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„Ein Bauchgefühl für Zahlen“: Der Geretsrieder Controller im Interview

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Controller Thomas Schmid an seinem Schreibtisch im Rathaus.
Ein Zahlenmensch bei der Arbeit: Controller Thomas Schmid an seinem Schreibtisch im Geretsrieder Rathaus. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Zahlen sind seine Welt: Thomas Schmid arbeitet als Controller im Geretsrieder Rathaus. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt er, worin seine Aufgabe besteht.

Geretsried – In Sitzungen des Haupt- und Finanzausschusses sowie des Stadtrates tritt Thomas Schmid immer wieder in Erscheinung. Der Diplom-Betriebswirt hat den Auftrag, im Rathaus ein Controlling sowie eine Kosten- und Leistungsrechnung zu konzipieren. Was es damit auf sich hat, erklärt er im Interview. Zudem äußert er sich zur jüngsten Kritik am Arbeitskreis Konsolidierung. Der war maßgeblich am Haushaltsplan 2022 beteiligt, der am Dienstag, 22. Februar, im Stadtrat zur Diskussion steht.

Herr Schmid, was fasziniert Sie an Zahlen?

Schmid: Die wirtschaftlichen Sachverhalte dahinter zu erkennen. Zahlen sagen einem ja manchmal gar nichts. Wenn man aber weiß, welche Prozesse dahinterstehen, ist das spannend. Das will ich so aufbereiten, dass es jeder versteht, und sagen, welche Konsequenz es hat, wenn wir so weitermachen.

Ein Ergebnis Ihrer Arbeit war die Erhöhung der Hundesteuer im vergangenen Jahr. Können Sie bitte anhand dieses Beispiels erklären, wie Sie vorgehen?

Schmid: Ich habe den Auftrag, den Arbeitskreis Haushaltskonsolidierung zu begleiten. In der Vorbereitung auf eine Sitzung habe ich recherchiert, wo Stellhebel sind. Eigentlich schaue ich eher auf die großen Posten, aber in einem Bericht ist mir aufgefallen, dass die letzte Hundesteuererhöhung am 1. Januar 2010 war. Das hat mich aufmerken lassen. Denn: Nach so langer Zeit kann die Steuer nicht mehr ausreichen, um die Kosten zu decken.

Warum?

Schmid: Die Infrastruktur, beispielsweise Kotbeutel, sind teurer geworden. Das habe ich berechnet und bei anderen Kommunen im Umkreis gefragt, wie hoch die Hundesteuer dort ist. Wir waren die Günstigsten. Ich habe den Sachverhalt im Arbeitskreis vorgestellt, und die Erhöhung wurde anschließend im Stadtrat beschlossen. Natürlich sorgt so etwas für Gegenströmungen, aber ich bin kein Hundefeind. Ich habe selbst einen Hund.

Sie machen sich sicherlich auch innerhalb der Verwaltung nicht beliebt, wenn Sie alles durchleuchten. Belastet Sie das?

Schmid: Es ist immer die Frage, wie man mit den Menschen umgeht, die Zahlen produzieren. Wenn ich etwas in der Detailanalyse finde, mache ich mich fachlich fit, dann stelle ich Fragen. Mir geht es nicht darum, etwas bei der Geschäftsleitung zu petzen. Ich bin daran interessiert, die Kommune weiterzubringen. Aber ich gebe nur Handlungsempfehlungen. Die Entscheidung trifft immer die Politik.

Sie sagen, Sie finden etwas. Woher wissen Sie, wohin Sie schauen müssen?

Schmid: Mir kommt meine Erfahrung aus der Wirtschaftsprüfung extrem zur Hilfe. Ich habe einen gewissen Stil, ein Bauchgefühl für die Zahlen und frage bis zum Ende. So habe ich beispielsweise ermittelt, dass die Stadt insgesamt 1,4 Millionen Euro im Jahr für den Sport ausgibt. Bislang wurde nur die direkte Förderung der Vereine beziffert. Aber was die Stadt indirekt für die Liegenschaften ausgibt, die sie den Vereinen kostenlos zur Verfügung stellt, ist auch nicht unerheblich.

Warum wurde diese Summe nie ermittelt?

Schmid: Ich bin nicht in operative Aufgaben eingebunden, dadurch hatte ich die Zeit im Rahmen des Arbeitskreises dafür. Eine operativ eingebundene Kämmerei kann diese Zusatzkapazität nicht einfach darstellen. Sie muss täglich alle Geschäftsvorfälle erfassen beziehungsweise Tätigkeiten zu den Abschlüssen und der Haushaltsplanung darstellen.

Im Landkreis ist Geretsried die einzige Kommune, die einen Controller beschäftigt. Woran liegt das?

Thomas Schmid: Das stimmt, nur am Landratsamt gibt es noch einen Controller. Geretsried hat 2010 die Doppik eingeführt (doppelte Haushaltsführung, die Sach- und Geldvermögen berücksichtigt, Anm. d. Red.). Zum Ausbau der Doppik gehört das Controlling. Und es macht vor allem da Sinn. Die Doppik ist vergleichbar mit den Abschlüssen eines Unternehmens. In Bad Tölz oder Wolfratshausen, die noch an der Kameralistik hängen, könnte ich meine Werkzeuge aus der Wirtschaft gar nicht anwenden. Das wäre für mich ein Rückschritt gewesen, beziehungsweise hätte ich ziemlich schnell geraten, die Doppik einzuführen.

Ist das die Zukunft?

Schmid: Es gibt Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, in denen die Doppik vorgeschrieben ist. Ich behaupte, die Kommunen, die umstellen, sind bereit, den Bürgern mehr Transparenz zu geben. Die Politik vertritt den ganzen Haushalt. Wir sind den Bürgern gegenüber verpflichtet, ihn ordentlich zu überwachen.

Geretsried hat also eine Vorreiterrolle unter den Kommunen im Landkreis eingenommen?

Schmid: Definitiv. Das war für mich auch der Antriebsgrund, mich zu bewerben.

Sprechen wir über den Arbeitskreis Konsolidierung. Wie wichtig ist er für Ihre Arbeit?

Schmid: Er hat im ersten Jahr meiner Tätigkeit dominiert und dadurch meine Controllingprioritäten beeinträchtigt. Ich wollte mit meinem Konzept für die Kosten- und Leistungsrechnung, mit der wir die Wirtschaftlichkeit der Preise besser beurteilen können, weiter sein. Aber wir hatten sechs Sitzungen im alten Jahr, die ich vor- und nachbereitet habe. Ich habe mir Themen überlegt, weil von der Politik nur einzelne Vorschläge zur Konsolidierung des Haushalts kamen.

Wer gehört dem Arbeitskreis an?

Schmid: Er setzt sich aus Politik und Verwaltung zusammen. Wir von der Verwaltung sind dazu da, alle Daten bereitzustellen. Die Fraktionen sind entsprechend der Zusammensetzung des Stadtrats vertreten, also drei Vertreter von CSU und jeweils einer von SPD, Freie Wähler, Grüne und Geretsrieder Liste.

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Trifft der Arbeitskreis Entscheidungen?

Schmid: Er hat nur beratende Funktion. Wir beschließen aber intern, wenn ein Vorschlag ausreichend validiert ist, ob wir ihn in den Haupt- und Finanzausschuss bringen oder nicht. Dort wird entschieden oder das Thema zur Beschlussfassung in den Stadtrat eingebracht, wie die Erhöhung der Hundesteuer.

Warum kommt der Arbeitskreis hinter verschlossenen Türen zusammen?

Schmid: Weil dort vertragliche Dinge über Liegenschaften, Vereine oder soziale Einrichtungen auf den Tisch kommen. Das ist wie in den Sitzungen nicht öffentlich zu behandeln. Sonst hat man nicht die Freiheit, sich offen auszutauschen. Die öffentliche Diskussion findet im Haupt- und Finanzausschuss statt.

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Im Haupt- und Finanzausschuss wurde die Kritik geäußert, dass die Vertreter nicht mit ihren Fraktionen über Inhalte aus dem Arbeitskreis sprechen durften und einzelne Haushaltsposten nicht diskutiert wurden.

Schmid: Ich war etwas überrascht von dieser Äußerung. Wenn einzelne Stadträte das so sehen, möchte ich das nicht bewerten. Ich kann nur sagen, wie wir es gemacht haben. Die Mitglieder des Arbeitskreises waren in jeder Sitzung eingeladen, Punkte einzubringen. Auf die Sprachregelung hat sich das Gremium unter dem Vorsitz von Herrn Meinl geeinigt. Ein beratendes Gremium ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Das ist doch ganz normal. Ich habe die Arbeit als transparent empfunden.

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