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Anton Schütze steht seit seinem Unfall vor vielen Hürden (Symbolfoto).

Unfall machte ihn zum Tretraplegiker

Kampf zurück ins Leben: 41-Jähriger ist seit einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt

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Anton Schütze wohnt in einer Beatmungs-WG. Für einen Tretraplegiker wie ihn ist diese aber nicht ausgerichtet. Er will sein Leben wieder selbst in die Hand nehmen. 

Geretsried – Anton Schütze (Name geändert) hat 2017 noch am Oberland-Firmenlauf teilgenommen. Beim Start am Karl-Lederer-Platz lief er ganz vorne mit. Er gab alles, hatte eine gute Zeit. Ende Mai war das. Einen Monat später sollte sich sein Leben völlig ändern.

Zum Gespräch mit unserer Zeitung bringen drei Pfleger den 41-Jährigen in die Redaktion. Schütze ist Tretraplegiker, vom Hals bis zu den Fußspitzen gelähmt. Seine Schwester Lea Schütze (Name geändert) und Ralph Seifert, Behindertenbeauftragter im Landkreis, begleiten ihn an diesem Tag – und bei seinem Kampf zurück ins Leben.

Dieses Lebens beginnt im Februar dieses Jahres mit dem Einzug in eine eigene Wohnung in Geretsried – in direkter Nachbarschaft zu seiner Schwester. „Wir sind selbst über dieses Glück verwundert“, sagt Lea Schütze. Die Geschwister glaubten, der Wunsch nach einem einigermaßen selbstbestimmten Leben mit mehr Privatsphäre sei unerfüllbar. Die bürokratischen Hürden schienen unüberwindbar. Doch mit der Unterstützung von Ralph Seifert und der Baugenossenschaft bekam Anton Schütze eine geförderte, barrierefreien Mietwohnung mit 56 Quadratmetern.

Bis auf seine pflegerischen Hilfsmittel hat der 41-Jährige allerdings nichts für die Wohnung. Seine Erwerbsunfähigkeitsrente reicht gerade so zum Leben, liegt aber knapp über der Grundsicherung, sodass er keinen Anspruch auf Förderprogramme für das Notwendigste hat. Seifert: „Herr Schütze fällt einfach durchs Raster, doch mit nur ein bisschen Hilfe kann er ein menschenwürdiges Leben für sich auf die Beine stellen.“

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Aktuell wohnt der 41-Jährige in einer Pflegewohngemeinschaft bei München. Ein frustrierendes Leben, weil seine Mitbewohner allesamt Wachkomapatienten sind. „Ich selbst fühle mich nicht behindert, ich fühle mich wie jeder andere Mensch“, sagt er. Schütze kann sich in der Einrichtung nur mit den Pflegern unterhalten oder wenn er Besuch bekommt. Raus darf er nicht, seit er beim Verlassen des Gebäudes eine Rampe hinuntergefallen ist.

Seine Lähmung ist die Folge eines Unfalls. Im Juni 2017 stürzte Schütze mit seinem Fahrrad. Er brach sich den zweiten und vierten Halswirbel. Seine Freunde reanimierten ihn, bis der Rettungshubschrauber kam. Im Unfallklinikum Murnau wurde er notoperiert. Acht Monate verbrachte er im Krankenhaus. In dieser Zeit ging seine Ehe kaputt. Vorbei war das Leben mit seiner Frau, seinen beiden Söhnen, heute 15 und 12 Jahre alt, und seinem Golden Retriever. Vorbei sein Alltag zwischen der Arbeit bei einer Tölzer Firma, Fußball und Feuerwehr.

„Es blieb mir nichts anderes übrig, als in eine Beatmungs-WG zu ziehen“, sagt Schütze. Seine Schwester unterstützt ihn als einzige Angehörige nach Kräften. Die Geretsriederin kauft bis zum heutigen Tag für ihren Bruder ein, kocht vor – Essen gibt es nicht in der Einrichtung – und erledigt den ganzen Papierkram. Weil sie alleinerziehend ist und einen Vollzeit-Job hat, kann sie ihren Bruder nur einmal die Woche besuchen. Anton Schütze resignierte, fand sich mit seinem „Gefangenenleben“ ab.

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Die Wende kam im Frühjahr 2019, als er einen Zwerchfellschrittmacher eingesetzt bekam, der ihm ermöglicht, alleine zu atmen. Im Krankenhaus traf er auf Schicksalsgenossen. „Sie haben mir den Rat gegeben, dass ich da rauskommen und mein Leben in die Hand nehmen muss“, erinnert sich der 41-Jährige. Dank Therapien und seinem starken Wille kann er seine Hand, den Oberkörper und die Beine wieder ganz leicht bewegen. Das reicht, um wenigstens seinen elektrischen Rollstuhl alleine zu steuern.

In seiner ebenerdigen Wohnung in der Nähe seiner Schwester wird er frei sein. Der Pflegedienst, der ihn bereits jetzt in der WG versorgt, wird weiter zu ihm kommen. „Ich kann jederzeit auf die Terrasse fahren, meine Neffen besuchen und mich wieder in Vereinen engagieren“, sagt Schütze und lächelt. Vielleicht könne er dann auch seine Söhne wiedersehen.

sw

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