„Hier hat sich unheimlich viel entwickelt“: Stein - ein Stadtviertel im Wandel
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Bekanntes Gesicht: Irina Pfaffenrod vom Trägerverein Jugend-und Sozialarbeit am Steiner Ring. Sie kennt den Ortsteil seit Jahren.

Ein Spaziergang

„Hier hat sich unheimlich viel entwickelt“: Stein - ein Stadtviertel im Wandel

  • Franziska Konrad
    vonFranziska Konrad
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Rund 70 Wohnungen sind im sogenannten Kirschgarten entstanden, ein neues Bürger-und Jugendzentrum ist geplant. Stein ist ein Stadtviertel im Wandel. Trotzdem schließen dort immer mehr Geschäfte. Was sagen die Bürger zu dieser Entwicklung? Und wie ist die Stimmung vor Ort? Ein Spaziergang – noch vor Ausbruch der Corona-Krise.

Geretsried – Donnerstagnachmittag, 15 Uhr am Steiner Ring: Summend hüpft ein kleiner Junge mit dunkelgrünem Anorak über den Gehsteig. Ein Mädchen mit Pferdeschwanz und pinkfarbiger Daunenjacke fährt mit dem Fahrrad die Straße entlang. Irgendwo knallt eine Autotür. Ansonsten geht es ruhig zu in Geretsrieds südlichsten Stadtteil. Nur ein paar Vögel zwitschern vor sich in.

Ein Steiner Urgestein: Werner Sebb in seinem Garten bei der Zeitungslektüre. Hinter ihm ist die Wohnanlage „Kirschgarten“ zu sehen.

Den Steiner Ring prägen auf der einen Seite riesige grau-weiße Wohnanlagen. Gegenüber reihen sich stattliche Einfamilienhäuser mit dunklen Dachziegeln und Holzverkleidung aneinander. Eines davon gehört Werner Sebb. In den 1970er Jahren erfüllte er sich in Stein seinen Traum vom Eigenheim. Die Entwicklung des Stadtteils hat Sebb vor der eigenen Haustür miterlebt. „Hier hat sich unheimlich viel entwickelt“, meint der 80-Jährige, während er auf der Terrasse sitzt und Zeitung liest.

Geretsried-Stein: Grau-weiße Wohnanlagen und Einfamilienhäuser

Sein Blick wandert zu der modernen Wohnanlage, die hinter seiner Gartenhecke hervorragt. „Schön ist das zwar nicht“, gesteht er. Ein-oder Zweifamilienhäuser hätten ihm optisch besser gefallen. Doch die könne man hier mittlerweile nicht mehr bezahlen. „Meine Frau und ich fühlen uns in Stein aber sehr wohl“, betont Sebb. Nur ein neuer Supermarkt wäre „nicht schlecht“, wenn bald der Penny-Markt schließt. „Sonst gibt es bei uns alles, was man braucht.“

Ein paar Meter weiter spaziert Familie Stier die Straße entlang. Sabine Stier kommt mit Sohn Luis gerade vom Spielplatz. Zufrieden hält der Kleine seinen Fußball in den Händen. „Für Familien ist das hier ideal“, sagt die 29-Jährige. „Wir haben einen Kindergarten und gleich um die Ecke den Spielplatz zum Austoben.“ Ihre Mutter Edeltraud lebt mittlerweile 35 Jahre in Stein. „Von hier aus bin ich gleich in der Natur. Das mag ich an dem Stadtteil besonders“, verrät die 63-Jährige. Dass jetzt nach der Sparkasse auch noch der Penny schließt, bereitet ihr hingegen Sorgen: „In diesem Bereich hat man das Gefühl, Stein stirbt aus.“

„In diesem Bereich hat man das Gefühl, Stein stirbt aus“

Im Vergleich zum reinen Wohngebiet im Viertel wirkt die Ecke mit den Geschäften deutlich belebter. Viele Bewohner lockt das frühlingshafte Wetter hinaus zum Einkaufen, etwa in den kleinen Kiosk von Ingrid Wendler. Seit 25 Jahren verkauft sie dort Schreibwaren, Zeitschriften und betreibt eine Postfiliale. Aus Altersgründen sucht die 68-Jährige jetzt einen Nachfolger. „Ich hoffe wirklich, dass sich jemand findet. Sonst muss ich den Laden dichtmachen.“ Früher habe es deutlich mehr Einkaufsmöglichkeiten gegeben, etwa einen Getränkemarkt und einen Metzger. Wendler: „Auf der einen Seite ziehen immer mehr Menschen her, auf der anderen Seite schließen die Geschäfte – das passt doch nicht zusammen.“

Drei Generationen: Sabrina Stier (li. ), Sohn Luis und Mutter Edeltraud kommen gerade vom Spielplatz.

Vor dem Quartierstreff sitzt Irina Pfaffenrod auf einer Holzbank. Sie genießt die wärmenden Sonnenstrahlen. Gleich beginnt der Spieleabend, den die 53-Jährige leitet. Immer wieder halten Passanten an, um sie zu grüßen. Kein Wunder: Pfaffenrod ist in Stein ein bekanntes Gesicht: Bereits seit 2003 arbeitet die gebürtige Russin im Trägerverein Jugend- und Sozialarbeit.

Bei manchen Bürgern genießt Stein nicht den besten Ruf. Manche böse Zungen sprechen sogar von einem Ghetto. Dagegen spricht sich Pfaffenrod mit aller Vehemenz aus. Zwar kennt sie eine Anekdote, in der es heißt, dass man in Stein mit seinem Auto nicht langsamer als 30 Kilometer pro Stunde fahren dürfe, weil einem sonst die Reifen gestohlen werden, erzählt sie mit einem Augenzwinkern. „Aber ich habe schon so oft vergessen, mein Auto abzuschließen. Und noch nie wurde was geklaut.“

 „Irgendeinen Wechsel gibt es doch immer“

Noch vor ein paar Jahren hätte niemand nach Stein ziehen wollen, berichtet sie. Inzwischen habe sich das geändert. „Immer mehr Menschen ziehen her. Das finde ich so schön“, schwärmt Pfaffenrod. Früher kannte sie auf der Straße jedes Gesicht. „Jetzt treffe ich mal Leute, die ich noch nicht kenne.“

Die bevorstehende Schließung des Penny-Markts sieht Pfaffenrod gelassen: „Irgendeinen Wechsel gibt es doch immer.“ Auf daskünftige Bürger-und Jugendzentrum in Stein freut sie sich dafür umso mehr. „In meinem Heimatdorf in Russland gab es auch ein Kulturzentrum. Dort trafen sich Jung und Alt. Wenn das in Stein genauso gelingt – das wäre mein Traum.“

kof

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