Luftbild von Geretsried (hier der Ortsteil Gartenberg mit der Firma Pulcra Chemicals im Vordergrund)
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Die Stadt im Grünen: Geretsried (hier der Ortsteil Gartenberg mit der Firma Pulcra Chemicals im Vordergrund) hat sich zur größten Kommune im Landkreis entwickelt.

„Überstülpen einer Marke funktioniert nicht“

Auf Identitätssuche: Bürgermeister Michael Müller über Geretsried und seine Nachbarstädte

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Wolfratshausen und Bad Tölz wollen ihr Profil schärfen. Wofür steht Geretsried? Bürgermeister Michael Müller erklärt‘s im Interview.

Geretsried – Was ist Geretsried? Die grüne Stadt im Isartal? Das Wirtschaftszentrum des Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen? Der ideale Wohnort aufgrund seiner Lage? Oder Schul- und Sportstadt? Eine Antwort auf die Ausgangsfrage zu finden, ist in der Tat nicht einfach. Die Nachbarstädte Wolfratshausen und Bad Tölz wollen ihr Profil schärfen. Wir baten Bürgermeister Michael Müller uns zu erklären, ob Geretsried seinen Platz schon gefunden hat.

Herr Bürgermeister Müller, die Flößerstadt Wolfratshausen sucht eine Dachmarke, die Kurstadt Bad Tölz eine Stadtmarke. Wie finden Sie das?

Bürgermeister Michael Müller: Da Marken immer auch eng mit der Frage nach der Identität eines Ortes verbunden sind, sind das sehr spannende Prozesse. Wir sind wirklich gespannt, welche Richtungen Wolfratshausen und Bad Tölz einschlagen werden – vor allem auch im Hinblick auf die Wirkung und Strahlkraft unserer ganzen Region.

Hat sich die Stadt auch schon mal mit diesem Thema beschäftigt?

Müller: Einen ähnlichen Prozess haben auch wir in Geretsried 2015 durchgeführt. Zusammen mit einer professionellen Agentur war das Ziel damals ebenfalls, eine Marke zu definieren – ein durchaus hochgestecktes Ziel in einer rasant wachsenden aber noch sehr jungen Stadt, die den Kern ihrer Identität nicht über viele Jahrhunderte ausbilden konnte.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Müller: Uns wurde sehr schnell bewusst: Das schlichte Erfinden oder Überstülpen einer solchen Marke funktioniert nicht. Sie muss vielmehr aus der Mitte der Stadtgesellschaft entstehen, gewissermaßen von innen heraus. Um diesen Kern zu erfassen, haben wir seither im Rahmen zahlreicher Bürgerbeteiligungen versucht zu ergründen, was Geretsried aus Sicht seiner Bürger ausmacht; ein Prozess, der vor vielen Jahren mit dem Leitbild begonnen hat und bis heute konsequent fortgeführt wird.

Wie sinnvoll ist ein Markenbildungsprozess für eine Stadt in der Größenordnung von Geretsried?

Müller: Es ist zu beobachten, dass Marken für Orte heutzutage oft eher im größeren Rahmen funktionieren: das Salzburger Land, Südtirol oder in Süddeutschland das Allgäu. All das sind keine einzelnen Städte, sondern Regionen, die vermarktet werden und so im Wettbewerb bestehen. Insofern denke ich, braucht es auch in unserer Region am Ende eine enge Abstimmung und gute Zusammenarbeit, wie wir sie beispielsweise bereits erfolgreich im Rahmen des „Tölzer Land Tourismus“ oder „Münchner Oberland“ pflegen.“

Bürgermeister Michael Müller

Mit welchen drei Adjektiven würden Sie die Geretsrieder Nachbarstädte charakterisieren?

Hier muss man natürlich vorausschicken, dass eine solche Aussage ja nur aus der Ferne erfolgt und höchst subjektiv ist. Meine Sichtweise ist lediglich die eines Geretsrieders auf zwei Städte, in denen er nicht wohnt und lebt. Wolfratshausen ist für mich historisch, gastfreundlich, traditionell und Bad Tölz bayerisch, touristisch, bergnah.

Wie sehen Sie Ihre eigene Stadt?

Müller: Geretsried ist dynamisch, offen, naturnah.

Hand aufs Herz: Welche Schwächen hat die Stadt Geretsried? Und was sind ihre Stärken?

Müller: Anders als Bad Tölz und Wolfratshausen hat Geretsried natürlich keine jahrhundertelange Geschichte, auch wenn wir urkundlich bereits im Jahr 1083 erwähnt wurden. Dadurch bedingt gibt es in unserer Stadt bisher auch keinen klassischen Ortskern mit Kirche und Rathaus in der Mitte oder gar eine historische Altstadt.
Gleichzeitig aber ist unsere Geschichte der Ursprung für zentrale Eigenschaften, die Geretsried ausmachen: Als junge Stadt sind wir dynamisch und mutig in unseren Ideen und Entscheidungen. Unsere Stadtentwicklung – etwa in der Neuen Mitte, bei den Sportstätten, der Infrastruktur oder bei Wohnbauprojekten –- zeugt von unserer Mentalität. Wir Geretsrieder packen die Dinge an.

Geretsried wirbt mit dem Slogan „einfach anders“. Wie könnte sich die Stadt tatsächlich als Ort profilieren?

Müller: Der Slogan stammt aus der Vergangenheit, wir blicken mittlerweile in die Zukunft. Mit der angestoßenen Stadtentwicklung ist vieles Realität geworden, was über Jahre gereift ist, ob bei der Zentrumsentwicklung, dem interkommunalen Hallenbad, den Schulen, dem Eisstadion oder auch anderen Projekten. Es entstehen immer mehr Angebote, die unsere Außenwahrnehmung auch über die Stadtgrenzen hinaus prägen. Gewissermaßen ein Puzzle, das aus vielen kleinen Teilen besteht. Zusammengesetzt ergeben sie am Ende das, was uns die Bürger mit auf den Weg gegeben haben: ein Geretsried, in dem sich alle gut aufgehoben fühlen – Einheimische und Besucher gleichermaßen.

Die Stadt wächst, es sind viele Investitionen zu tätigen. Ein neuer Arbeitskreis des Stadtrats soll sich eingehend mit der Haushaltslage auseinandersetzen. Würde ein Profil diesen Prozess nicht erleichtern?

Müller: Der Prozess der Profilbildung ist bereits in vollem Gange – nicht nur in der Theorie, sondern ganz greifbar mit vielen konkreten Maßnahmen. Auch auf politischer Ebene beschäftigen sich die Arbeitskreise des Stadtrates ausführlich mit der Priorisierung dieser Maßnahmen. Alle Bereiche wie Bildung, Sport, Kultur, Umwelt und Mobilität werden dabei erfasst, die Ergebnisse unserer vielen Bürgerbeteiligungen berücksichtigt. Eine Haushaltskonsolidierung ist grundsätzlich keine einfache Aufgabe. So ein Prozess ist immer eine Herausforderung. Insofern ist es gut, auf der Vorarbeit der Arbeitskreise aufbauen zu können.

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