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Rauf auf den Berg: Egon Schäfer mit seinen Schülern beim Wandertag auf den Kindoroko.

Was man dagegen in einer freundlichen Umgebung lernt, das bleibt im Gedächtnis“

Geretsrieder Lehrer sorgt für besonderen Unterricht in Tansania

Früher unterrichtete Egon Schäfer am Gymnasium Geretsried. Nun kam der Lehrer wieder in die Stadt - um über seine Zeit an einer Modellschule in Tansania zu berichten.

Geretsried – Das erste, was Egon Schäfer an der „One World Secondary School Kilimanjaro“ in Kisangara in Tansania einführte, war ein freiwilliger Wandertag für alle Schüler. Die Schwarzafrikaner schauten ihn zunächst entgeistert an. Durch die Gegend zu laufen ohne Ziel und Zweck – das war ihnen fremd. Doch die Tour auf den rund 1800 Meter hohen Kindoroko wurde ein Erfolg – wie so vieles, das die Deutschen Karl-Heinz Köhler und Egon Schäfer an die weiterführende Schule am Fuße der Usambara-Berge gebracht haben.

Film ab: Egon Schäfer bei seinem Vortrag im Pfarrheim Maria Hilf.

2012 gründete Dr. Karl-Heinz Köhler das Internat für Zwölf- bis 20-Jährige im Auftrag des gemeinnützigen Trägerinstituts „Modellschulen für Afrika“. Es ermöglicht Mädchen und Buben der Sekundarstufe den Zugang zur Bildung, unabhängig vom Einkommen der Familie. Der ehemalige Geretsrieder Gymnasiallehrer Egon Schäfer unterrichtete nach seiner Pensionierung auf Vermittlung von Direktor Köhler ab 2017 zwei Jahre lang Deutsch, Religion und Gitarre in Kisangara. Für das Kreisbildungswerk hielt er kürzlich in der Pfarrei Maria Hilf einen Diavortrag über seine Auslands-Lehrtätigkeit.

Köhlers und Schäfers Credo lautet: „Was man unter Druck lernt, vergisst man wieder. Was man dagegen in einer freundlichen Umgebung lernt, das bleibt im Gedächtnis“. Eine gewaltfreie und wertschätzende Unterrichtsweise sei in den afrikanischen Ländern leider alles andere als üblich, berichtete Schäfer. Viele Eltern hätten deshalb zunächst Bedenken gehabt, ob die Methoden der deutsch-tansanischen Modellschule fruchten würden. Doch heute seien die Absolventen der One-World-School unter den besten ihres Landes.

In Tansania, einem Land mit 57 Millionen Einwohnern, reich an Naturschönheiten, Kultur, Geschichte und Bodenschätzen, an Obst und Gemüse, leben 40 Prozent der Menschen unterhalb der internationalen Armutsgrenze. Die Eltern haben oft nicht das Geld, um ihren Kindern eine Bildung über die sieben Jahre dauernde Primary School hinaus zu ermöglichen. Zudem macht Aids viele Kinder zu Waisen.

Das Unesco-Projekt „Modellschulen für Afrika – Institut für interkulturelles und innovatives Lernen“ eröffnet Jugendlichen ab zwölf Jahren mithilfe von Spenden die Chance, nach vier, beziehungsweise sechs Jahren einen der Mittleren Reife oder dem Abitur ähnlichen Abschluss zu erlangen. „Die Secondary School selbst ist in Tansania seit dem Jahr 2002 zwar kostenlos, aber es müssen eine Schuluniform, das Essen und eine meist weite Anfahrt finanziert werden“, erklärte Schäfer. Die Schule wähle nur solche Mädchen und Buben aus, die aufgrund eines Intelligenztests auch das Zeug für eine höhere Bildung besäßen. „Sie sollen sich ja nicht jahrelang quälen.“

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Schäfer zeigte Fotos des kleinen Marcelino, eines Waisenkinds, das in der besonderen Atmosphäre der Modelleinrichtung in jeder Hinsicht gewachsen ist. In einer Mischung aus klassischem Unterricht, Projekten und freiem Arbeiten sollen die Internatsschüler sich zu starken Persönlichkeiten entwickeln. Interkulturelles Lernen, die Vermittlung von Werten und musische Erziehung spielen eine wichtige Rolle. Es gibt jeden Freitagnachmittag einen Arbeitsdienst für alle, der aus Gärtnern, Saubermachen, Kochen oder Ähnlichem besteht. Die Lehrer verpflichten sich in ihrem Arbeitsvertrag, keine körperliche oder verbale Gewalt anzuwenden und ihre Schüler in keiner Weise zu demütigen. Junge Praktikanten aus aller Welt sind stets willkommen, „denn sie bringen neue Ideen und frischen Wind mit“, findet Schäfer. Die Mädchen und Buben schlafen in zwei getrennten Gebäuden. Eines fand Schulgründer Karl-Heinz Köhler 2012 bereits vor, das zweite baute er im Alter von 66 Jahren noch selbst dazu.

Schäfer spielte ein kurzes Video ab, in dem die afrikanischen Jugendlichen ihren Alltag gefilmt haben. Darin sieht man sie die Nationalhymne beim Morgenappell auf dem Schulhof singen, in Gruppen lernen, Musikinstrumente und Fußball spielen, Brot backen und eine Radiosendung gestalten. Die Teenager erzählen von ihren ehrgeizigen Berufsplänen. Sie wirken dabei zuversichtlich und selbstbewusst.

Für Egon Schäfer, der zu Hause selbst eine Schar Enkelkinder hat, die er heranwachsen sehen möchte, waren die zwei Jahre in Kisangara eine wertvolle, aber einmalige Erfahrung, wie er sagt. Der 67-Jährige macht nun in Deutschland Werbung für das Projekt und sammelt Spenden. Helfen kann man mit Geldbeträgen oder mit Patenschaften. Die Kosten für einen Internatsschüler liegen bei rund 1200 Euro jährlich. Ein Lehrer verdient zwischen 300 und 400 Euro monatlich. „Gebraucht werden immer Fußbälle, Möbel und Lernmittel“, sagt Schäfer.

Auch Direktor Karl-Heinz Köhler denkt mit 76 allmählich daran, die Leitung der One-World-School

in die Hände eines jüngeren, einheimischen Nachfolgers zu legen. Daran, dass das gut funktionieren wird, haben er und Egon Schäfer keine Zweifel.

Tanja Lühr

Infos im Internet:

www.f-owsk.com

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