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Manche Unternehmen müssen jetzt genau rechnen. (Symbolfoto)

„Begonnenes können wir abschließen“

Interview: Welche Folgen hat die Corona-Krise für die Geretsrieder Geschäftswelt ? 

Finanziell wird die Corona-Pandemie weitreichende Folgen haben. Wir sprechen mit Volker Reeh, Wirtschaftsreferent des Stadtrats, wie er die Situation der Geretsrieder Geschäftsleute einschätzt.

Geretsried – Die Corona-Pandemie trifft die Wirtschaft heftig. In der größten Stadt im Landkreis haben es vor allem kleinere Unternehmen im Handel und in der Gastronomie schwer, wie der Wirtschaftsreferent des Stadtrats, Volker Reeh, im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Dominik Stallein erklärt. Er rechnet zwar damit, dass die Stadt ihre angefangenen Projekte weitestgehend problemlos über die Bühne bringt. Eine Herausforderung werden in seinen Augen vor allem aber die Langzeitauswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft.

Herr Reeh, wagen Sie eine Prognose, wie stark sich die Krise auf Geretsried und seine Unternehmen auswirken wird?

Die Ausmaße sind noch überhaupt nicht abzusehen, deshalb möchte ich hier keine Prognose abgeben. Vor allem die Langzeitschäden sind noch gar nicht klar, und werden sich auch erst nächstes oder übernächstes Jahr zeigen.

Welche Wirtschaftsbereiche in Geretsried leiden besonders?

Die Gastronomie ist schwer gebeutelt: Volker Reeh von der Geretsrieder Liste, Wirtschaftsreferent des Stadtrats, macht sich Sorgen wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Stadt. Foto: hl/Archiv

Vor allem die Gastronomie ist extrem gebeutelt. Natürlich leiden auch Einzelhändler stark, vor allem großflächige. Wenn man acht Wochen oder länger komplett schließen muss, in dieser Zeit keinerlei Einnahmen erzielt, ist das eine extreme Herausforderung. Insbesondere weil viele Ausgaben trotzdem noch angefallen sind, wie Mieten oder laufende Kosten. Die meisten Cafés oder Restaurants sind kleine Betriebe, das macht die Situation natürlich nicht leichter.

Wieso?

In kleinen Unternehmen kennen sich Inhaber und Mitarbeiter persönlich gut. Wenn der Cafébesitzer sich zusammen mit seinen Mitarbeitern hinter den Tresen stellt und man sich lange kennt, weiß der Arbeitgeber, dass hinter jedem Kollegen auch eine Familie steht. Diese Mitarbeiter will man dann auch unbedingt halten. Wenn die aber aus wirtschaftlichen Zwängen in Kurzarbeit geschickt werden und mit 60 Prozent des Nettolohns auskommen müssen, wird es schnell eng. Einige Händler an der Egerlandstraße haben zusätzlich zur Pandemie mit der Verkehrssituation durch die Baustelle zu kämpfen.

Wie geht es diesen Unternehmern?

Die haben es doppelt schwer. Zwar konnten in den vergangenen Wochen, als die Geschäfte ohnehin geschlossen waren, einige Arbeiten erledigt werden, aber das Problem mit der Verkehrsführung dauert noch zwei oder drei Jahre an. Das wird eine große Herausforderung, da brauchen wir nicht drumherumzureden.

Die Geretsrieder müssen trotzdem weiterhin einkaufen…

… stimmt. Wir bemerken zum Beispiel, dass die Läden an der Sudetenstraße häufiger angesteuert werden, weil dort auch eine breite Palette geboten wird und die Verkehrssituation einfacher ist. Diese Händler können davon profitieren.

Profiteure gibt es auch in der aktuellen Situation. Welche Unternehmen können gestärkt aus der Krise hervorgehen?

Der Lebensmittelbereich – sowohl Produktion als auch Handel – haben eine starke Nachfrage. Die Pharmabranche und Hygieneartikelhersteller sind ebenfalls sehr gut ausgelastet. Es gibt in dieser Situation, wenn man es so nennen will, nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner. Der Wettbewerb ist in diesen Branchen aber gnadenlos – die ganz großen Unternehmen können viel schneller besondere Angebote fahren und die Produktion verändern. Das macht es gerade den kleineren Betrieben wiederum schwer, selbst wenn sie aus einer Branche kommen, die potenziell profitieren könnte.

Es ist unklar, wie es weitergeht: Wie bewerten die Unternehmer ihre Zukunftsaussichten?

Die Einzelhändler sind ganz, ganz weit davon entfernt, ihre Umsatzzahlen vom Vorjahr zu erreichen. Und das wird weiterhin anhalten, weil zum Beispiel ein Einkauf mit dem Mund-Nase-Schutz nicht so stimmungsvoll ist, wie ein gemütlicher Bummel. So kommt nicht die große Kauflust auf. Dazu kommt eine Unsicherheit: Die größeren Unternehmer befürchten, dass die Corona-Welle mindestens bis zum Herbst anhalten wird. Der Großteil geht davon aus, dass die Situation noch über das nächste Jahr hinaus so läuft. Für Firmen bedeutet das, dass zum Beispiel in der Produktion Abstriche gemacht werden müssen, weil Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden müssen.

Viele Unternehmen sind gebeutelt – die Gewerbesteuer dürfte also deutlich geringer ausfallen. Rechnen sie mit einem großen Loch im städtischen Haushalt?

Noch nicht sofort. Es gibt Anträge auf Aussetzung der Steuerzahlungen. Die Steuern, mit denen wir für dieses Haushaltsjahr rechnen, sind aber – das muss man bedenken – vor allem auf die Jahre 2018 und 2019 zurückzuführen. Gerade die großen Betriebe, die den Großteil der Steuerlast tragen, haben jetzt noch eine gewisse Liquidität, weil die vergangenen Jahre erfolgreich gelaufen sind. Ich rechne deshalb fest damit, dass wir die schon begonnenen Projekte gut abschließen werden, sei es nun das Hallenbad oder die Stadtmitte. Ich bin optimistisch, dass wir in diesem Jahr noch nicht mit großen Haushaltsproblemen zu kämpfen haben werden, weil wir große Rücklagen haben.

Und danach?

Vielleicht werden in den kommenden Jahren nur noch Pflichtaufgaben möglich sein. Die werden wir auch bewerkstelligen können, davon bin ich überzeugt. Aber wir werden etwas vorsichtiger sein müssen. Die eine oder andere Investition muss vielleicht zurückgestellt werden, manches könnte ausfallen. Gerade Zukunftsprojekte, bei denen es wie zur Böhmwiese noch wenig Konkretes gibt, könnten aufgeschoben werden.

Finanzielle Probleme für die Stadt stehen also frühestens in den kommenden Jahren bevor?

Da wird es auf jeden Fall eine große Herausforderung. Wenn sich die aktuelle Krise in Steuerrückgängen auswirkt, wird es schwerer.

Gibt es Angebote der Kommune, den hiesigen Unternehmen zu helfen?

Das läuft über unser Referat Wirtschaftsförderung, und es gibt telefonische Beratungen. Ich glaube, dass sich die meisten Unternehmer aber zuerst an ihre Handelsverbände wenden. Da gibt es viele Nachfragen, die vor allem einzelne Probleme der Unternehmer betreffen – da hilft der Handelsverband viel spezifischer.

Wie sieht es mit gewerblichen Immobilien aus, die der Kommune gehören?

Wir haben ja nicht allzu viele Gewerbeflächen. Es gibt dazu zwar wenige Nachfragen, aber die werden – und das ist auch wichtig – mit sehr viel Diskretion von der Verwaltung behandelt.

Sie selbst führen seit Jahrzehnten ein Unternehmen (Reeh ist Geschäftsführer des gleichnamigen Fisch- und Feinkosthandels in Geretsried; Anm. d. Red.) Verraten Sie, wie sich die Situation für Sie und Ihr Unternehmen ausgewirkt hat oder noch immer auswirkt?

Wir sind bislang unbeschadet aus der Situation gekommen. Die Menschen kaufen weiterhin Lebensmittel, vor allem, weil die Gastronomie geschlossen ist. Gerade Wochenmärkte unter freiem Himmel mit vielen Leuten, die man treffen kann, waren während des Lockdowns besondere Erlebnisse, die gerne angenommen wurden.

Und das, obwohl man sich nur auf Abstand begegnen kann?

Ja, selbstverständlich. Ich hoffe aber, dass das nicht die Regel wird.

Wie meinen Sie das?

Ich hoffe, dass der Sicherheitsabstand, der natürlich im Moment nötig ist, nicht dazu führt, dass man sich auch menschlich weiter voneinander entfernt. Persönliche Nähe ist etwas so Wichtiges, und Geretsried leidet ohnehin darunter, dass es vielerorts anonym zugeht. Ich wünsche mir sehr, dass die Menschen künftig wieder mehr zusammenrücken statt auseinander zu gehen.

dst

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