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An der Konsole spielen oder in fremde Welten abtauchen: Im Gaming-Room der Stadtbücherei ist immer etwas los.

Abtauchen in 3D-Welten

Gaming-Room in Stadtbücherei: „Das ist ein Selbstläufer“

Sich mit einem Klick in ferne Länder beamen, als Adler über Paris fliegen oder in virtuellen Unterwasserwelten schwimmen: Seit einem Jahr gibt es in der Stadtbücherei einen Gaming-Room - die Nachfrage ist groß.

Geretsried – Es ist ein Abtauchen in eine andere Welt oder, je nach Programm, ein Eintauchen in diese Welt. „Es ist die Zukunft“, sagt Büchereileiter Björn Rodenwaldt. In dem vor gut einem Jahr eröffneten Gaming-Room der Stadtbücherei können die Besucher die neuesten Nintendo-Switch-Spiele auf einer TV-Konsole spielen oder sich auf der Playstation 4 zu zweit heiße Fußball-Wettkämpfe liefern. Eine hochmoderne HTC-Vive, eine Virtual-Reality(VR)-Brille, beamt sie überdies in ferne Länder, in die Luft und unter Wasser oder in Fantasie-Gegenden.

Die Brille, eine Art dicht abschließende Taucherbrille ohne Gläser, ist etwas schwer, aber gut am Kopf festgeschraubt kann nichts verrutschen. Mit den beiden Controllern, den Handsteuergeräten, bewegt sich der Benutzer in einem rund zwölf Quadratmeter großen, virtuellen Raum, greift nach Gegenständen und bedient Maschinen. Zusätzlich können Fußcontroller auf die Schuhe geschnallt werden, sodass die Zehenspitzen zu sehen sind.

Büchereileiter Björn Rodenwaldt

Mit einem Klick lässt sich beispielsweise Google Earth aktivieren. Wie am PC sieht man das Reiseziel – den Grand Canyon, Norwegens Fjorde, Rom – von oben. Doch mit der VR-Brille und den Controllern ist es zusätzlich möglich, mitten im Kolosseum zu stehen. Dreidimensional umgeben einen die historischen Mauern. Per Teleportation auf die Zuschauerränge befördert, eröffnet sich der Blick auf die Arena, in der einst die Sklavenkämpfe stattfanden. Das Gymnasium komme oft mit Schülern, um auf Google Earth Sehenswürdigkeiten anzuschauen, sagt Björn Rodenwaldt. Die Art von Recherche mache den Schülern großen Spaß.

Dieses 3D-Erlebnis ist beeindruckend, aber es geht noch toller. Der Büchereileiter ruft ein Spiel namens „Planke“ auf. Du stehst auf der Aussichtsplattform eines Wolkenkratzers in New York und sollst auf einem schmalen Brett in den Nachthimmel hinaustreten. Vorsichtig tastest du dich Schritt für Schritt nach vorne. Es nützt nichts, sich zu sagen: Hey, ich bin hier im Gaming-Room der Bücherei, unter meinen Füßen befindet sich der weiche Teppich, um mich herum liegen nur ein paar Sitzsäcke.

Ganz Unerschrockene können am Ende der Planke angelangt 200 Meter in die Tiefe springen. „Seit einer Schülerin dabei die Beine weggesackt sind, steht immer ein Helfer neben dem Computerspieler, um ihn notfalls aufzufangen. Hier geht fast jeder in die Knie“, erzählt Rodenwaldt, sichtlich fasziniert davon, wie echt sich die „Virtual Reality“ anfühlt.

So etwa auch, wenn der Gamer als Adler über Paris hinweg gleitet oder mit einer Schleuder Bowlingkugeln in Kartonstapel feuert, um diese unter Explosionen zum Einsturz zu bringen. Besäße die Bücherei eine zweite HTC-Vive – die neben einem schnelleren Internet auf Rodenwaldts Wunschliste steht –, könnten zwei Personen gegeneinander in einem Star-Wars-Laser-Battle kämpfen.

In die Errichtung und Ausstattung des Gaming-Raums hat die Stadt bisher rund 30 000 Euro gesteckt. Die Landesfachstelle für Bibliotheken, die den Spiele-Bereich stark ausbauen möchte, unterstützt das Projekt zu 40 Prozent. Geretsried ist mit seinem modernen, von Jugendlichen mitgestalteten Gaming-Raum Vorreiter im Landkreis und sogar überregional.

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Besucher-Rekord in der Geretsrieder Stadtbücherei

Björn Rodenwaldt, zugleich Ansprechpartner im Deutschen Bibliothekenverband für die öffentlichen Büchereien in bayerischen Städten unter 50 000 Einwohnern, hat deshalb schon zahlreiche Vorträge über das Gaming – für ihn mittlerweile ein Kulturgut und ein ernst zu nehmender Wirtschaftsfaktor – gehalten. Oft würden die Zuhörer nach der Suchtgefahr fragen, berichtet er – eine Sorge, die auch einige Stadträte bei der Diskussion um die Genehmigung geäußert hatten.

In seiner Bücherei sieht Rodenwaldt diese Gefahr nicht gegeben. Die Benutzung der Konsolen sei auf eine Stunde beschränkt, die des VR-Equipments auf 20 Minuten. Letzteres wird nur an Jugendliche ab zwölf Jahren ausgegeben. Interessanterweise, berichtet der Diplom-Bibliothekar, befänden sich unter den über 50-Jährigen die meisten passionierten Gamer. An Samstagen würden zudem viele Väter kommen, um mit ihren Kindern einmal in einer virtuellen Unterwasserwelt zu schwimmen oder sich mit ihnen bei einem Mario-Kart-Rennen zu vergnügen. Den Gaming-Raum im Untergeschoss können Interessierte jeden Samstag von 9 bis 13 Uhr und ansonsten nach Terminvereinbarung kostenlos testen, auch wenn sie keinen Büchereiausweis besitzen. Das Personal ist Neueinsteigern gerne behilflich.

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Insgesamt ist Rodenwaldt, selbst begeisterter „MMORPG“, also mit Freunden vernetzter Computerspieler, mit der Akzeptanz des Raums mehr als zufrieden. „Das ist ein Selbstläufer“, freut er sich. Viele Jugendliche würden sich einfach gerne nur aufhalten in dem abgetrennten, gemütlichen Zimmer mit den Manga-Zeichnungen an den Wänden. Neben den örtlichen Schulen, die feste Zeiten buchen, locken die Konsolen Neugierige wie Spielerfahrene.

Demnächst werde die Bücherei einen eigenen Arbeitsplatz im Untergeschoss zwischen Gaming-Room und Sachbuchabteilung einrichten, damit vom Personal immer jemand ein Auge auf das Geschehen hat. Was Rodenwaldt noch sucht, sind Mentoren ab 16 Jahren, die gegen Gutscheine stundenweise die Aufsicht für den Computerspiele-Raum übernehmen.

tal

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