Heinz Kiess, ehemaliger Lehrer am Gymnasium
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Kompakt, informativ, anregend: Heinz Kiess, ehemaliger Lehrer am Gymnasium, hat die Broschüre „Vor 75 Jahren – Kriegsende im Oberland“ verfasst.

Ex-Lehrer Heinz Kiess hat eine Handreichung für seine Kollegen verfasst

So dramatisch endete der Zweite Weltkrieg im Oberland

  • Volker Ufertinger
    vonVolker Ufertinger
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Für Lehrer ist es eine Herausforderung: Den Schülern zu vermitteln, wie dramatisch die letzten Kriegstagen gewesen sind. Heinz Kiess sich dazu Gedanken gemacht.

Bad Tölz-Wolfratshausen/Geretsried – Die letzten Kriegstage im April und Mai 1945 enthalten nach Meinung von Heinz Kiess (67) eine wichtige Botschaft. Sie lautet für ihn: „Krieg ist das Schlimmste überhaupt.“ Damit die Dramatik jener Tage nicht in Vergessenheit gerät, hat er jetzt den weiterführenden Schulen im Landkreis eine Handreichung zur Verfügung gestellt, die die Geschehnisse prägnant zusammenfasst. Sie gibt Anstöße, wie sich die Nachgeborenen, die ja nur den Frieden kennen, dem Thema nähern können. Herausgegeben hat die 39 Seiten umfassende Broschüre die Friedensinitiative des Landkreises. „Heinz Kiess und wir haben beide dasselbe Ziel“, erklärt Vorsitzender Helmut Gross. „Wir sind der Überzeugung, dass jeder Krieg ein Verbrechen an Mensch und Natur ist.“

In die Broschüre ist die Arbeit von vielen Jahren eingeflossen

Der aus dem Bayerischen Wald stammende Pädagoge hat von 1981 bis 2016 am Geretsrieder Gymnasium Geschichte, Sozialkunde und Ethik unterricht. In die Broschüre, die er während des Corona-Lockdowns verfasst hat, sind viele Erkenntnisse eingeflossen, die er im Laufe der Zeit zusammen mit seinen Schülern erarbeitet hat – von Referaten über Facharbeiten bis zu einem zwölfminütigen Film über den Todesmarsch. „Meine Aufgabe war es vor allem, alles zusammenzutragen und jedes Kapitel auf zwei Seiten zu begrenzen. Das war eigentlich das Schwierigste.“ Doch eine wissenschaftliche Arbeit sollte es nicht werden, daher fehlen auch Anmerkungen.

Kiess geht konsequent lokal vor. Die Besetzung der Rüstungswerke Geretsried, die Kapitulation Wolfratshausens, die Schlacht in Thankirchen, die Penzberger Mordnacht: Alles bekommt ein eigenes Kapitel. Die Geschichte, die sich vor der eigenen Haustür abgespielt hat, wird fassbar. Kiess’ Tipp an die heutige Lehrergeneration: rausgehen und die Schauplätze anschauen. „Ich war immer ein Freund des Draußen-Unterrichts, das bringt viel.“ Ein Besuch im Waldramer Badehaus, ein geführter Rundgang in Geretsried, ein Ausflug zu den Penzberger Gedenkstätten: All das kann Schüler für das Thema Frieden sensibilisieren.

Geretsried: Erst Rüstungswerk, dann Flüchtlingsstadt

Nehmen wir das Beispiel Geretsried: Die größte Stadt im Landkreis steht auf dem Grund von zwei ehemaligen Rüstungswerken, der Dynamit Aktien Gesellschaft (DAG) und Deutsche Sprengchemie (DSC). Am 9. April fand dort der einzige großflächige Bombenangriff im Oberland statt, in 15 Minuten fielen mehr als 2000 Spreng- und Brandbomben auf das Areal, ein Man wurde getötet. Noch heute stoßen Bauarbeiter auf Blindgänger von einst. Am 30. April wurden die beiden Werke durch die 7. US-Armee besetzt. Nach dem Krieg kamen wegen der fälligen Reparationen die Bahnanlagen nach Griechenland, die Kraftwerke nach Jugoslawien. Die Bunker wurden nicht gesprengt, sondern dienten ab 1946 der Ansiedlung von Flüchtlingen.

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Eindrucksvoll ist auch die Geschichte vor Gregor Dorfmeister, dem verstorbenen ehemaligen Redaktionsleiter des Tölzer Kurier, der in den letzten Kriegstagen den sinnlosen Befehl erhielt, eine Brücke zu verteidigen. Gerade 16 Jahre war er damals alt und überlebte nur mit Glück. Das Erlebnis machte ihn zum Pazifisten, sein späterer Roman „Die Brücke“ wurde ein großer Erfolg, die Verfilmung durch Bernhard Wicki 1959 ebenso. Der Film kann beim Landesmediendienst kostenlos ausgeliehen werden.

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Für die Praxis hat Kiess außerdem mehrere Arbeitsblätter entwickelt. So fand er eines Tages am Bunker im Wald neben der Mittelschule aufgesprühte Hakenkreuze und fotografierte sie. Zwar sind sie inzwischen weg. Trotzdem könnte man mit den Schülern darüber sprechen. Es stellen sich viele Fragen wie: „Wie würdest Du Dich verhalten, wenn Du solche Schmierereien entdecken würdest?“ Oder auch: „Mit welchen Fakten aus der Geschichte könntest Du eventuell einen Sprayer konfrontieren?“ Solche Fakten findet man in Kiess’ Handreichung mehr als genug.

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