Als Mahnung für die Zukunft: Trotz seiner 96 Jahre wird Max Mannheimer nicht müde, seine Geschichte zu erzählen.

Max Mannheimer zu Gast an der Realschule Geretsried

Häftling 99728 berichtet

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Geretsried - Es war ein bewegender Zeitzeugenbericht: Max Mannheimer, Überlebender des Holocaust, war am Dienstag an der Realschule Geretsried zu Gast.

Irgendwann bittet Max Mannheimer, inzwischen 96 Jahre alt und entsprechend gebrechlich, zwei kräftige junge Männer zu sich. Er will den etwa 100 Schülern etwas zeigen. Als er auf seinen zwei Beinen steht, zieht er den linken Ärmel seines Hemds zurück. Zu sehen ist die Häftlingsnummer, die die Nazis ihm bei seiner Ankunft in Auschwitz am linken Unterarm eintätowiert haben. Ab diesem Moment war er nicht mehr der Mensch und Bürger Max Mannheimer, sondern ein Untermensch mit der Nummer 99728 dem Tod geweiht. Er blickt darauf, und sagt: „Die Nummer ist wie gestern gemacht, sie ist bis nicht ausgeblichen.“ Und dann mit Ironie: „Echte deutsche Wertarbeit.“

Es sind solche Szenen, warum Geschichtslehrerin Sigrid Roik-Heindl Max Mannheimer eingeladen hat. Der Holocaust-Überlebende soll Zeugnis ablegen von dem Grauen, das ihm widerfahren ist. Er soll den Schülern begreiflich machen, was doch eigentlich bis heute unbegreiflich ist. Die Schüler sind zwei Stunden lang sehr aufmerksam und hängen dem Mann, dessen Familie in Auschwitz innerhalb weniger Tage fast vollständig ausgelöscht worden ist, an den Lippen. Sie sind dank ihrer Geschichtslehrer gut vorbereitet auf das, was kommt. Und das ist auch gut so. Mannheimers Geschichte kann jemanden, der unvorbereitet ist, schwer treffen. „Ich habe es erlebt“, sagt er. „Mein Schicksal kann ein Schock sein.“

Zwei Stunden hörten die Schüler aufmerksam zu.

Das Gewicht seines fast einstündigen Vortrags legt Mannheimer auf Auschwitz, wo er in der Nacht auf den 2. Februar 1942 ankam. Dort, an der Todesrampe, erlebte er sogleich die ganze Brutalität des Lagerlebens. Die einen Ankömmlinge mussten nach links, die anderen nach rechts treten, ohne dass sie wussten, warum. Tatsächlich war die Entscheidung links oder rechts die Entscheidung über Leben und Tod. Der junge Mannheimer, 23 Jahre alt, trat nach links und durfte leben, wenn auch unter entsetzlichen Bedingungen. Seine Eltern wurden auf die rechte Seite geschickt – und noch in derselben Nacht vergast. „Was passiert hier?“, fragte er. Antwort: „Die gehen durch den Kamin.“

Es war der Anfang zweier Jahre, die kaum zu überleben sind und die Mannheimer doch überlebt hat. Am Ende des Kriegs waren er und sein Bruder Edgar in Mühldorf interniert und wurden am 30. April 1945 von den Nazis in einen Waggon gesteckt. Die Amerikaner, die nicht wussten, dass darin KZ-Häftlinge saßen, verfolgten den Zug mit einem Geschwader. Erst als ein Häftling die gestreifte Häftlingskleidung sichtbar machte, drehten die Amerikaner ab. Es hätte nicht viel gefehlt, und Mannheimer wäre im letzten Moment doch noch getötet worden.

Die Jugendlichen sind dankbar für dieses bewegende Zeugnis. Sie zeigen es durch ihre Aufmerksamkeit, die zwei Stunden lang hält, sowie einen großen Strauß Blumen. Max Mannheimer sagt stets, dass er durch seine Berichte in Schulen über das Grauen mithelfen will, dass es sich nicht wiederholt. In Geretsried ist er diesem Ziel gewiss ein Stück näher gekommen.

Volker Ufertinger

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