Schatz Heimatvertriebene Geretsried
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Ein gegabeltes Kissen: „An so einem Kissenbezug sitzt man ganz schön lang, man braucht viel Geduld“, sagt Erika Wiedemann. Die gebürtige Graslitzerin (75) muss es wissen, weil sie das Kissen selbst gefertigt hat. Wichtigstes Utensil für diese Handarbeit ist – neben einer Häkelnadel – eine so genannte Gabel, mit der dieses spezielle Muster gemacht wird. Diese Gabel stammt von Wiedemanns Mutter, Marie Stepina. „Sie hat mir diese besondere Technik beigebracht.“
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Liwanzen: An diese besondere Pfanne kann sich Anneliese Zelfel (71) noch gut erinnern. „Die stammt von meiner Oma Anna Löw. Im Barackenlager hat sie damit Liwanzen gemacht.“ Die goldgelben Hefeteig-Taler wurden mit Zimt-Zucker, Preiselbeeren oder Marmelade gegessen.
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Ein Mitbringsel: Dieses Schmuckkästchen mit Edelweiß, Enzian und Almrose stammt aus dem Riesengebirge. Mitgebracht nach Geretsried hat es Anna Spindler, die Tante von Doris Herbst (80). „Ich habe es von meiner Mutter bekommen“, sagt die gebürtige Graslitzerin. Zuletzt hat sie darin „kleine Kinkerlitzchen“ aufbewahrt.
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Aus dem Nähkästchen: 75 Jahre alt ist dieses Nähkästchen. Es gehört Friedl Prasch aus Graslitz und war ein Geschenk zu ihrer Einschulung. Der jüngste Bruder ihres Vaters, ein Kunstschreiner, hatte es seinerzeit für seine Nichte gefertigt. „Es war mein größter Schatz. Ich habe es immer bei mir gehabt. Oben waren meine Strick- und Häkelnadeln drin“, erinnert sich Friedl Prasch. Heute bewahrt sie das Nähkästchen bei sich im Regal auf. „Es steht noch so da, wie ich es original bekommen habe.“
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Edles Einzelstück: Silberfarbene Blumenranken auf weißem Porzellan: Sehr edel sieht diese Schüssel aus, die Anna Paulus von der ehemaligen Metzgerei Paulus auf ihrer Flucht aus Graslitz mitgenommen hat. „Sie ist ein echtes Einzelstück“, sagt Tochter Edeltraud Paulus (69). Wie schon bei ihren Eltern steht die Schüssel als Erinnerungsstück in einer Vitrine. „Vermutlich ist sie früher für Konfekt benutzt worden.“
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Zur Erinnerung ein Stickmuster: Aus den Händen eines elfjährigen Mädchens stammt dieses aufwändige und akkurate Stickmuster. „Das hat meine Tante Theresia Nietsch gemacht“, berichtet Werner Sebb. „Sie hat es in der Schulzeit angefertigt.“ Neben den Buchstaben des Alphabets stickte das Mädchen auch Zahlen, Blumen und das Entstehungsjahr – 1924 – ein. Sebbs Familie hat das Muster als Erinnerungsstück aus Graslitz mitgenommen.
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Marke Rosenthal: „Es waren zwei oder drei Tassen, die meine Mutter in Graslitz in die Fluchtkiste gepackt hat“, sagt Werner Sebb. „Vermutlich gab es aber mehr davon.“ Das Geschirr der Marke Rosenthal trägt einen Hakenkreuz-Stempel, was laut Sebb darauf hindeutet, dass es Mitte der 1930er Jahre entstanden sein muss.
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Kunstvolle Klöppelarbeit: Dieser Vorhang mit einem geklöppelten Rand und Quasten fand den Weg in eine Fluchtkiste. „Mitgebracht haben ihn meine Großmutter Anna Löw und meine Mutter Anni Riedl“, berichtet Ursula Schilling. Das gute Stück bewahrt die 68-Jährige zu Hause in einem Schrank auf.

Jedes Stück erzählt eine Geschichte

Bilder: Schätze aus der alten Heimat der Vertriebenen

Geretsried – Eine Ausstellung im Museum zeigt Schätze aus der alten Heimat der Vertriebenen in Geretsried. Wir haben einen Rundgang gemacht und erzählen die Geschichten der Erinnerungsstücke.

Auf den ersten Blick erscheinen die Exponate unspektakulär: ein Kartoffel-Reibeisen aus Messing, ein besticktes Kissen, ein Taufbüchlein, hübsch bemaltes Porzellangeschirr. Doch die in einer von Werner Sebb konzipierten Sonderausstellung im Stadtmuseum gezeigten Gegenstände sind die letzte materielle Verbindung zur alten Heimat.

60 Kilogramm durfte das Fluchtgepäck wiegen

60 Kilogramm Fluchtgepäck durfte jeder Heimatvertriebene mitnehmen. Die Familie von Wenzel Hoffmann – vier Personen, angekommen mit dem dritten Transport, Waggon Nummer acht – entschied sich unter anderem für praktische Küchengeräte wie einen Knödel-Schöpfseiher und eine Liwanzenpfanne. „Die Sachen sorgen heute leider oft für Unverständnis und Spott. Hier erhalten sie eine Aufwertung“, sagte Geretsrieds Kulturamtsleiterin Anita Zwicknagl bei der Ausstellungseröffnung am Donnerstagabend im Rahmen der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Ankunft der Graslitzer im Lager Buchberg.

Für die Eigentümer und deren Nachfahren besitze das Gerettete einen hohen persönlichen Stellenwert, so Zwicknagl. Sie spürten die Verpflichtung, es zu bewahren. Denn zu jeder Tasse, jedem Teller gebe es eine Familiengeschichte. So etwa zum Taufbüchlein von Anna Riedl. „Meine Mutter hat es von ihrer Tante bekommen und stets wie ihren Augapfel gehütet“, erzählt die Tochter Anneliese Zelfel.

Die Madonnenbüste aus Porzellan, die in einer anderen Vitrine steht, ist eine Leihgabe von Ingeborg Wanner. Die 73-Jährige hat die Figur von ihrer Mutter geerbt, die das zerbrechliche Hochzeitsgeschenk unversehrt von Graslitz bis nach Geretsried brachte. „An Fronleichnam bauten wir die Madonna immer auf einem kleinen Altar auf“, erinnert sich Wanner, die ihre Kindheit bis 1949 im Barackenlager auf der Böhmwiese verbrachte.

Die Geschichten sind unglaublich vielfältig

Margarete Schumacher weiß eine andere Geschichte zu erzählen: Sie schaffte es als kleines Mädchen, einen Teddybären vor den Tschechen in Sicherheit zu bringen: „Als sie ihn mir wegnehmen wollten, habe ich so geplärrt, dass ich ihn behalten durfte.“ Schumacher ließ das geliebte Stofftier restaurieren. Es hat noch heute einen Ehrenplatz im Schlafzimmer. Da die Tachauerin erst am 29. Juni mit einem weiteren Transport in Geretsried ankam, gehört der Teddy nicht zu den Ausstellungsstücken.

Auf besonders reges Interesse stießen bei den Museumsbesuchern die von Werner Sebb im Internet entdeckten Namenslisten der Vertriebenen aus Graslitz. In eineinhalbjähriger, mühevoller Kleinarbeit hat der Hobbyhistoriker aus rund 20 000 Namen die der rund 600 in Geretsried eingetroffenen Graslitzer herausgesucht. Auch diese, äußerlich unscheinbaren Ausdrucke, sind für die noch Lebenden und ihre Nachkommen ein Erinnerungsschatz.

von Tanja Lühr

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