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Ein Hoch auf die Meinungsfreiheit: Ein Gedenkabend zum entsetzlichen Anschlag im Januar 2015 fand wieder im Hinterhalt statt. Wirtin Assunta Tammelleo sang auch selbst.

Kulturbühne Hinterhalt

Ein Abend im Gedenken an Charlie Hebdo

  • Andrea Weber
    vonAndrea Weber
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Anderswo ist Betroffenheit über den Terroranschlag auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo längst abgeebbt. Nicht so in Geretsried. Der Hinterhalt erinnert hartnäckig daran.

Gelting Söder im grünen Adamskostüm, Merkel als freizügiges Playboy-Häschen, Trump und Johnson, zwei Blondschöpfe, die sich innig abknutschen, weil sie sich so ähnlich sind. Überhaupt scheint US-Präsident Donald Trump für den Münchner Karikaturisten Michael Heininger ein gern genommenes Motiv zu sein, ein Sinnbild für bittere Realsatire.

„Es weht ein heftiger Wind gegen die Karikaturisten“, mahnte Heininger bei der Eröffnung der Ausstellung in der Galerie im Hinterhalt am Dienstagabend. „Kritik an Satire und Karikatur ist wichtig und erwünscht, aber nicht mit dem Maschinengewehr.“ Der Münchner Künstler, der 1982 den Schwabinger Kunstpreis erhielt, erinnerte an den islamistisch-motivierten Terroranschlag auf die Redaktionsmitarbeiter der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ am 7. Januar 2015 in Paris, bei dem elf Menschen ums Leben kamen. Mit der ersten Ausgabe der Zeitung nach dem Attentat unter dem Titel „Je suis Charlie“ gab es weltweite Solidaritätskundgebung. „Das darf nicht in Vergessenheit geraten.“

Kabarettist Holger Paetz (li.) war in Gelting zu Gast.

Seit dem Anschlag organisiert Hinterhalt-Wirtin Assunta Tammelleo jährlich am 7. Januar eine Gedenkveranstaltung, die bereits in München stattfand, in Eichstätt und heuer zum zweiten Mal im Hinterhalt. „Weil ich entsetzt darüber bin, dass es in Westeuropa möglich ist, dass Menschen erschossen werden, weil sie etwas zeichnen, was irgendjemanden aus religiösen Gründen nicht passt.“ Das Recht auf freie Meinung, auch in der Presse und in der Kunst, sei ein hohes Gut, so Tammelleo, „das insbesondere hierzulande mühevoll erkämpft wurde“. Umso wichtiger sei es, diese Freiheit zu erhalten. „So lange ich kann, werde ich an dieses Datum erinnern.“

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Es war ein satirisch-politischer Abend mit Kunst, Kabarett und Musik der Hinterhalt-Band „BfG all stars“ in Kooperation des Bund für Geistesfreiheit München, des Kulturvereins Isar-Loisach sowie des Vereins „Das andere Bayern“. Die deutschen Kabarettisten Holger Paetz und HG Butzko sagten mit messerscharfer Satire der Politik und Gesellschaft die Meinung. Der Münchner Holger Paetz „hält inzwischen jeden Wahnsinn für möglich“. Seine Antwort auf den anwachsenden Rechtspopulismus im In- und Ausland ist sein „Wettergedicht“ von „den Winden, die im Inneren wehen“.

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Abgelegt, abgeheftet und abgeordnet – das sind für HD Butzko, „diejenigen, mit denen man zu Schulzeiten in der Pause nicht spielen wollte“. Zum aktuellen Konflikt USA gegen Iran verliert er kein einziges Wort über Donald Trump, denn „dafür ist mir mein Kabarettprogramm zu schade“.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sei heute alles begrenzter denn je. Und in Deutschland, nach 30 Jahren Mauerfall, sei die Distanz zwischen Ossis und Wessis unverändert geblieben. Ein Abend lang Satire voller Wahrheit und Wahnsinn, sinnbildlich und humorvoll – aber eine klare Ansage für die Freiheit, sagen und zeichnen zu dürfen, was man meint. 

Info

Die Karikaturenausstellung von Michael Heininger in der Galerie im Hinterhalt läuft noch bis Freitag 10. Januar. Geöffnet ist täglich von 16 bis 19 Uhr.

Update vom 25. September 2020: Eine Messerattacke in der Nähe der ehemaligen Charlie-Hebdo-Redaktion erschüttert Paris. Mehrere Menschen wurden verletzt.

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