Was das türkische, arabische und auch deutsche Herz begehren, verkaufen Mohamed Hafsevgawi (Bild) und sein Bruder Mohamed Shaker seit Kurzem an der nördlichen Egerlandstraße.
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Was das türkische, arabische und auch deutsche Herz begehren, verkaufen Mohamed Hafsevgawi (Bild) und sein Bruder Mohamed Shaker seit Kurzem an der nördlichen Egerlandstraße. 

Feinkost Christos, Neo-Markt und Istanbul-Supermarkt im Porträt

Multikulti auf dem Teller: Diese Lebensmittel sind in Geretsried zu finden

Wer auf exotische Delikatessen steht, findet in Geretsried ein riesiges Angebot. Neben dem alteingesessenen griechischen Geschäft „Feinkost Christos“ und dem russischen Neo-Markt gibt es seit Kurzem den „Istanbul-Supermarkt“.

Geretsried – Die Stadt Geretsried mit ihren rund 26 000 Einwohnern ist im Landkreis für ihren hohen Ausländeranteil bekannt. Er liegt bei etwa 26 Prozent der Gesamtbevölkerung, und es leben etwa 100 Nationalitäten in Geretsried. Stark vertreten sind nach Rumänen, Polen und Kroaten Menschen aus den ehemaligen Sowjet-Republiken, die Griechen und Türken. Kein Wunder also, dass es für diese Gruppen Spezialitätengeschäfte gibt.

Neben dem alteingesessenen griechischen Geschäft „Feinkost Christos“ am Neuen Platz und dem russischen Neo-Markt am Chamalières-Platz bereichert seit Kurzem ein türkisch-arabischer Laden an der nördlichen Egerlandstraße die kulinarische Landschaft. Der „Istanbul-Supermarkt“ hat vor zwei Monaten anstelle des früheren griechischen Feinkostladens eröffnet. Die Brüder Mohamed und Mohamed Shaker Hafsevgawi aus Aleppo führen ihn. In den vergangenen Tagen war kaum ein Durchkommen in den engen Gassen zwischen den Regalen. Wegen der Corona-Abstandsregeln mussten Kunden teils draußen warten.

Grund für den Andrang war das islamische Zuckerfest, die mehrtägigen Feierlichkeiten des Fastenbrechens, die auf den Ramadan folgen. Für die Muslime ist das wie Weihnachten: Sie deckten sich mit Obst und Gemüse, Halal-Fleisch vom Geflügel, Lamm und Kalb sowie typisch orientalischen Getreide-, Reis- und Linsenarten ein. Sie packten frischen Koriander, Zehn-Kilo-Säcke Basmati-Reis, Kichererbsen, Fladenbrot, Süßigkeiten und exotische Gewürze wie Kardamom in die Einkaufskörbe. Viele dieser Produkte erhält man nicht im normalen Supermarkt. Auch die riesigen Wassermelonen oder die extrascharfen, kleinen Chilischoten sind eine Besonderheit des „Istanbul-Supermarkts“. In einem mit einem Plastikvorhang abgetrennten Kühlraum findet man die ethnischen Molkereiprodukte der Firma Gazi. Doch auch deutsche Lebensmittel wie Semmelbrösel stehen im Regal neben der Falafel-Mischung. An einigen Tagen in der Woche liegt frischer Fisch auf Eis in der Kühltheke.

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Mohamed Hafsevgawi (43) hat in seiner Heimatstadt Aleppo bereits im Lebensmittelbereich gearbeitet. Er betrieb dort drei Geschäfte. Vor acht Jahren musste er mit seiner Familie vor dem Krieg flüchten. Sein Vater und sein jüngerer Bruder Mohamed Shaker leben bereits seit 2003 in Deutschland. Hafsevgawi wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Bad Tölz. Geretsried hat er als Standort für seinen Laden ausgewählt, weil es hier viele Menschen aus dem arabischen Raum und der Türkei gibt. „Meine Kunden kommen aber auch bis aus Bad Tölz, Schäftlarn und Penzberg“, sagt der Syrer.

Er selbst fährt jeden Tag nach München, um seine Waren in der Großmarkthalle zu kaufen. Im Moment sei alles sehr teuer wegen der Corona-Pandemie, so Hafsevgawi. Er wolle aber nicht zu überteuerten Preisen an seine Kunden weiterverkaufen, auch wenn seine Gewinnspanne damit geringer ausfalle. „Ich weiß, dass viele Menschen im Moment wenig Geld haben. Ich kenne diesen Schmerz selber sehr gut“, begründet der einstige Flüchtling seine Entscheidung. Nach Aleppo würde der 43-Jährige schon gerne irgendwann zurückkehren. „Mein Syrien – mein Herz“, sagt er und fasst sich dabei an die Brust. Doch Deutschland sei seine zweite Heimat geworden. Er sei den Menschen hier sehr dankbar.

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Aus denselben Beweggründen wie die Brüder Hafsevgawi haben sich auch die Partner Konstantin Gornung aus Usbekistan und Olaf Otrosenko aus Kasachstan vor neun Jahren dazu entschlossen, den Neo-Markt im Erdgeschoss des sogenannten Tengelmann-Hochhauses zu eröffnen. Gerade im Geretsrieder Süden leben viele Bürger aus der ehemaligen Sowjetunion, und der „Russen-Markt“, wie er genannt wird, bedient ihre Geschmäcker. Der geräumige Laden hat sich mittlerweile etabliert. Auch Einheimische schätzen das Angebot an knackig-frischem Gemüse und Obst, riesigen Petersilien-Büscheln, an russischen Spezialitäten, aber auch an Grundnahrungsmitteln wie Eiern, Mehl, Nudeln und Milchprodukten.

„Bei uns ist alles ein bisschen anders“, sagt Konstantin Gornung mit einem Lächeln – die alkoholischen Getränke, die Wurst, die Karamellbonbons, der Quark („Tworog“) und der Schmand („Smetana“), die für deutsche Gaumen ungewohnten Putenhälse. Nicht im Sortiment fehlen dürfen natürlich die berühmten Pelmeni, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen. Gornung bezieht sie wie die meisten seiner Spezialitäten von der Fleisch- und Teigwarenfabrik Monolith, dem Marktführer für osteuropäische Lebensmittel in Nürnberg. Der Neo-Markt funktioniert als Familienbetrieb: Konstantin Gornungs und Olaf Otrosenkos Frauen arbeiten mit, daneben beschäftigen die Inhaber zwei Angestellte und zwei Aushilfen.

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Verzichten möchten weder die Griechen in Geretsried noch die Anwohner des Neuen Platzes auf ihren „Feinkost Christos“. Seit rund 30 Jahren bieten Elena und Christos Voudouris Obst und Gemüse, Schafskäse, Olivenöl, Nüsse sowie typische Kekse aus Griechenland an. Rund um ihren Pavillon sind die Obstregale aufgestellt. Im Moment duftet es dort nach reifen Erdbeeren. Im Inneren, wo es kühler ist, wartet eine kleine, aber feine Auswahl an Gemüse. An der Frischetheke bekommt man den original griechischem Joghurt, der fürs Tzatziki benötigt wird, mehrere Olivensorten, eingelegte Paprika und andere mediterrane Delikatessen. Elena Voudouris kocht dreimal in der Woche Gerichte zum Mitnehmen wie Moussaka oder Bohnensuppe. Ihre Kunden stammten aus dem ganzen Landkreis, sagt sie. Elena und ihre Familie kommen aus Thessaloniki.

Schwiegersohn Dimitri Avraam hat vor einiger Zeit das benachbarte Café „Coffeeholic“ übernommen. Zuvor hatte er mit Voudouris’ Tochter Christina das Spezialitätengeschäft an der Egerlandstraße im jetzigen Istanbul-Supermarkt betrieben. „Die Familie will sich nun auf das Feinkostgeschäft und das Café konzentrieren“, begründet Elena Voudouris die Aufgabe des Ladens.

Tanja Lühr

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