwas finden

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Mehr als 140 Beamte kontrollierten am Dienstag die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber an der Jahnstraße in Geretsried. Wir waren dabei.

Geretsried Die ältere Dame zuckt kurz zusammen, als sie vom Parkplatz um die Ecke spaziert. Eine halbe Hundertschaft Polizisten versperrt den Gehweg an der Jahnstraße. Zweierreihe hintereinander bis zur Ampel, in kompletter Montur, mit Helmen und Visier, ein paar Männer tragen Schutzschilder mit sich. In der Früh um kurz vor sechs, bei klirrender Kälte, warten sie auf den Einsatzbefehl. Der kommt dann sehr plötzlich, als ein junger Bursche mit dunkler Hautfarbe und Rucksack über der Schulter schnellen Schrittes an dem Aufgebot vorbei geht. „Wir sollten starten“, gibt der Mann an der Spitze das Kommando, „bevor er die anderen noch mit seinem Handy informiert.“

Dann geht es blitzschnell. Die Bereitschaftspolizisten marschieren geschlossen zur Asylbewerberunterkunft, besetzen alle Ausgänge, verteilen sich in den Treppenhäusern und Fluren der beiden Gebäude am Rande der B11 in Geretsried. „Der hohe Schnee ist ein Vorteil“, sagt der Führer der Hundertschaft. „Wer davonlaufen will, kommt nicht weit. Und wenn jemand was aus dem Fenster wirft, finden wir es gleich.“

Im selben Moment rollen 16 vollbesetzte VW-Transporter auf den Lehrerparkplatz. Weitere uniformierte Männer und Frauen steigen aus und eilen ebenfalls in die Gebäude. Insgesamt mehr als 140 Polizisten sind im Einsatz – neben Beamten der Polizeiinspektion Geretsried, die die Aktion leitet, auch Polizisten aus umliegenden Dienststellen und Mitglieder der Bayerischen Bereitschaftspolizei.

Bei der Razzia in der Geretsrieder Asylbewerberunterkunft bleibt nichts dem Zufall überlassen

Das Ganze dauert keine drei Minuten und verläuft fast geräuschlos, bis auf das Bellen der sechs Hunde, die den Einsatz begleiten. „Die freuen sich wia’d Sau“, sagt Polizeihauptkommissar Alexander Huber mit einem Schmunzeln angesichts der Aufgeregtheit der Vierbeiner. „Wir überlassen nichts dem Zufall, alles ist top geplant“, beschreibt der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd den Ablauf der etwa zwei Monate vorbereiteten „Begehung“. Das klingt humaner als Razzia. Hat ein bisschen den Charme eines Besuchs. Die „Kontrollaktion“ solle eine „präventive Wirkung“ erzeugen, erläutert Huber.

Seit der letzten vergleichbaren Aktion im April 2018 seien mehr als 50 Straftaten im Bereich der Asylbewerberunterkunft angezeigt worden: Körperverletzungen, Diebstähle, Drogenbesitz. Im August hatte 25-Jähriger aus Afghanistan seine schwangere Ehefrau bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Es habe mehrere Fälle von Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gegeben sowie eine versuchte Gefangenenbefreiung. Es war an der Zeit, mal wieder Präsenz zu zeigen. „Wir wollen Straftaten vermeiden“, sagt Huber.

Bei Kindern in der Geretsrieder Asylbewerberunterkunft geht die Polizei besonders behutsam vor

In erster Linie gehe es darum, festzustellen: „Wer hält sich da auf? Wer ist nicht da und warum nicht? Wer ist unberechtigt in der Unterkunft?“ Deshalb begleiten Vertreter der Regierung von Oberbayern den unangemeldeten Hausbesuch im Morgengrauen. „Die wissen, wie die Zimmer belegt sind“, sagt der Pressesprecher. Durch den Belegungsplan sei den Einsatzkräften auch „bewusst, wo Kinder sind“, sagt Huber. Dort gehe man besonders behutsam vor.

Hier laufen alle Fäden zusammen: Von der Polizeinspektion Geretsried aus wurde der Einsatz koordiniert.

Was inzwischen im Haus passiert, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Hier hat die Presse keinen Zutritt. „Kontrolliert wird von oben nach unten“, gibt Polizeihauptkommissar Huber Einblick in den weiteren Ablauf. „Sonst würde man eventuell Druck aufbauen. Jemand könnte sich in die Enge gedrängt fühlen, womöglich aus dem Fenster springen“, sagt er. Dieses Szenario will die Polizei natürlich nicht.

Polizei will Bewohnern der Geretsrieder Asylbewewerberunterkunft Sicherheit vermitteln

„Wir wollen vermeiden, dass sich Strukturen bilden, die keiner mehr im Griff hat“, betont Huber. 180 Asylbewerber leben derzeit in den zwei Unterkünften an der Jahnstraße, 65 Männer, 55 Frauen sowie 60 Minderjährige. Die meisten kommen aus afrikanischen Ländern, viele auch aus dem Irak, Pakistan, Afghanistan. Die allermeisten sind friedlich. „Es gibt überall Unruhestifter. Aber die überwiegende Mehrheit der Migranten in der Unterkunft ist polizeilich noch nicht in Erscheinung getreten“, so Huber. Denen gelte es mit so einem Einsatz auch zu vermitteln: „Der Rechtsstaat hört nicht vor der Tür der Unterkunft auf. Wir sorgen auch für Eure Sicherheit.“

Die Asylbewerberunterkunft am Schulzentrum wird von einer Gewaltschutzkoordinatorin betreut: So schützt sie Frauen und Kinder

Man kann sich schönere Arten vorstellen, geweckt zu werden. Aber die Bewohner scheinen recht gelassen mit der Situation umzugehen. „Ich musste sowieso aufstehen. Da war das ganz gut“, sagt lachend ein 17-jähriger Iraker, der mit seinen Eltern und sechs Geschwistern in der Unterkunft wohnt und auf dem Weg zur Schule ist. „Nur die kleinen Kinder haben manchmal ein bisschen Angst.“

Weißes Pulver entpuppt sich als ungefährliche Substanz

Nach einer knappen Stunde rücken die Polizisten wieder ab. Die Hunde tapsen still durch den Schnee. Sie sind diesmal nicht zum Einsatz gekommen. Das Ergebnis: Ein „Fremdschläfer“, der sich ohne Genehmigung in der Unterkunft aufgehalten hatte. Und ein vermeintlicher Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz. Doch das auffällig verpackte weiße Pulver, das die Beamten im Zimmer eines Asylbewerbers entdeckten, entpuppt sich bei genauerer Analyse als ungefährliche Substanz. „Es ist gut gelaufen – professionell, ruhig, sachlich“, zeigte sich Geretsrieds Polizeichef Franz Schöttl mit dem Verlauf der Kontrollaktion zufrieden. „Für uns ist das eine positive Bilanz. Das zeigt: Das Zusammenleben in der Unterkunft ist okay.“

rst

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