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Aufbruchstimmung: Die bunten Ordner bleiben, aber die HSV-Tasse kommt mit. Jochen Sternkopf packt seine Sachen. Ende des Monats geht der Leiter des Bauamts nach 47 Jahren in den Ruhestand. 

Im Gespräch mit dem scheidenden Amtsleiter Jochen Sternkopf

Bauamt war „meine Lieblingsabteilung“

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Das gute Mittagessen seiner Mutter gab einst den Ausschlag, dass Jochen Sternkopf seine Ausbildung im Geretsrieder Rathaus antrat. Jetzt geht der Bauamtsleiter in den Ruhestand.

Geretsried – Als Jochen Sternkopf (64) seine Ausbildung im Geretsrieder Rathaus begonnen hat, durfte man noch Stift zu einem Azubi sagen. Exakt 47 Jahre und fünf Monate arbeitete er am Karl-Lederer-Platz 1, über die Hälfte davon als Leiter des Bauamts. Ab dem 1. Februar muss die Abteilung ohne ihn auskommen. Dann tritt er seinen Ruhestand an. Der berufsmäßige Stadtrat Rainer Goldstein ist sein Nachfolger. Zum Abschied verrät Jochen Sternkopf, warum es ihn vor all der Zeit ins Rathaus verschlagen hat und wer ihn im Ruhestand zu den Baustellen in der Stadt begleiten wird.

Herr Sternkopf, gerade verändert sich viel in Geretsried. Sind Sie traurig, dass ausgerechnet jetzt Ihre Zeit für den Ruhestand gekommen ist?

Eigentlich macht es mir jetzt mehr Spaß, mit Sheila, dem schwarzen Schäferhund von meinem Sohn, spazieren zu gehen und zu schauen, wie weit die Bauvorhaben sind. Die Grundlagen stehen, gewisse Sachen muss man jetzt einfach ausführen. Auf der einen Seite wäre ich vielleicht noch gerne dabei, auf der anderen Seite ist es auch schön, das Ganze aus der Distanz zu beobachten. Wenn ich alles noch begleiten will, würden fünf Jahre vergehen. Dann bin ich 69 Jahre alt – was hätte ich da noch für einen Ruhestand vor mir ....

Also ist es jetzt ein guter Zeitpunkt, um zu gehen?

Ja. Ich war dabei, als die Baubeschlüsse fürs Hallenbad und das Eisstadion gefasst wurden, wir sind mit dem Karl-Lederer-Platz sehr weit, das Stadtquartiersentwicklungskonzept mit einem Bürgerhaus für Stein wurde auf den Weg gebracht. Und die Leitenstraße in Gelting lag mir immer am Herzen. Das haben wir auch noch hingekriegt.

Sie hinterlassen Ihrem Nachfolger Rainer Goldstein damit ein aufgeräumtes Büro.

Sagen wir mal so: Es sind einige Projekte im Fluss. Da muss er einsteigen – was er in den vergangenen Wochen schon getan hat. Aber es ist nicht so, dass ich ihm Unerledigtes hinterlassen habe.

Gibt es ein Bauvorhaben, das Sie noch gerne mit auf den Weg gebracht hätten?

Nein, die haben wir alle geschafft.

Schauen wir mal zurück: Was hat Sie vor 47 Jahren und fünf Monaten dazu bewogen, die Ausbildung im Geretsrieder Rathaus zu beginnen?

Reiner Zufall. Der Werber vom Finanzamt, der an meiner Realschule war, hatte mich eigentlich überzeugt. Ich bin mit meinem Spezl auch zur Einstellungsprüfung. Aber der damalige geschäftsleitende Beamte des Geretsrieder Rathauses hat zu meinem Vater, der bei der Stadt als Platzmeister gearbeitet hat, gesagt: Schick deinen Bub doch mal vorbei. Das Rathaus hat mir schon von außen gefallen. Überzeugt hat mich letztlich aber, dass ich mit dem Radl hierher fahren und das gute Mittagessen von meiner Mutter genießen konnte.

Fahren Sie immer noch mit dem Radl in die Arbeit?

Wenn es die Witterung zulässt.

Sind Sie damals gleich ins Bauamt gekommen?

Auch das war Zufall, aber ich hatte es mir erhofft. Das war meine Lieblingsabteilung.

Warum war es Ihre Lieblingsabteilung?

Weil man da sieht, dass sich etwas bewegt. Es wird etwas gebaut. Und – das ist zwar Anschauungssache –, aber ich finde das Baugesetzbuch und die bayerische Bauordnung interessanter als irgendwelche Steuergesetze oder Abgabenordnungen. Diese Gesetze sind von Fachleuten geschrieben. Das Erschließungsbeitragsrecht hat mir auch immer gut gefallen.

Letzteres müssen Sie erklären.

Das ist, wie wenn jemand auf Rockmusik steht und dann zwei Stunden Klassik hört. Als Abteilungsleiter muss man oft schnell etwas entscheiden, aber beim Erschließungsbeitragsrecht gibt es Paragrafen und Rechtssprechung. Da gefällt’s mir, wenn ich viel in den Kommentaren nachlesen muss.

Wollten Sie nie in eine andere Abteilung im Rathaus?

Einmal hab’ ich mich auf eine Kämmererstelle beworben. Das hab ich 1989 bis 1992 gemacht, aber es war nicht meins. Ein Kämmerer muss auch privat ein Pfennigfuchser sein, und ich bin halt eher ein großzügiger Mensch. Das passt nicht zusammen. Bürgermeister Hans Schmid hat mich dann gefragt, ob ich Bauamtsleiter werden will. Ich hab’ mich ins kalte Wasser gestürzt – und einigermaßen freigeschwommen. Sonst hätte ich den Job wohl nicht 25 Jahre lang behalten.

Gab es mal Kritik an Ihrer Arbeit?

Ich will damit nicht sagen, ich hab’ alles immer ganz toll gemacht. Aber ich denke, ich hab’ den Laden gut zusammengehalten, und unsere Arbeit kann sich sehen lassen. Gerade im Hochbau wird immer kritisiert, da wird dann mal eine Mensa mit einer Zigarrenschachtel verglichen.

Kamen eigentlich auch mal „verrückte“ Bauvorhaben auf Ihren Tisch?

Im Gewerbegebiet Gelting hatten wir mal so einen Freizeitpark mit Karussell und Riesenrad. Aber das ist nie konkret geworden.

Wie sieht es mit Schwarzbauten aus?

Die gab es durchaus. Aber so einen krassen Fall wie in Lenggries, wo jemand ein Einfamilienhaus im Naturschutzgebiet gebaut hat, hatten wir nicht.

In Geretsried verschwinden die Bunker immer mehr. Finden Sie das schade?

Wenn alle abgebrochen werden würden, fände ich es schade. Einige sollten stehen bleiben – auch als Mahnmal. Nach dem Krieg gab es noch etwa 400 Bunker. Heute sind viele so in Gewerbe- und Wohngebieten verbaut, dass man sie nicht abreißen wird. Aber wenn, dann kann man es den Grundstückseigentümern auch nicht verdenken. Die Bunker stehen nicht unter Denkmalschutz.

Verlassen wir mal kurz Geretsried. Gibt es weltweit ein jüngeres Bauprojekt, bei dem Sie gerne dabei gewesen wären?

Vielleicht beim Bau des Hamburger Fußballstadions. Oder bei der Elbphilharmonie, wobei – nein, da möchte ich nicht dabei gewesen sein. Da ist zu viel schiefgegangen. Das Hamburger Stadion ist zwar ein kalter Bunker. Das ist immer so, wenn viel Beton verbaut wurde. Aber es ist schön. Ich war selbst schon fünf Mal drin.

Also hätten Sie es auch so gebaut?

Das kann ich schlecht sagen. Man muss immer sehen, wie die Anforderungen waren. Meist weiß man das nicht, es sei denn es gibt eine Tafel, auf der die Geschichte des Baus dokumentiert ist. Aber so ähnlich wurden zu dieser Zeit viele Stadien gebaut, und Deutschland hat die besten Stadien der Welt.

Sie haben das Baugesetzbuch erwähnt. Da ändert sich in über 40 Jahren ja viel. An wie viele Änderungen erinnern Sie sich?

Wenn ich mal die Zeit ab 1993 nehme, als ich Bauamtsleiter war, gab es mindestens vier oder fünf Novellen der Bayerischen Bauordnung und des Baugesetzbuches. Da bleibt einem nichts anderes übrig, als sich fortzubilden. Aber das ist gut, dabei lernt man nicht nur die Neuerungen kennen, sondern man trifft auch Leute, die man mal anrufen kann, wenn man ein ähnliches Problem bei einem Bauprojekt hat.

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Bauantrag?

Nicht im Detail, aber ich erinnere mich, dass es die Garage für ein Einfamilienhaus war. Eine ziemlich einfache Sache.

Und dann wurde es schwieriger.

Ja, da waren schon schwierige Bauanträge dabei.

Was war denn die größte Herausforderung?

Schwierige Frage. Es gab viele schwierige Bauvorhaben, zum Beispiel die Isardamm-Grundschule.

Warum?

Da wurde erst ein Anbau errichtet, dann wurde die bestehende Schule nochmal für vier Millionen Mark saniert. Wir hatten Probleme mit der Einhaltung der Kosten und dem Bauablauf, weil die Baukonjunktur schwer einzuschätzen war.

Nach 25 Jahren Bauamtsleitung können Sie Ihrem Nachfolger sicher einiges mit auf den Weg geben.

Rainer Goldstein und ich sind schwer zu vergleichen, weil ich Diplomverwaltungswirt bin und er Architekt, Ingenieur und berufsmäßiger Stadtrat. Er wird die Prioritäten mehr in Richtung Städtebau und Architektur setzen, das ist klar. Fachlich kann ich ihm keinen Rat geben, aber er sollte immer schauen, dass das Bauamt eine Einheit ist, er es innerhalb und außerhalb gut vertritt und mit den entsprechenden Abteilungsleitern und dem Bürgermeister gut kommuniziert.

Was war denn privat Ihr größtes Bauvorhaben?

Mein Einfamilienhaus an der Jahnstraße. Da war ich noch ein junger Kerl und hab’ mir ganz schön was zugetraut. Aber es hat Gott sei Dank alles geklappt.

Ist es denn Ihr Traumhaus geworden?

Ja. Ich würde nicht anders bauen, nur vielleicht auch noch die Garage unterkellern.

Wie sieht Geretsried in 50 Jahren aus? Was denken Sie?

Vielleicht haben wir dann Königsdorf eingemeindet (lacht). Die Verdichtung der vergangenen 20, 30 Jahre wird sicher fortgeführt, wenn Gebäude abgerissen werden. Ansonsten wird entscheidend sein, was sich durch den S-Bahn-Anschluss ergibt. Den werden wir bekommen, egal ob es jetzt noch acht, zehn oder zwölf Jahre dauern wird.

Außer mit Sheila spazieren zu gehen und die Baustellen zu beobachten: Was haben Sie sich für den Ruhestand noch vorgenommen?

Nichts Aufregendes. Regelmäßig Sport treiben, das ist wichtig. Ausschlafen und in Ruhe Zeitung lesen. Die eine oder andere Reise unternehmen. Gitarre spielen. Und am Haus ist immer etwas zu tun. Mir wird sicher nicht langweilig. Und wenn doch, dann habe ich keine Angst, mich in den Stuhl zu hocken und in die Gegend zu schauen.

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