Die Treppe ist nur eine der vielen Barrieren, auf die Ralph Seifert als Behindertenbeauftragter des Landkreises aufmerksam macht.
+
Die Treppe ist nur eine der vielen Barrieren, auf die Ralph Seifert als Behindertenbeauftragter des Landkreises aufmerksam macht. 

„Wenn jemand auch nur Kleinigkeiten selbst machen kann, hält es den Kopf fit“

Ralph Seifert kämpft für Barrierefreiheit im Landkreis

  • Susanne Weiss
    vonSusanne Weiss
    schließen

Das Schicksal eines Tetraplegikers bewegte Ralph Seifert besonders. Als Behindertenbeauftragter unterstützte er ihn. Sein Einsatz im Landkreis geht aber noch weiter.

Geretsried – Ralph Seifert hat gerade einen Brief bekommen, über den er sich sehr freut. „Ohne Sie hätten wir nie Unterstützungen in dieser Form für meinen Bruder erhalten können und auch, dass mein Bruder in seiner eigenen Wohnung lebt, haben wir nur Ihrer Unterstützung zu verdanken“, steht darin.

Die Dankbarkeit schlägt dem Behindertenbeauftragten des Landkreises von Lea Schütze (Namen geändert) entgegen. Ihr Bruder Anton ist seit einem Unfall Tretraplegiker, also vom Hals bis zu den Fußspitzen gelähmt. Anfang des Jahres konnte er seine für ihn gänzlich ungeeignete Pflegewohngemeinschaft verlassen und in eine eigene Wohnung in Geretsried ziehen. Damit hat der 41-Jährige die Chance auf einen einigermaßen selbstbestimmten Alltag bekommen.

Lea Schütze hatte Seifert um Hilfe bei der Suche nach einer barrierefreien Wohnung gebeten. „Ein Ding der Unmöglichkeit“, sagt der Behindertenbeauftragte. Doch Seifert versuchte es trotzdem. Zusammen wurden sie bei der Baugenossenschaft Geretsried vorstellig und gingen mit einer festen Zusage wieder heraus.

Seifert, der selbst seit einem Unfall auf einen Rollstuhl angewiesen ist, ließ das Schicksal von Anton Schütze aber nicht los. Wie sollte dieser mit seinen knappen finanziellen Mitteln und ohne Anspruch auf staatliche Förderung das Notwendigste für seine neue Wohnung bezahlen? „Das kann’s nicht sein“, habe er sich gedacht und vermittelte unter anderem Spenden aus der Weihnachtsaktion „Leser helfen helfen“ von Geretsrieder Merkur/Isar-Loisachbote und Tölzer Kurier.

30 bis 40 Beratungen hat Seifert als Behindertenbeauftragter des Landkreises im Jahr, schätzt der Benediktbeurer. Auch wenn es dabei beispielsweise „nur“ um Unterstützung beim Antrag für einen Behindertenausweis geht, versuche Seifert, stets das Maximale herauszuholen. „Ich kläre über Möglichkeiten auf, an die die Menschen oft gar nicht denken.“ Beispielsweise, Pflegegeld zu erhalten.

Familie Schütze war dennoch ein Ausnahmefall für Seifert. Die Situation bewegte ihn besonders. Es sei „ein Riesenproblem in Oberbayern“, dass es keine Einrichtungen für Menschen gebe, die nach einem Unfall eine Behinderung haben. Wenn diese aus dem Krankenhaus entlassen werden, gebe es die Wahl zwischen einem Altenheim oder „merkwürdigen Konstrukten“. Ein menschenwürdiger Alltag sei nicht möglich. Seifert war in einer ähnlichen Situation und hatte das Glück, dass seine Eltern eine barrierefreie Wohnung für ihn suchten. Dass sie eine fanden, sei „reiner Zufall“ gewesen.

Aus diesem Grund sieht es der Ehrenamtler als seine Aufgabe, für mehr Barrierefreiheit zu kämpfen. „Wenn jemand auch nur Kleinigkeiten selbst machen kann, hält es den Kopf fit“, sagt Seifert. Seiner Ansicht nach könnte man den Großteil neuer Wohnungen barrierefrei bauen. „Die meisten denken, das betrifft mich nicht, und wenn es mal eintrifft, werden wir es irgendwie regeln“, berichtet Seifert. Dabei seien spätere Umbauten viel teurer. „Wenn der demografische Wandel voll durchschlägt, werden viele in ihren Wohnungen eingeschlossen sein, weil sie die Treppe nicht mehr herunterkommen“, prognostiziert er.

Seifert berät auch Kommunen, Architekten und Handwerker, würde sich hier aber freuen, wenn noch mehr Anfragen kämen. „Oft sind es banale Sachen“, sagt Seifert. Beispielsweise dass Rollstuhlfahrer nicht an den Wasserhahn kommen, wenn er an der Stirnseite der Dusche montiert ist. Wenn sich die Mischbatterie dagegen rechts oder links befindet, ist das eins der vielen kleinen Details, die Menschen mit Behinderung helfen, ihren Alltag selbst zu bestreiten.

sw

Kontakt

Behindertenbeauftragter Ralph Seifert ist per Telefon unter 0 88 57/69 77 46 und E-Mail ralph-seifert@t-online.de erreichbar.

Lesen Sie auch: Das Mitfahrerbankerl im Selbstversuch: Sitzen und warten

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Er galt schon als genesen: Familienvater erleidet heftigen Corona-Rückfall - „Nie gedacht, dass es so endet“
Miklas Spohr aus Benediktbeuern infizierte sich im März mit dem Coronavirus. Der Familienvater ist Sportlehrer und galt als topfit. Ein heftiger Rückfall änderte alles.
Er galt schon als genesen: Familienvater erleidet heftigen Corona-Rückfall - „Nie gedacht, dass es so endet“
Rathauscafé: Wolfratshauser Stadtrat fällt weitreichende Entscheidung
Seit Monaten steht das Rathauscafé in der Wolfratshauser Altstadt leer. Nun hat der Stadtrat eine Entscheidung getroffen - die die potenziellen Pächterinnen nicht freut.
Rathauscafé: Wolfratshauser Stadtrat fällt weitreichende Entscheidung
Geretsrieder Stadtbücherei startet große Aktion in den Sommerferien
Die Stadtbücherei beteiligt sich mit 186 anderen Bibliotheken an der bayernweiten Aktion „Sommerferien-Leseclub“.  
Geretsrieder Stadtbücherei startet große Aktion in den Sommerferien
Corona-Infektionen in Tölzer  und Geretsrieder Asyl-Unterkunft: Keine neuen Fälle
Wir geben einen Überblick während der Coronavirus-Pandemie im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen in unserem News-Ticker. Aktuelle Zahlen und Entwicklungen lesen Sie hier.
Corona-Infektionen in Tölzer  und Geretsrieder Asyl-Unterkunft: Keine neuen Fälle

Kommentare