Linken-Bundestagsabgeordneter Andreas Wagner in seinem  Wahlkreisbüro in Geretsried
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Gelöst: In seinem Geretsrieder Wahlkreisbüro sprach Andreas Wagner freimütig über die Gründe, warum er nicht ein weiteres Mal für den Bundestag kandidiert.

Geretsrieder Politiker spricht über die Arbeit in Berlin und seine Zukunft

Interview: Warum Linken-MdB Andreas Wagner 2021 nicht mehr kandidieren will

  • vonPeter Borchers
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Andreas Wagner will nach seiner ersten Legislaturperiode im Deutschen Bundestag nicht mehr kandidieren. Seine Entscheidung erklärt er im Interview mit unserer Zeitung.

  • Andreas Wagner sitzt seit 2017 für die Linke im Deutschen Bundestag
  • Ein Jahr nach der Wahl stand er kurz vor einem Burn-out
  • Das ist jedoch nicht der einzige Grund für Wagners Abschied aus dem Bundestag

Geretsried – Seit 2017 sitzt Andreas Wagner für die Linke im Deutschen Bundestag. Für seine Partei ist er ständiges Mitglied im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur. Ein Jahr nach seiner Wahl stand Wagner kurz vor einem Burn-out, zog sich deshalb kurzzeitig aus der Politik zurück. Anfang dieses Jahres ereilte den 48-Jährigen erneut ein gesundheitlicher Rückschlag. Im März gab er schließlich via Facebook bekannt, bei den Wahlen 2021 nicht erneut kandidieren zu wollen. Über dieses Statement hinaus wollte er sich nicht näher zu seinen Beweggründen äußern. Im Interview mit unserer Zeitung erzählt Wagner nun offen, was ihn zu diesem Schritt bewegt hat.

Herr Wagner, zunächst einmal die wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen?

Andreas Wagner: Es ist immer noch ein Auf und Ab. Aber insgesamt geht’s mir besser.

Es fällt auf, dass Sie auf Ihrer politischen Facebook-Seite unglaublich aktiv sind. Können Sie nie abschalten? Dieses hohe Pensum war es doch, das Ihnen im November 2018 als Novize der hohen Politik arg zugesetzt hatte.

Andreas Wagner: Als politischer Mensch, der ich bin, kann man nie richtig abschalten. Man muss aber unterscheiden zwischen positivem und negativem Stress. Wenn ich in einem Thema drin bin und Öffentlichkeitsarbeit mache, dann ist das durchaus etwas, das mir Kraft und Energie spendet. Für mich ist meine Arbeit über die Sozialen Netzwerke eher positiver Stress. Es tut mir gut politische Inhalte mit kreativen Arbeiten zu verknüpfen.

Welcher Stress tut Ihnen nicht gut?

Andreas Wagner: Konflikte auf verschieden Ebenen können an die Nerven gehen. Man muss zusehen, nicht alles zu nah an sich heranzulassen.

Sind Sie zu sensibel für das harte Politgeschäft?

Andreas Wagner: Nein. Mittlerweile kann ich ganz gut trennen zwischen politischer Arbeit und Privatem. Das habe ich gelernt. Aber natürlich ärgert es mich, wenn ich mich in ein Thema reinknie, dazu einen Antrag schreibe – und ich im Vorhinein schon weiß, dass ihn die Regierungskoalition –ob im Ausschuss oder im Plenum – ablehnen wird, ganz einfach weil er von der Opposition kommt.

Niemand hat behauptet, dass Oppositionsarbeit einfach ist.

Andreas Wagner: Schon klar. Deshalb ist es in der Oppositionsrolle erst recht wichtig, das, was man tut und wofür man steht, an die Leute zu bringen. Die Arbeit in der Opposition lebt nicht nur vom Inhaltlichen, beispielsweise einen Antrag auf den Weg zu bringen. Das genügt nicht. Mann muss ihn auch bekannt zu machen. Für seine Wählerinnen und Wähler sichtbar zu sein, ist als Abgeordneter in der zweiten und dritten Reihe nicht so einfach. Deswegen bin ich online viel unterwegs. So halte ich Kontakt zu den Leuten, sehe, wie meine Initiativen aufgenommen werden. Ein Medium wie Facebook ist dafür optimal. Hier kann ich über die Kommentarfunktion auch mit Bürgerinnen und Bürgern diskutieren. Das ist für die Meinungsbildung sehr wichtig – erst recht in der Corona-Zeit mit ihren Kontaktbeschränkungen.

Sie sagen, Sie haben gelernt, nicht mehr alles an sich heranzulassen. Warum dann der Rückzug im nächsten Jahr?

Andreas Wagner: Bestimmte Aufgaben und Tätigkeiten als Politiker im Bundestag bedeuten für mich Stress, das habe ich gemerkt. Insofern sind es also in erster Linie gesundheitliche Gründe.

Können Sie das konkretisieren?

Andreas Wagner: Ich bin nicht der, der in der vordersten Reihe stehen und eine Rede nach der anderen schwingen muss. Ich bin eher der Zuhörer-Typ. Ein Beispiel sind Podiumsgespräche, zu denen man mich häufig einlädt – auch über das Thema Verkehr hinaus, für das ich in der Fraktion zuständig bin. Ich habe oft kaum Zeit, mich darauf vernünftig vorzubereiten, will und soll aber natürlich Ahnung haben vom Thema, um das es geht und auch einen Standpunkt vertreten. Manchmal kann ich sagen, dass ich mich erst in die Thematik einarbeiten möchte, bevor ich dazu etwas sage. Immer geht das jedoch nicht. Generell sind öffentliche Auftritte und alles, wo eine Kamera in der Nähe ist, nicht meins.

Meinen Sie nicht, dass sich dies mit der zunehmenden Routine legen wird? Ich habe Sie im Fernsehen bereits vor dem Plenum reden sehen. So unsicher wie Sie es empfinden mögen, wirkten Sie dort nicht.

Andreas Wagner: Das wird sicherlich mit der Zeit besser. Ich habe in den jetzt bald drei Jahren auch viel gelernt. Weil ich aber anfangs nicht so gut auf mich aufgepasst habe, bin ich empfindlicher geworden. Und psychische Belastungen wirken sich auf den Körper aus. Nicht falsch verstehen: Ich halte durchaus etwas aus, aber ich würde mich selbst mehr als empathischen denn als abgebrühten Typen einschätzen. Letzteres wäre in manchen Situationen sicher hilfreicher, aber ist jetzt auch nicht so meins. Auf der anderen Seite trifft mich das natürlich, wenn ich für meine Rhetorik kritisiert werde, das muss ich schon zugeben.

Gönnen Sie sich in der Berliner Sitzungswoche inzwischen persönliche Auszeiten?

Andreas Wagner: Absolut, das mache ich seit dem letzten Jahr. Anfangs meint man ja, man müsse Einladungen von allen möglichen Lobbyverbänden annehmen. Mit der Zeit findet man heraus, dass dies überhaupt nicht notwendig ist. Reduziert man solche Termine dann, sorgt man erstens besser für sich selbst und kann sich zweitens viel konzentrierter an seine eigentlichen Aufgaben machen.

Drei Jahre sitzen Sie jetzt im Bundestag. Was stört Sie an der Arbeit als Abgeordneter am meisten?

Andreas Wagner: Wie ich eben schon sagte: dass Anträge von der Opposition kategorisch abgelehnt werden, unabhängig vom Inhalt. Es wird nie passieren, dass jemand aus der Regierungskoalition sagt: „Mensch Herr Wagner, super Vorschlag, daran haben wir noch gar nicht gedacht. Das nehmen wir jetzt auf.“ (lacht)

Können Sie ein Beispiel nennen?

Andreas Wagner: Kürzlich unser Antrag auf eine Fahrradprämie von 200 Euro als Alternative zur Autokaufprämie. Abgelehnt mit der Argumentation: Hat doch eh jeder ein Radl. Mit derselben Argumentation könnte man übrigens sagen: Es hat auch jeder ein Auto. Der große Unterschied ist aber: Es braucht nicht jeder ein Auto. Und längst nicht mehr jeder kann sich ein neues Auto leisten, ein Fahrrad dagegen schon. Oder man lässt sein Rad, falls man eins hat, auf Vordermann bringen, was ebenfalls Inhalt des Antrags war. Ich denke, mit der Fahrradprämie hätte man einen guten sozialpolitischen Impuls setzen können.

Zum Positiven: Was lieben Sie an Ihrem Job?

Andreas Wagner: Man lernt unheimlich viel – allein schon, wie Politik funktioniert. Das wird mir helfen, denn auch wenn ich nicht mehr kandidiere, werde ich weiterhin politisch aktiv sein. Und ein Thema bundesweit in die Öffentlichkeit zu rücken, wie es uns mit der Fahrradprämie gelungen ist, das ist schon ein Erfolg. Obwohl der Antrag nicht durchging, hat er vielleicht doch etwas angestoßen.

Sie sprachen gerade davon, auch künftig Politik machen zu wollen. Haben sie Pläne für die Zeit nach dem Bundestag? Vielleicht irgendwann einmal Rathauschef in Geretsried? Sie sind mit dann 49 im besten Alter.

Andreas Wagner: Um Gottes willen nein. Ich sehe mich künftig eher in der zweiten Reihe, von wo aus ich jemanden unterstützen und ihm zuarbeiten kann, mit dem, was ich jetzt gelernt habe. Konkret ist noch nichts. Sollte es die Kommunalpolitik werden, denke ich, dass ich mir dort durchaus Gehör verschaffen kann, auch als Linker. Ich könnte mir ebenso vorstellen, auf Bundesebene weiterhin aktiv zu sein. Man muss sehen, welche Möglichkeiten sich dann auftun. Ich möchte auch nicht komplett ausschließen, irgendwann nochmals für den Bundestag zu kandidieren. Erst einmal konzentriere ich mich aber darauf, im letzten Jahr meiner Amtszeit, für die ich gewählt worden bin, meine Energie und Kraft in meine Arbeit in Berlin einzubringen.

Die Fragen stellte Peter Borchers

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