Erst Alpenland-Traktoren, dann Speck-Pumpen: Die große Bunkerhalle (li.) übernahm die Firma Speck 1959. 

Serie Geretsrieder Wirtschaftswunder  

Ein Platz für Pumpen

Vor gut 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen in Geretsried an. Aus dem Nichts mussten sie sich eine neue Existenz aufbauen. In unserer Serie „Geretsrieder Wirtschaftswunder“ stellen wir Unternehmer vor, die den Grundstein für den heutigen Wirtschaftsstandort legten. Heute: der Mechanikermeister Daniel Speck.

Geretsried – Daniel Speck eröffnete 1909 in Nürnberg eine eigene Werkstatt. Er hatte fünf Söhne: Otto, Kurt, Willi, Walter und Karl. Die älteren halfen dem Vater bei der Arbeit und so nannte er seine Firma „Daniel Speck & Söhne“, schreibt Otto Zinnecker, der die Firmenchronik verfasst hat. Nach 15 Jahren wurden die Räumlichkeiten in Nürnberg zu eng, und Zug um Zug wurde auf ein großes Grundstück im kleinen Städtchen Hilpoltstein übergesiedelt.

1947 verstarb der Firmen-gründer ohne ein Testament zu hinterlassen. Weil er bereits verwitwet war, erbten seine Söhne zu gleichen Teilen. Eine Firma mit fünf „Chefs“ – es ging zwar nicht gänzlich schief, aber auf Dauer war das keine gute Lösung.

Zuerst machte sich Kurt Speck selbstständig mit der Produktion von Armaturen. Sein Neubau fand noch am Rand des Betriebsgrundstücks Platz. Sein Bruder Otto Speck wollte sich ebenfalls selbstständig machen. Er wollte die Herstellung von Verdrängerpumpen (Kolbenpumpen) übernehmen und suchte dafür einen geeigneten Standort, den er im Raum Hilpoltstein aber nicht fand. Es hatte ihn schon immer nach Süden gezogen, an die oberbayerischen Berge und Seen. Er wusste vom Weg der Familie Böhme, die ihre che-mische Fabrik von Dresden nach Hilpoltstein und dann mangels eines passenden Grundstücks in die Bunker einer ehemaligen Munitionsfabrik in den Wolfratshauser Forst verlegt hatte. Dorthin fuhr Otto Speck erstmals Anfang 1949. Es war ihm zugetragen worden, dass der Betrieb eines Herrn Wagner in Schwierigkeiten sei und möglicherweise zum Verkauf stand. Dem war auch so. Nach zähen Verhandlungen übernahm die Firma Speck das Inventar der Wagner KG.

Im Wirtschaftswunder-Deutschland florierte der Betrieb

Der Betrieb in Gartenberg wurde zunächst als Filiale der fränkischen Muttergesellschaft geführt. Die gesamte Wagner-Belegschaft wurde übernommen und für die Pumpenmontage angelernt. Die Teile dazu kamen noch einige Zeit aus Hilpoltstein. Aber Schritt für Schritt erfolgte die gesamte Herstellung der Pumpen in Gartenberg.

Bis 1956 war es nicht möglich, Eigentum an Grundstücken und Gebäuden zu erwerben. Alles war gemietet und gepachtet, so auch die Bunker Nummer 544 und 545, in denen die Firma Speck angesiedelt war. Otto Speck nahm also ein gewisses Risiko auf sich, als er 1953 einen Dreispänner als Wohnhaus für sich und die Familien seiner zwei Töchter neben die Firma baute, eigentlich auf fremden Grund.

Aus Wagner KG wird die Firma Speck: 1949 siedelte sich Otto Speck in diesen Bunkern an der Elbestraße an. 

Mittlerweile hatte das deutsche Wirtschaftswunder eingesetzt, und auch die Nachfrage an den Kolbenpumpen von Speck nahm zu. Die Belegschaft wuchs ständig. Otto Speck vereinbarte mit seinen Brüdern eine friedliche Trennung und meldete 1954 seine eigene Firma, die „Speck-Kolbenpumpenfabrik, Otto Speck KG“ an. Seine Schwiegersöhne Paul und Erwin Zinnecker waren mittlerweile im Betrieb tätig und sollten schon bald Verantwortung übernehmen müssen, denn Otto Speck wurde schwer krank.

Bunker 511 wird zur neuen Produktionsstätte

Mechanikermeister Otto Speck (1890 bis 1960)  legte den Grundstein für das Unternehmen.

Eine seiner letzten Entscheidungen war 1958 der Kauf des gewaltigen Bunkers Nummer 511. Das 50 Meter lange und 20 Meter breite Gebäude hatte zwei riesige Tore, von der Nordseite führten Schienen hinein. Es diente zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs als Ausbesserungswerk für die Wagen und Lokomotiven der Werksbahn der Rüstungswerke. Nach dem Abzug der Alliierten stand es unversehrt da und wurde bald wieder genutzt als Traktorenfabrik. Ein paar Jahre lang entstanden dort die soge-nannten Alpenland-Traktoren, bis die Firma Konkurs anmelden musste. Eine Weile stand das Gebäude leer, bis 1959, nach gründlicher Renovierung, alle Maschinen von der „alten“ Halle über die Elbestraße hinweg in die „neue“ Halle verfrachtet wurden.

Otto Speck starb am 2. August 1960. Paul und Erwin Zinnecker wurden Gesell-schafter der KG. Das Wachstum hielt an, neue Produkte wurden auf den Markt gebracht und Kunden dazu gewonnen. Irgendeine Abteilung hatte immer zu wenig Platz. Also wurde angebaut, aufgestockt, abgerissen und größer gebaut oder auf freien Flächen neu gebaut. Die drei Bunker sind aber im Prinzip erhalten geblieben.

1988 wurde aus der Speck KG eine GmbH & Co. KG. Die Änderung der Rechtsform nahm Paul Zinnecker zum Anlass, von der Ge-schäftsführung zurückzutreten. Sein Nachfolger wurde sein Sohn Otto Zinnecker. Drei Jahre später entschied sich Erwin Zinnecker zum Rückzug ins Privatleben. 2009 feierte die Firma Speck ihr 100-jähriges Bestehen.

Quelle

In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried (AKHG) 2010 ein Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung des AKHG veröffentlichen wir einzelne Kapitel aus der vergriffenen Publikation, die es mittlerweile als E-Book gibt. Infos bei Gerhard Aumüller (Telefon 0 81 71/ 34 04 40, E-Mail: gerhard@ auge-web.de).

Lesen Sie auch: Erst Spielzeug, dann Fassadenelemente: Zita Smutny erzählt die Geschichte ihrer Firma

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