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Großes Medieninteresse: Für den Fall Sieber interessierte man sich in ganz Deutschland.

Knapp drei Jahre nach Schließung der Großmetzgerei

Fall Sieber wird vor dem Landgericht aufgerollt

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Vor dem Landgericht München I wird es ernst mit der Schadensersatzklage der Sieber-Gläubiger gegen den Freistaat. Am ersten Prozesstag machte der Richter eine erstaunliche Aussage. 

Geretsried/München – Knapp drei Jahre ist es her, dass das Landratsamt die Großmetzgerei Sieber an der Böhmerwaldstraße geschlossen hat. Im Frühjahr 2016 füllte das plötzliche Aus des Traditionsunternehmens die Schlagzeilen. Jetzt ist der Fall zurück in der Öffentlichkeit: Insolvenzverwalter Dr. Josef Hingerl hat den Freistaat auf Schadensersatz verklagt. Am Landgericht München I geht es um die Summe von 47 000 Euro für den Rückruf einiger Chargen, zu denen Sieber wegen fünf mit Bakterien belasteter Proben gezwungen war.

Alles begann mit einem Wammerl der Marke Sieber in einem Rewe bei Nürnberg. Eine Lebensmittelkontrolleurin hatte im März 2016 den richtigen Instinkt und ließ das Stück Fleisch made in Geretsried untersuchen. Es war ein Volltreffer: Experten fanden an und im Fleisch eine gigantische Anzahl an Bakterien. Es handelte sich um die in der Branche berüchtigten Listerien. Sieber musste die Charge zurückrufen.

Damit war der Fall aber keineswegs erledigt. Er ging überhaupt erst los. Das Robert-Koch-Institut in Berlin konnte nämlich den speziellen Geretsrieder Erreger mit einer bis dato rätselhaften Krankheitswelle namens Listeriose im süddeutschen Raum in Verbindung bringen. Sogar Tote waren zu beklagen. Jetzt glaubte man die Quelle der Bakterien lokalisieren zu können, und zwar an der Böhmerwaldstraße in Geretsried.

Angesichts dieser Faktenlage sah sich das Landratsamt gezwungen, eine drastische Maßnahme zu ergreifen. Es verhängte Ende Mai 2016 einen totalen Produktions- und Vertriebs-Stopp, von dem sich das Unternehmen nicht mehr erholte. Da Eilanträgen beim Verwaltungsgericht kein Erfolg beschieden war, blieb Sieber-Eigentümer Dietmar Schach nichts anderes übrig, als am 7. Juni am Amtsgericht Wolfratshausen Insolvenz anzumelden. „Es ist aus“, erklärte er bei einer Pressekonferenz. 120 Mitarbeiter werden freigestellt. Landrat Josef Niedermaier rechtfertigte das Vorgehen seiner Behörde: „An der fatalen Konstellation, welche letztlich zur Schließung des Betriebs führte, konnte aus Gründen des Verbraucherschutzes nicht gerüttelt werden.“

Lesen Sie auch: Hingerl attackiert Landratsamt

Der Fall Sieber wurde strafrechtlich bereits aufgearbeitet. Das Amtsgericht Wolfratshausen verurteilte Dietmar Schach für das verunreinigte Wammerl – nur darum ging es bei dem Prozess im April 2017 – wegen fahrlässigen Inverkehrbringens gesundheitsgefährdender Lebensmittel zu einer Geldbuße von 900 Euro. Ein relativ milder Schuldspruch, der inzwischen rechtskräftig ist, weil beide Seiten auf eine Berufung verzichtet haben.

Nun geht es also zivilrechtlich um Schadensersatz. Vorsitzender Richter Frank Tholl ließ durchblicken, dass er die Argumentation des Klägers grundsätzlich gut nachvollziehen kann. „Fünf Proben sind unterhalb des Grenzwertes. Das dürfte per se nicht reichen, eine Verbraucherschutzwarnung herauszugeben.“ Im aktuellen Verfahren geht es zunächst schriftlich weiter.

Insolvenzanwalt Josef Hingerl ist der Ansicht, dass der Freistaat „überreagiert“ habe. Für ihn ist der Prozess nur der Einstieg in jenen Millionen-Prozess, den er mehrmals angekündigt hat. Die erforderliche Summe von 250 000 Euro will er nun durch Crowdfunding zusammenbringen. Er hat sich beim Rechtsstreit gegen den Freistaat auf zehn Jahre eingestellt.

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