Schöne Begegnung: Auf Vermittlung unserer Zeitung besuchten die ehemaligen Bewohner Rosa Dotzauer (li.) und Siegfried Gulde (2. v. li.) den Einödhof in Geretsried. Auch Klaus Ailler, dessen Mutter auf dem Hof geboren worden war, war dabei. Die heutige Bewohnerin Silvia Müller (re.) und ihr Tochter Carolin führten die Gäste durchs Haus und sichteten mit ihnen alte Fotos.

Ehemalige Bewohner treffen aufeinander

Wiedersehen auf dem Einödhof: Wie es sich früher in der Abgeschiedenheit lebte

Kindheitserinnerungen wurden kürzlich auf dem Einödhof in Geretsried wach. Rosa Dotzauer und ihr Bruder Siegfried Gulde, die vor über 70 Jahren mit ihren Eltern auf dem alten Bauernhof lebten, haben die jetzige Eigentümerin Silvia Müller besucht.

Geretsried Rosa Dotzauer hat ein altes Foto zu dem Treffen mitgebracht. Darauf steht sie zusammen mit ihrer besten Freundin Hannelore Fleck, die im Erdgeschoss des Hauses wohnte, mitten in einem Krautfeld, im Hintergrund der Einödhof. Die Mädchen waren damals vielleicht sieben Jahre alt. Der Weißkohl wurde für die damaligen Arbeiter in den Rüstungswerken angebaut.

Einer dieser Arbeiter war Rosas Vater. Er wurde während des Zweiten Weltkriegs zwangsverpflichtet, mit anderen Männern die Bunker, in denen der Sprengstoff für die Nationalsozialisten produziert wurde, zu bauen. Später war er im Kraftwerk der Deutschen Sprengchemie (DSC) an der heutigen Schönlinder Straße beschäftigt. Er wohnte mit seiner Frau und seinen Kindern, Tochter Rosa, geboren 1938, und Sohn Siegfried, Jahrgang 1944, von 1942 bis 1946 auf dem Einödhof ganz in der Nähe des Werks, am südöstlichsten Ende von Geretsried.

Nur auf einem holprigen Rollweg gelangt man dorthin. Die schmale Zufahrtsstraße war auch der Grund, warum die beiden früheren Bewohner ihre Kinderstube nun noch einmal sahen. Unsere Zeitung hatte im Januar darüber berichtet, dass Silvia Müller auf dem abgelegenen Hof eingeschneit war. Rosa Dotzauer hatte den Artikel gelesen und über unsere Zeitung mit Müller Kontakt aufgenommen, weil sie sie gerne besuchen wollte. „Mein Gott, hier ist ja alles voller Bäume. Früher konnten wir die Isar vorbeifließen sehen“, sagt sie bei der Ankunft mit Blick auf den Wald hinter dem Haus.

Früher sah man die Isar vorbeifließen

Ein weiterer Besucher an diesem Nachmittag ist Klaus Ailler aus Tattenkofen. Eigentlich wollte er seine Mutter, Katharina Ailler (88), mitbringen, doch ihr geht es nicht gut an dem Tag. „Meine Mutter kam 1931 in dem Haus zur Welt. Sie wurde mit Isarwasser notgetauft“, weiß er aus Erzählungen. Klaus Aillers Großvater, Stefan Feistbauer, war Fährmann. Er brachte die Leute über die Isar ins Dietramszeller Gemeindegebiet, nachdem die frühere Holzbrücke von deutschen Soldaten gesprengt worden war und die Tattenkofener Brücke noch nicht existierte.

Später, bei Kaffee und Kuchen, schauen sich alle Besucher – auch Dotzauers zwei Kinder und Enkelkinder sind dabei – die alten Aufnahmen im Familienalbum der Familie Feistbauer/Ailler an. Zuvor aber führt Silvia Müller die Gäste über das sechs Hektar große Grundstück. „Die mächtigen Apfelbäume standen schon damals“, erzählt Rosa Dotzauer. Zum Dehner, also zur Tenne, gab es, anders als heute, eine Auffahrt. „Im Winter konnte man da mit dem Schlitten runtersausen. Das war ein Spaß!“, berichtet Dotzauer.

Das Bild zeigt Rosa Dotzauer mit Freundin Hannelore Fleck mitten im Krautfeld, im Hintergrund der Hof.

Siegfried Gulde interessieren die Reste des Kalkofens, die am südlichen Grundstücksrand zu finden sind. Er war erst zwei, als die Familie den Einödhof verließ, aber er hat eine sehr frühe Kindheitserinnerung: „Hier auf der untersten Treppenstufe bin ich immer gesessen und habe darauf gewartet, dass unser Vater nach Hause kommt“, sagt er, als die Gruppe im Haus angelangt ist. Silvia Müller und ihr damaliger Ehemann haben es komplett umgebaut und renoviert. Die Treppe im Flur, die vom Erdgeschoss in den ersten Stock führt, aber ist geblieben. Auf dem Balkon im ersten Stock habe sie oft mit ihrer Freundin Hannelore Fleck, die jetzt in Lenggries lebt und Bammer heißt, gespielt, weiß Rosa Dotzauer noch. „Und als du in Königsdorf auf die Welt kamst und die Mama dort mit dir ein paar Tage bei der Hebamme blieb, hab’ ich bei den Flecks unten geschlafen“, sagt sie zu ihrem Bruder.

Beschwerlicher Weg zur Schule

Die 81-Jährige hat jedoch nicht nur schöne Erinnerungen. Anfangs habe sie über den Malerwinkel zur Grundschule nach Königsdorf laufen müssen. Jeden Tag sei sie zweimal eine Stunde lang mutterseelenallein auf dem Fahrweg unterwegs gewesen.

Später habe sie mit der Werksbahn, die noch einige Jahre nach Kriegsende in Betrieb war, in die Schule nach Wolfratshausen fahren können. Der Fußmarsch zum Bahnhof „Tattenkofen“ an der Tattenkofener Straße, wo heute der Friedhof ist, sei ein Klacks gegen den Weg nach Königsdorf gewesen. Schulfreundinnen hätten sie kaum besucht, so weit ab vom Schuss. „Aber ich hatte ja Marianne“, meint die rüstige Dame, die jetzt in Waldram lebt.

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Siegfried Gulde weiß nur aus Erzählungen seiner Mutter, dass die Familie auf dem Einödhof Hühner und Hasen hielt – „die einzige Fleischquelle damals“. Sein Vater züchtete zudem Bienen – ein Hobby, das der Sohn, den es nicht weit weg nach Stein verschlug, übernommen hat.

Silvia Müller (52) und ihre beiden Töchter Sofie (22) und Carolin (14) hören den Gästen gespannt zu. Die Zeit vergeht wie im Flug mit den Geschichten von früher, während man Erdbeerkuchen auf der Terrasse isst, Müllers zwei brave Hütehunde streichelt, den Eseln beim Grasen zusieht und Klaus Aillers Fotoalbum durchblättert. Die Gastgeberin, die ursprünglich aus Oberfischbach stammt, berichtet, dass der Einödhof schon viele Besitzer gesehen habe – nach den Feistbauers einige Flüchtlinge, dann einmal einen Konsul, der Haflinger züchtete und zuletzt ihren Vorgänger Rudolf Frömpter, der ebenfalls Pferde hielt.

Ein Ort mit positiver Energie

Das war unter anderem der Grund, warum Müller das Haus mit dem angrenzenden Stall für sich und ihre Tiere vor zwölf Jahren unbedingt haben wollte. „Wir haben in der Zeitung die Anzeige gelesen, dass ein Bauernhof in Geretsried zum Verkauf steht. Erst habe ich mich gewundert, wo das sein soll. Als ich das Grundstück dann zum ersten Mal betrat, spürte ich sofort, dass hier eine positive Energie herrscht. Und ich bin wirklich kein esoterischer Mensch“, sagt sie. Froh sei sie, dass sie seit einigen Jahren Nachbarn habe. Es sei doch beruhigend, in dieser Einöde, vor allem im Winter, Licht in den Fenstern in etwa 100 Metern Entfernung zu sehen.

Ihre Töchter sagen, ihnen mache die Einsamkeit nichts aus. Sie würden die Freiheit und die Weite genießen, das ländliche Leben mit den drei Pferden und vier Eseln, den Hunden, der Katze und den Hasen. „Wir wollen hier nicht mehr weg“, sagt Silvia Müller und ihre Gäste können das nur allzu gut verstehen.

Tanja Lühr

Die Geschichte des Einödhofs

Auf einer Landkarte aus der Zeit um 1700 sind in unmittelbarer Nähe des später errichteten Einödhofs eine „Ziegelhütte“ und eine „Überfuhr“, also eine Fährstelle, eingetragen. In der Ziegelhütte wurden aus den Lehmvorkommen des benachbarten Malerwinkels Ziegel hergestellt. Anfang des 19. Jahrhunderts betrieb Andreas Aerzbeck aus Bairawies am ehemaligen Standort der Ziegelhütte bereits einen Kalkofen. Als 1841 sein Anwesen in Bairawies abbrannte, errichtete er 1842 jenseits der Isar neben dem Kalkofen den Einödhof. Wegen seiner Entlegenheit und der geringen landwirtschaftlichen Nutzfläche wechselten seine Besitzer häufig. Die Ende des 19. Jahrhunderts beginnende industrielle Kalkherstellung setzte dem Betrieb ein Ende und er verfiel. Durch ein Hochwasser der Isar wurde er bis auf einen kümmerlichen Mauerrest abgetragen. Bis zur Gründung der Gemeinde Geretsried im Jahre 1950 gehörte der Einödhof zur Gemeinde Osterhofen, mit der er durch einen über den Malerwinkel führenden Fahrweg verbunden war. Im Frühjahr 1945 wurde die alte Tattenkofener Holzbrücke von deutschen Soldaten gesprengt – man wollte die Einnahme der Rüstungswerke durch die US-Armee erschweren. Deshalb hatte die Fähre bei Einöd bis zur Wiedererrichtung der Tattenkofener Brücke als Übersetzmöglichkeit erhebliche Bedeutung.

(Autor: Arthur Zimprich, Weg der Geschichte)

Der Schnee versperrte die einzige Zufahrt: Familie Müller kam während der Schneekatastrophe nicht von ihrem Hof. Wir haben sie besucht, als der Weg wieder frei war.

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