Neue Diskussionskultur: Unter Einhaltung des Abstandsgebots fand das diesjährige Integrationsforum in der Mensa der Karl-Lederer-Schule statt.
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Neue Diskussionskultur: Unter Einhaltung des Abstandsgebots fand das diesjährige Integrationsforum in der Mensa der Karl-Lederer-Schule statt. 

Jobchancen für Migranten

Integrationsforum: Diskussion über „Arbeit ist Menschenrecht?!“

  • Susanne Weiss
    vonSusanne Weiss
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Beim Integrationsforum diskutieren Experten über Chancen für Migranten am Arbeitsmarkt. Corona erschwert die Jobsuche.

Geretsried – „Arbeit ist Menschenrecht?!“, lautete die These beim jüngsten Integrationsforum. Die Veranstaltung stand nicht nur vom Ablauf her im Zeichen der Corona-Pandemie. Deren Auswirkungen werden auch den Arbeitsmarkt verändern, der Gegenstand der Diskussion war.

Eigentlich war das Integrationsforum für März geplant, musste aber wegen der Beschränkungen zweimal verschoben werden. Nun konnten Rudi Mühlhans, Geschäftsführer des Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit Geretsried (TVJA), sowie Franziska Walter und Patrick Hingar von der Koordinationsstelle „Integration aktiv“ gut 20 Interessierte in der Mensa der Karl-Lederer-Schule begrüßen.

Auf die sonst üblichen Thementische mussten die Teilnehmer verzichten. Stattdessen tauschten sie sich zwei Stunden lang im Plenum aus. Migranten waren nicht anwesend, dafür einige Helfer und Berater, die von Alltagsproblemen berichteten. Als Experten hatte der TVJA Aurelie Braunholz und Helmut Gebhard von der Handwerkskammer, Michael Wolter und Michael Klingeisen vom Jobcenter sowie Brigitte Bogner von der Friseurinnung eingeladen.

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Darüber, dass ein Arbeitsplatz maßgeblich zur Integration von Migranten beiträgt, war man sich im Saal einig. „Wenn ich Zugang zu Arbeit habe, habe ich auch Zugang zur Gesellschaft und zur Sprache“, sagte Patrick Hingar. Umgekehrt führe die derzeitige Krise bei vielen Menschen zu sozialer Isolation, weil sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt massiv verschlechtert habe und besonders Branchen betroffen seien, in denen Migranten tätig sind.

Das bestätigte Aurelie Braunholz von der Handwerkskammer. Durch Corona kämen weniger Ausbildungsverhältnisse zustande, im Bereich von Flüchtlingen fast 50 Prozent weniger. „Viele Betriebe sind in Sorge um ihre finanziellen Verhältnisse und zögern, jemanden neu einzustellen“, so die Ausbildungsberaterin. Besonders wenn es mit dem Lehrling nicht so leicht werden könnte.

„Deutschkenntnisse sind bei vielen nicht vorhanden“, nannte Brigitte Bogner von der Friseurinnnung das Hauptproblem bei der Ausbildung von Migranten. Mühlhans ergänzte: „Das betrifft nicht nur Migranten.“ Hier müsse man am Bildungssystem ansetzen. Horst Niegel vom Verein Arbeit für Jugend kritisierte, dass Geflüchtete zu wenig Deutschstunden bekämen.

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In der weiteren Diskussion klang durch, dass Ausbildungen durch die staatliche Zertifizierung starr sind. So ist es nicht möglich, die Prüfung mündlich abzulegen, wenn ein Lehrling ohne Erkrankung Schwächen beim Schreiben hat. Und angehende männliche Friseure müssen trotz kultureller Vorbehalte Damenhaarschnitte lernen. Als Instrumente, die helfen könnten, Migranten in Lohn und Brot zu bringen, wurden ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr, mehr Werbung für die Möglichkeiten im Handwerk, die Konzentration auf Fähigkeiten bei der Berufsberatung und das betriebliche Langzeitpraktikum Einstiegsqualifizierung Jugendlicher, kurz EQJ, angesprochen.

Nachdem beim Integrationsforum viele Hindernisse thematisiert worden waren, betonte Mühlhans, dass Integration durch Arbeit auch in vielen Bereichen gut gelinge. „Ich habe zum Beispiel beim Vietnamesen mittaggegessen und danach eine Kugel Eis beim Italiener geholt“, sagte er.

Zum Abschluss der Veranstaltung gab Patrick Hingar bekannt, dass dies sein letztes Integrationsforum war, weil er Geretsried der Liebe wegen verlasse. Die Arbeit in der Koordinationsstelle habe ihm viel Spaß gemacht. „Die bis 31. Dezember befristete Stelle gehört verlängert“, gab er der Zweiten Bürgermeisterin Sonja Frank und den beiden Stadträtinnen Heidi Dodenhöft und Kerstin Halba mit auf den Weg.  sw

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