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Lorenz zählte zu den größten Holzspielwarenherstellern der Welt. Das Bild zeigt das Firmenareal an der Elbestraße um das Jahr 1960. Unten sind die Einfamilienhäuser der Lorenzsiedlung zu sehen.

Serie: Geretsrieder Wirtschaftswunder  

Holzspielzeug aus dem Wald

Vor gut 70 Jahren kamen die ersten Heimatvertriebenen in Geretsried an. Aus dem Nichts mussten sie sich eine neue Existenz aufbauen. In unserer Serie „Geretsrieder Wirtschaftswunder“ stellen wir Unternehmer vor, die den Grundstein für den heutigen Wirtschaftsstandort legten. Heute: die Unternehmer Heinz Lorenz und Franz Fleißner, die Holzspielzeug herstellten.

Geretsried – Heinz Helmut Lorenz war ein Apothekersohn aus Leitmeritz im Sudetenland. Bis Ende des Zweiten Weltkriegs war er als Konstrukteur im Maschinenbau tätig. Franz Fleißner stammte ebenfalls aus dem Sudetenland, genauer gesagt aus dem Kreis Tachau. Er war auch im Maschinenbau tätig. Zunächst starteten sie mit einer kleinen Schreinerei in Niederbayern. Ausschlaggebend war wohl, dass Fleißners Eltern in der Nähe von Tachau eine Fabrikation für Drechselwaren hatten.

Einer der Firmengründer: Heinz Helmut Lorenz. Er  stammte aus dem Sudetenland.

Mit der Verlagerung in die Schreinerei der Witwe Schelle aus Wolfratshausen begann eigentlich erst der Erfolg der Firma. „Die Witwe Schelle hatte zwei Töchter. Die Schreinerei lief noch, aber die haben nur Särge gemacht und dann hat sie’s mir doch verpachtet, die Schreinerei, nachdem ich so 15 Mal verhandelt hatte“, erinnerte sich Heinz Lorenz, der im Jahr 2013 im Alter von 97 Jahren verstorben ist. Man begann mit der industriellen Fertigung von Drechselwaren wie Lampenfüßen, Holztellern und Ähnlichem. Anfangs wurden noch Särge gefertigt.

Nach dem erneuten Umzug, diesmal in einen verlassenen Bunker des ehemaligen Rüstungswerks Dynamit AG in Gartenberg, erfuhren Lorenz und Fleißner, dass ein Transport von Heimatvertriebenen aus Tachau demnächst unterwegs sein würde. Es gelang, diesen Zug nach Wolfratshausen umzuleiten. In Gartenberg spezialisierte sich die Firma auf die Herstellung von Holzmassenartikeln, später dann auch auf komplettes Holzspielzeug.

Anna Klier war über vier Jahrzehnte bei Lorenz beschäftigt: „Ich begann 1950 als 16-Jährige zunächst im Automatenraum. Dort musste ich die Maschinen mit Rund-stäben versorgen.“ Im Automatenraum arbeiteten damals bis zu fünf Personen pro Schicht. Mit der Zeit wurden die gekauften Maschinen durch Eigenkonstruktionen ersetzt, die wesentlich leistungsfähiger waren.

In den ersten Jahren landeten die fertigen Automatenprodukte samt Spänen, Fräßmehl und Staub zusammen in einem Sammelbehälter, und die Produkte mussten „herausgetrommelt“ werden. Das war eine äußerst staubige und lärmende Angelegenheit. Mit dem Einbau einer zentralen Absauganlage wurde die Situation deutlich verbessert und der Produktionsablauf gestrafft. Damals wurde mindestens 48 Stunden pro Woche gearbeitet. Manchmal fehlten aber Kundenaufträge, dann gab es auch Kurzarbeit. Rollte eine Modeschmuckwelle mit Ketten aus Holzperlen und Armbändern an, liefen die Maschinen rund um die Uhr.

Halmakegel und Würfel ließen sich mit diesen Automaten anfertigen.

„Alles in allem war es noch eine bescheidene Zeit“, erinnert sich Klier. „Im ersten Jahr der Zugehörigkeit gab es fünf D-Mark Weihnachtsgeld, der Stundenlohn lag bei 0,75 D-Mark.“ Gegenüber der Bezahlung von 0,55 D-Mark bei Kliers früherem Arbeitgeber „Ergo“ (eine Konfitürenfa-brik) aber schon eine gewaltige Verbesserung. „Die Lohnauszahlung erfolgte noch bar, indem ein Mitarbeiter der Verwaltung die Lohntüten an die Beschäftigten austeilte.“

Wenn die Dampfsirene die Mittagspause oder den Feierabend ankündigte, verließ eine schier endlose Schlange Menschen in blauer Arbeitskleidung die Fabrik. Neben den Beschäftigten in der Firma waren auch viele Männer und Frauen außerhalb des Betriebs für Lorenz tätig. Zum Teil als Heimarbeiter, aber auch als Mitarbeiter der Kleinbetriebe Heupel, Frankenberger und Hampel.

Einer der Firmengründer: Franz Fleißner. Er stammte aus dem Sudetenland.

Kurt Höfer war von 1950 bis 1999 bei der Firma Lorenz beschäftigt. Begonnen hatte er mit einer Lehre zum Industriekaufmann. Er arbeitete sich bis zum Prokuristen empor. Ein Höhepunkt war für ihn der Bau und die Inbetriebnahme der großen Fertigungshalle in den 1950er Jahren. Die Zulieferung erfolgte aus der Zuschnitt- und Automatenfertigung über die Schleiferei. Danach folgten die Trocknung, die Farbgebung, die Lackiererei, je nach Artikel die Prägung und anschließend die Konfektion samt Lager und Versand.

Bis Ende der 1950er Jahre waren die Gebetsschnüre ein Hauptprodukt. Von Heimarbeitern aufgefädelte Holzperlenschnüre gingen über ehemalige Gablonzer Vertriebsfirmen hauptsächlich nach Afrika und in den Vorderen Orient. Weitere Schwerpunkte waren Halmakegel und Würfel in verschiedener Kantenlänge. In Spitzenzeiten wurden jährlich bis zu 80 000 000 Würfel hergestellt. Außerdem entwickelte und produzierte das Unternehmen seine eigenen Holzspielwaren, darunter die bekannte Marke „Baufix“. Neben den Holzspielwaren hatte Lorenz noch ein zweites, etwas kleineres Standbein, nämlich die Herstellung von Zeichengeräten aus Kunststoff.

Die Würfel wurden aus Ahorn-, vorzugsweise Bergahorn-Holz hergestellt, die Halmakegel aus Buchenholz. Das Rohmaterial kam hauptsächlich aus Bayern, aber auch aus Österreich und der Schweiz. Man verfügte über ein eigenes Sägewerk, ein Kraftwerk, in dem mittels Verbrennen der Holzabfälle Strom, Produktions- und Heizwärme erzeugt wurde. Neben den produzierenden Mitarbeitern gab es außerdem Maurer, Maler, Schlosser, Elektriker und sonstige dem Werks- und Produktionsablauf dienenden Handwerker, die Lorenz beschäftigte.

Ein besonderer Bereich war der Werkzeugbau, den eine geradezu geheimnisvolle Aura umgab, konstruierte doch Mitinhaber Lorenz einen Großteil seiner Spezialmaschinen selbst. „Wir waren fast autark“ stellte der Unternehmer einmal nicht ohne Stolz fest. Neben den Mitarbeitern im Werk waren zeitweise noch bis zu 100 Heimarbeiter in Geretsried und Umgebung beschäftigt.

Der Firmenleitung war auch die Unterbringung ihrer Leute wichtig. So gelang es, ab etwa 1954 ein Wohnungs-Bauprojekt, die „Lorenzsiedlung“, in direkter Firmennähe in Zusammenarbeit mit Unterstützung der Erzdiözese München und Freising zu errichten. Es entstanden 22 Einfamilien- und vier Zweifamilienhäuser. Die Grundstücke samt Häuser gingen direkt in das Eigentum der Erwerber über.

Die 1970er Jahre waren mit die besten Jahre. Bis zu 444 Mitarbeiter und unzählige Heimarbeiter beschäftigte die Firma Lorenz. Natürlich gab es nicht nur Sonnenschein. Auch Probleme galt es zu bewältigen. So mussten manchmal große Anstrengungen unternommen werden, um die Löhne regelmäßig zahlen zu können. Denn die Produktion unterlag einem wechselnden Saisonzyklus.

Gleiches galt für die Produktionsauslastung, zum Beispiel für das Sägewerk. Der optimale Holzeinschnitt sollte im Winter erfolgen. Das betriebseigene Kraftwerk mit seinen bis zu drei Dampfma-schinen sorgte mit schwarzen Rauchschwaden über Gartenberg manchmal für Ärger in der näheren Umgebung. Und das mit viel Geld neu errichtete Blockheizkraftwerk lief nicht zur Zufriedenheit der Firma. Ein echter Tiefschlag für die Branche der Zeichengeräte-Hersteller, und damit auch für Lorenz, war die Verbreitung der Computer mit ihren Zeichenprogrammen. Letztendlich bedeutete dies für den Großteil der Produzenten das Aus.

Fast 50 Jahre arbeiteten die beiden Eigentümer Heinz Lorenz und Franz Fleißner harmonisch zusammen. Lorenz war verantwortlich für den gesamten Vertrieb, die Angestellten und die Konstruktion von eigenen Maschinen und Werkzeugen. Fleißner war zuständig für den Betrieb, den Einkauf und die gewerblichen Mitarbeiter. Außerdem engagierte er sich in der Industriegemeinschaft und im Isarwald-Projekt am Johannisplatz. Gegenseitiger Respekt, aber auch die von beiden Seiten getragene, vernünftige Distanz zeichneten das Verhältnis der beiden Chefs zueinander aus. Auf dem Krankenbett sagte Fleißner zu Lorenz, der ihn besuchte, er würde diesen Weg nochmals mit ihm gehen.

Ab Ende der 1990er Jahre war auch das Hauptprodukt, die Spielwaren aus Holz, von der veränderten Nachfrage betroffen: Mit der Öffnung der Grenzen nach Osten kamen Produzenten mit massiv niedrigeren Löhnen zum Zuge. Technisches Spielzeug und Spielzeug aus Kunststoff eroberte beträchtliche Marktanteile. Leider gelang es nach dem Ausscheiden der Gründergeneration nicht, die Firma, einen der größten Holzspielwarenhersteller der Welt, zu erhalten. 2006 wurde das Unternehmen geschlossen.

Die Krämmel-Unternehmensgruppe kaufte das jahrelang brach liegende Areal. Nach dem Aus für ein Fachmarktzentrum soll nun dort das größte Wohnbauprojekt in Geretsried verwirklicht werden. Noch in diesem Jahr möchte das Unternehmen mit dem Bau von etwa 700 Wohnungen beginnen.

Ende der Serie

In der Reihe „Geretsrieder Hefte“ hat der Arbeitskreis Historisches Geretsried 2010 ein Heft über die Industriepioniere herausgebracht. Mit freundlicher Unterstützung des Arbeitskreises haben wir einzelne Kapitel aus der vergriffenen Publikation veröffentlicht. Das Heft gibt es auch als E-Book. Infos bei Gerhard Aumüller unter Telefon 0 81 71/34 04 40.

red

Lesen Sie auch: „Geretsrieder Wirtschaftswunder: Der Traum von der eigenen Metzgerei“

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