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Auf dem Kangchendzönga: Nach rund 15 Stunden mühevollen Aufstiegs stehen Frank Irnich (re.) und Sherpa Ang Dano gegen 8.20 Uhr morgens auf dem 8586 Meter hohen Gipfel.

Geretsrieder schafft den Gipfel

Stau auf 8000 Metern: Extrembergsteiger kehrt vom dritthöchsten Berg der Welt zurück - Interview

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Everest-Bezwinger Frank Irnich erzählt von seinen Erlebnissen am dritthöchsten Berg der Welt. Er glaubt: Nächstes Jahr wird es noch mehr Tote geben.

Geretsried/Bad Heilbrunn – Schmal ist er geworden, noch schmaler als sonst. 70 Kilo bringt Frank Irnich aktuell auf die Waage, bei einer Größe von 1,85 Metern. Direkt nachdem er den 8586 Meter hohen Kangchendzönga blind hinuntergestolpert war, waren es sogar drei Kilo weniger. Die Augen liegen tief in den Höhlen, die erfrorene Kuppe seines rechten Zeigefingers schillert dunkelviolett.

Dem 57-jährigen Physiotherapeuten mit Praxis in Geretsried sind die Strapazen, die er am dritthöchsten Berg der Welt erlitt, deutlich anzusehen. Wie sich im Interview herausstellt, hat der Bad Heilbrunner die Geschehnisse auch mental noch nicht komplett verarbeitet.

Herr Irnich, wie geht es Ihnen?

Irnich: Körperlich wird es langsam. Die Augen sind okay, ich spüle sie täglich, um sie feucht zu halten. Die Fingerspitze ist zwar noch dunkel, aber ich habe Gefühl – und Nervenschmerzen. Das ist ein gutes Zeichen. Die Füße brennen wie Hölle, aber auch das ist ein gutes Zeichen.

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Sie standen 2011 auf dem Everest, sind am Lhotse umgekehrt. Was ist das Besondere am „Kantsch“?

Im Neuschnee: Die Verhältnisse zehrten an den Kräften der Alpinisten.

Irnich: Landschaftlich war das mein schönster Treck bisher. Der Kantsch ist noch sehr unberührt. Es sind kaum Leute da, nur ein paar Trekker, die zum Base Camp wandern. Kein Vergleich zum Massentourismus, der auf dem Weg von Lukla zum Everest-Basislager herrscht. Der Berg ist ein riesiges Abenteuer. Du startest, fast wie am Kilimandscharo, subtropisch auf 1000 Metern Höhe, wanderst durch den Urwald. Flora, Fauna, die wilden Flüsse sind ein Traum. Die Inhaber der spartanischen Lodges sind gastfreundlich und hilfsbereit.

Sie waren mit einer nepalesischen Agentur unterwegs. Ihre Erfahrungen?

Irnich: Veranstalter Peak Promotion hat echt alles getan. Das war die beste Agentur, mit der ich bis jetzt unterwegs war. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, wir hatten einen Spitzenkoch dabei. Auch später, nach meiner Evakuierung, haben sich die beiden Chefs in Kathmandu um mich gekümmert. Kleiner Wermutstropfen waren die zwei Sherpas, die mir zugeteilt waren. Sie waren nicht fit genug für einen Achttausender. Der eine von ihnen stand zwar letztes Jahr auf dem Gipfel, hat aber über den Winter nichts getan. Die waren beide platt, als es darauf ankam.

Ihre größte Sorge galt vor der Expedition den gut 1100 Höhenmetern von Lager vier zum Gipfel. War’s so schlimm wie befürchtet?

Irnich: Es war brutal. Wir – etwa 70 Leute – sind gegen 17 Uhr auf einmal los. Nach etwa vier Stunden habe ich gemerkt, dass meine Füße kalt werden. Ich habe gearbeitet in den Stiefeln und gemerkt, dass sie mir nicht absterben, sondern ich weiterhin Gefühl in den Zehen habe, es also nicht so schlimm wird wie damals am Everest (dort verlor Irnich ein Glied des großen Zehs, Anm. d Red.). Weiter oben gab’s Staus, weil 30 Zentimeter Neuschnee jeden Schritt erschwert haben. In den Tagen zuvor war ich zigmal bei bestem Harsch auf 6000 Meter auf- und wieder abgestiegen. Ich kann Ihnen sagen: Es waren 15 Stunden purer Kampf, bis ich auf dem Gipfel stand. Bei guten Bedingungen hätte ich es wohl in zehn Stunden geschafft.

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Technisch anspruchsvoll: Über viele schwierige Passagen wie diese musste Frank Irnich blind absteigen. Der 57-Jährige hatte auf knapp 7500 Meter Höhe in Lager vier seine Sehkraft verloren.

Gab’s einen Moment, in dem Sie ans Aufgeben gedacht haben?

Irnich: Nein. Ich habe von Abschnitt zu Abschnitt gedacht. Die 1100 Höhenmeter entsprechen genau dem Unterschied zwischen Kochel und dem Gipfel meines Trainingsbergs, dem Herzogstand. Ich habe die 7800, die 8000, die 8300 Meter auf meinem Höhenmesser gesehen und mir dann immer vorgestellt, auf dem Herzogstand wärst du jetzt da und da und da. Das hat mir sehr geholfen und mich motiviert.

Wie lange haben Sie sich auf dem Gipfel aufgehalten?

Irnich: Ich war um 8.20 Uhr oben und bin 20 Minuten geblieben. Meinen Freund Atanas Skatov habe ich getroffen – er war eine halbe Stunde früher oben – und auch einige andere. Wir haben geflachst, Fotos gemacht und uns alles Gute gewünscht.

Beim Abstieg begannen die Probleme – allerdings nicht sofort.

Irnich: Zunächst ging es mir super. Ich kam in Camp vier an und war topfit. Dort habe ich die Füße ausgepackt und sie mit einem indischen Öl eingerieben, um die Durchblutung anzuregen. Das hatte ich schon vor dem Aufstieg gemacht. Dann wollte ich ein halbes Stündchen schlafen und danach weiter absteigen. Als ich aufgewacht bin, habe ich nichts mehr gesehen.

Völlige Dunkelheit?

Irnich: Nein, es war so, als würde man im dichten Nebel eines Dampfbads sitzen. Keine Konturen, keine Farben waren zu erkennen. Meine Augen haben gebrannt und getränt. Zunächst dachte ich, dass ich mir mit den Händen unabsichtlich dieses Öl in die Augen gerieben habe. Ich habe dann Ang Dano, einem meiner beiden Sherpas gesagt, dass ich so nicht absteigen kann – zumal wir in die Nacht gekommen wären. Wir befanden uns auf 7445 Metern ja nicht in der Todeszone. Und da in Camp vier Sauerstoffflaschen für Notfälle bereitlagen, haben wir uns entschlossen, dort eine Nacht zu bleiben.

Nach der er es aber nicht besser war?

Irnich: Nein. Ich bin gegen 5 Uhr aufgewacht, habe mir den Notverband von den Augen genommen – und immer noch nichts gesehen. Es war jedoch klar, dass wir nicht noch weitere Tage dort oben warten können, bis ich vielleicht wieder sehe.

Sie sind blind, vor Ihnen liegt ein teilweise sehr steiler Abstieg – hatten Sie Angst?

Irnich: Da noch nicht. Weil auch andere Bergsteiger, darunter Babu, einer der Chefs meiner Agentur, ähnliche Probleme hatten, hieß es erst, man wolle einen Rettungsflug organisieren. Babu haben sie auch irgendwie mit dem Heli vom Notfall-Landeplatz auf etwa 7300 Metern vom Berg runtergekriegt. Dann kippte das Wetter, und ich wusste: Jetzt muss ich selbst gehen.

Wie müssen wir uns das vorstellen?

Irnich: Die beiden Sherpas hatten mich nicht am Seil, dazu waren sie nicht kompetent und fit genug. Chapal der leitende Sherpa der Agentur Seven Summits, den ich von früheren Expeditionen kenne, und Maya Sherpa haben mich überholt, und Chapal hat gesagt: „Frank, halte durch. Ich kann dir nicht helfen, ich muss mich um meine eigenen Kunden kümmern“. Er wäre der richtige Mann gewesen. Also bin ich alleine am Fixseil gegangen, habe meine 15 Kilo Gepäck selbst getragen. Ang Dano und Teak Ray haben mir Kommandos zugerufen, die teilweise schwer zu verstehen waren, weil die Jungs fünf, sechs Meter entfernt standen. Und dann erzählen sie dir, der Heliport sei eine halbe Stunde entfernt, und du weißt: Die reden Scheiße. Das sind mindestens drei Stunden – wenn du es überhaupt bis dahin schaffst.

Wie ging’s weiter?

Irnich: Als wir am Heliport angekommen sind, hörten wir über Walkie-Talkie, dass alle Rettungsflüge wegen des Wetters gestrichen seien und wir hinab zu Camp drei auf 7125 Meter laufen sollten. Also noch einmal drei Stunden. Nachmittags um drei Uhr sind wir dort völlig frustriert angekommen. Die beiden Sherpas waren fix und fertig, Ang Dano fing an zu heulen und sagte: „Es ist vorbei. Wie sollen wir dich runterkriegen?“ Es war ja klar: Wieder aufzusteigen zum Heliport macht keinen Sinn. Also hieß es, weitere 1100 Höhenmeter bis ins Lager zwei abzusteigen. Dazu muss man wissen: Zwischendurch ging’s auch wieder hinauf über Spalten, Klippen und Eisfelder. Zur Krönung gaben die Batterien im Funkgerät und in den Stirnlampen ihren Geist auf, mein Sauerstoff war dahin. Wenigstens hatten wir noch ein bisschen Tee und eine dünne Tomatensuppe. Wir hatten ja inzwischen zwei Tage nichts mehr gegessen.

Klingt nach dem absoluten Tiefpunkt.

Irnich: Ja, den hatte ich. Ich lag da und habe mich gefragt: War’s das jetzt? Bist du hier auf der Peter-Kinloch-Gedächtnistour? (Kinloch, ein Freund Irnichs, starb 2010 während einer gemeinsamen Expedition am Everest, Anm. d. Red.). Ich konnte nachempfinden, wie beschissen es Peter damals vor seinem Tod gegangen sein musste. Ich hatte Schmerzen und wusste nicht, ob ich mein Augenlicht zurückbekomme. Weil mein Sauerstoff ausging, habe ich Ang Dano gebeten, draußen vor dem Zelt Flaschen für uns drei zu suchen. Ich wusste vom Aufstieg, dass auch dort ein Depot eingerichtet war. Doch er hat sich nicht bewegt. „Ich bin blind“, habe ich ihm gesagt, „ich kann nicht rausgehen und sie holen. Ich brauche Sauerstoff, damit ich mein Augenlicht erhalten und die Erfrierungen eindämmen kann. Und ihr braucht den Sauerstoff auch.“ Doch er tat nichts. Wir sind die halbe Nacht ohne O2 dort gelegen. In der Früh, kurz vorm Abstieg, deutete er dann freudestrahlend auf eine Flasche neben dem Zelt. Ich war so wütend.

Noch einmal 1000 Höhenmeter im Blindflug standen Ihnen bevor...

Irnich: ... und die hatten es in sich. Wir mussten uns über Steilstücke abseilen, über Spalten klettern. Dazu die Schmerzen an den Füßen. Ich weiß nicht, wie lange wir gebraucht haben. In Camp zwei haben sie mir in Aussicht gestellt, mich am Nachmittag auszufliegen. Und dann kam erneut der knock-out wegen des schlechten Wetters. Das hieß wieder eine Nacht am Berg ohne Essen und Trinken.

Wann konnten Sie wieder sehen?

Irnich: In Camp zwei hatten wir nochmals Sauerstoff für die Nacht gefunden. Als tags drauf der Heli kam, sah ich erste Konturen. Der Druck und das Tränen ließen nach. Als ich nach Tseram auf 3900 Metern hinuntergeflogen worden bin, weiteren Sauerstoff, ein erstes warmes Fußbad und etwas Essen bekam, hatte ich Hoffnung, dass alles gut ausgeht. Was genau die Ursache für meine Probleme war – Schneeblindheit oder ein Hirnödem im Anfangsstadium –, konnte mir später im Krankenhaus in Kathmandu kein Arzt sagen.

Ganz ehrlich, Herr Irnich: Ist irgendein Berg der Welt diese Entbehrungen und Gefahren, diese Schmerzen, den Hunger und die Todesangst wert?

Irnich: Vielleicht wollte ich mir nach drei gescheiterten Expeditionen (zweimal Everest, einmal Lhotse, Anm. d. Redaktion) beweisen, dass ich es noch kann. Mit Schwierigkeiten musst du auf solchen Trips immer rechnen, auch wenn du das vielleicht verdrängst. Aber wenn du dann mittendrin steckst, musst du beweisen, dass du den Arsch in der Hose hast und da durchkommst. Die, die das mental nicht packen, bleiben oben.

Ist der Kantsch Ihr letzter Achttausender?

Irnich: Schwer zu sagen. Weil am Everest und Lhotse so brutal viel los ist, werden viele Kletterer auf kleinere Achttausender oder seltener frequentierte wie den Shishapangma oder eben den Kantsch ausweichen. Um Geld einzunehmen, verteuern die Behörden die Permits für die kleineren Berge. Statt bislang 1800 sind bis zu 5000 Dollar im Gespräch. Ich weiß nicht, wohin das alles führt. Wir haben drei Kameraden am Kantsch verloren. Wenn dort demnächst 100 bis 200 Bergsteiger losgehen, werden einige mehr auf der Strecke bleiben.

peb

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