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„Das ist nicht wie bei James Bond“: Darum dauerte die Bomben-Entschärfung so lange

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Von: Carl-Christian Eick

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Feuerwehr und BRK
Gut 350 Einsatzkräfte wurden am Montag nach dem Fund einer 150 Kilogramm schweren Fliegerbombe in Geretsried zusammengezogen. Die Entschärfung des Blindgängers dauerte rund zwei Stunden. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Rund zwei Stunden dauerte die Entschärfung einer Weltkriegsbombe in Geretsried. Kampfmittel-Experte Dr. Andreas Heil erklärt warum.

Geretsried – Kampfmittel-Experten der Firma Tauber ist es am Montag gelungen, eine 150 Kilogramm schwere Fliegerbombe zu entschärfen. Das gefährliche Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg war wie berichtet bei Bauarbeiten am Dompfaffenweg zu Tage gefördert worden. Die rund zwei Stunden dauernde Entschärfung des Blindgängers, in dem sich mehr als 15 Kilogramm Sprengstoff befanden, gestaltete sich äußerst kompliziert. „Es war diffizile Fummelarbeit“, bilanziert Dr. Andreas Heil, Betriebsleiter Bayern und Prokurist beim Unternehmen Tauber.

Geretsried: Fliegerbombe hatte sich beim Aufschlag verbogen

Die Weltkriegsbombe aus amerikanischer Produktion war laut Heil mit einem Frontzünder M 103 versehen. Dieser habe die „unangenehme Eigenschaft“, dass er „in den hinteren Bereich der Bombe hineinragt“. Dem Profi, der die „kleinen Kniffe“ beherrsche, falle es relativ leicht, den Kopfzünder von dem Kampfmittel abzuschrauben und „ganz, ganz vorsichtig“ herauszuziehen. Aber: Der Blindgänger fiel gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, vor gut 76 Jahren am 9. April 1945, aus mehreren Tausend Metern Höhe aus einem US-Bomber auf das heutige Geretsried-Gartenberg. Mutmaßlich, so Heil, sei er auf einen harten Widerstand geprallt, dabei „hat sich die gesamte Konstruktion der Bombe verbogen“.

Das ist nicht wie bei James Bond, der einfach ein rotes Kabel durchtrennt und die Gefahr ist gebannt.

Kampfmittel-Experte Dr. Andreas Heil

Die am Montagmorgen bei Bauarbeiten auf einem Privatgrundstück gefundene Fliegerbombe „ist eine hochkomplizierte, rein mechanische Konstruktion“, weiß der Kampfmittel-Spezialist. Simpel erklärt: „Sie ist mit einer Zündnadel versehen, die auf ein Zündhütchen schlägt und dieses zur Detonation bringt“ – diese Sprengung überträgt sich auf die gesamte Bombe. „Das ist nicht wie bei James Bond, der einfach ein rotes Kabel durchtrennt und die Gefahr ist gebannt“, sagt Heil im Gespräch mit unserer Zeitung. „Das ist Zehntelmillimeter-Arbeit“, bei der der geringste Fehler tödliche Folgen haben kann. Nicht zu vergessen: „Man weiß auch nie, was sich beim Aufschlag auf den Boden im Inneren der Bombe getan hat“, so der promovierte Naturwissenschaftler.

Der Großeinsatz in Zahlen

Ein Großaufgebot an Rettungskräften war am Montag in Geretsried im Einsatz, damit die Kampfmittel-Experten den 150 Kilogramm schweren Blindgänger entschärfen konnten. Der Einsatz in Zahlen:

• Die Polizei Geretsried und Unterstützungskräfte waren mit 17 Beamten im Einsatz.

• Die Bayerische Bereitschaftspolizei rückte mit 153 Beamten an. Aufgeteilt in drei Trupps informierten sie die Anwohner im eingerichteten Sicherheitsbereich 150 Meter rund um den Fundort, dass sie ihre Wohnungen verlassen müssen. Mehr als 2000 Menschen waren betroffen. Während die Kampfmittel-Experten die Bombe entschärften, sicherten sie den Gefahrenbereich ab.

• Die Feuerwehr war mit zwölf Freiwilligen vertreten, darunter der Geretsrieder Kommandant Erik Machowski.

• 180 Rettungsdienstkräfte mit 70 Fahrzeugen waren vor Ort, darunter auch Ehrenamtliche aus den Landkreisen München, Starnberg, Fürstenfeldbruck und Garmisch-Partenkirchen. Das BRK richtete drei Betreuungsstellen im Stadtgebiet ein und transportierte bettlägerige Patienten, die zuhause gepflegt werden. Dabei galt es, die 3G-Regel zu beachten.

• Im Laufe des Tages versorgte das BRK die Einsatzkräfte und Evakuierten mit 400 Portionen Gulasch- beziehungsweise Kartoffelsuppe, 800 belegten Semmeln und 500 Litern Warm- und Kaltgetränken. (sw)

Einigen wenigen der gut 2000 Menschen, die im Umkreis des Fundorts vorsorglich ihre Häuser und Wohnungen verlassen mussten, ging die Entschärfung nicht schnell genug. „Machen die da eine Wissenschaft raus?“, fragte eine junge Geretsriederin auf der Facebook-Seite unserer Zeitung erbost. Für Heil ist das nichts Neues. Er gibt zu bedenken, dass die Kampfmittelräumer „auch gerne pünktlich Feierabend machen“. Auf der anderen Seite bittet Heil um Verständnis für die, die bei ihrem Job ihr Leben riskieren: „Ich lade alle Superschlauberger herzlich ein, mal mit dabei zu sein, wenn 0,8 Gramm Sprengstoff explodieren. Dann sind die Hände nämlich weg.“ Detonieren die gut 15 Kilo Sprengstoff, womit der am Dompfaffenweg gefundene Blindgänger gefüllt war, „bleibt von den Superschlaubergern rein gar nichts übrig“, formuliert es Heil drastisch.

Bombenfund in Geretsried: Wer bezahlt den Großeinsatz?

Wer bezahlt den Großeinsatz? „Der Steuerzahler, die Solidargemeinschaft“, antwortet der Tauber-Prokurist. Denn dem Bauherrn („so habe ich das erfahren“) sei kein Vorwurf zu machen. Er habe die Bauarbeiten von Kampfmittel-Experten begleiten lassen. Aus gutem Grund: Nach Recherchen des Arbeitskreises Historisches Geretsried fielen bei dem massiven Angriff der US-Luftwaffe Anfang April 1945 mehr als 2050 Bomben auf den heutigen Stadtteil Gartenberg – die nicht alle detonierten. Das Ziel war das NS-Rüstungswerk der Dynamit Aktien Gesellschaft. (cce)

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