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Ist er ein harter Hund? „Manche Menschen haben vielleicht dieses subjektive Gefühl“, antwortet Hauptkommissar Robert Kremer. Der 55-Jährige ist seit 2004 Sachbearbeiter Rauschgift in der Polizeiinspektion Geretsried. 

Zum heutigen Weltdrogentag

„Kokain kommt wieder in Mode“: Interview mit Hauptkommissar Robert Kremer

  • Carl-Christian Eick
    vonCarl-Christian Eick
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Am 26. Juni ist der Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch. Aus diesem Anlass sprach unsere Zeitung mit Polizeihauptkommissar Robert Kremer. Er ist seit 2004 Sachbearbeiter Rauschgift in Geretsried. 

Geretsried – Die Generalversammlung der Vereinten Nationen setzte Ende 1987 den Termin fest: Der Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr, kurz Weltdrogentag, findet seither jährlich am 26. Juni statt. Vor diesem Hintergrund sprach unsere Zeitung mit Polizeihauptkommissar Robert Kremer. Der 55-jährige Beamte, dessen Karriere am 1. Oktober 1981 begann, ist seit 2004 sogenannter Sachbearbeiter Rauschgift in der Polizeiinspektion Geretsried.

Hand aufs Herz, Herr Kremer: In der Jugend einmal Drogen ausprobiert?

Nie! Ich habe ein einziges Mal in meinem Leben versucht, eine Zigarette zu rauchen. Mir ist dabei sterbensschlecht geworden, also habe ich’s bleiben lassen.

Als Erwachsener mal der legalen Droge Alkohol erlegen und zu tief ins Glas geschaut?

Das letzte Mal mit 17 Jahren, eine Woche vor der Einstellung bei der Polizeischule. Das war bis auf den Tag mein letzter Rausch.

Ihnen eilt ein gewisser Ruf voraus. Stimmt es, dass sie auf einen Baum geklettert sind, um jugendliche Kiffer runterzupflücken?

(lächelt) Es gibt viele Geschichten. Ich sei vom Dienst suspendiert worden, sei bei einem Schusswechsel schwer verletzt worden und auf einen Baum geklettert, um Drogenkonsumenten zu stellen. Um das heute mal klarzustellen: Das sind alles Ammenmärchen, an denen definitiv nichts dran ist.

Bitte verzeihen Sie: Sie gelten aber als harter Hund...

(lacht) ...manche Menschen haben vielleicht dieses subjektive Gefühl. Ob’s objektiv richtig ist, müssen Sie vielleicht noch mal umfassend nachrecherchieren.

Wenn Sie auf Ihren Zuständigkeitsbereich blicken: Ist er ein Drogen-Hotspot?

Nein, ein Hotspot ist Geretsried sicherlich nicht. Man darf bei der Analyse nicht vergessen, dass Geretsried die größte Stadt im Landkreis ist. Somit ist das Aufkommen illegaler Drogen zwangsläufig höher als in anderen Städten und Gemeinden im Kreis. Und dadurch, dass ich quasi „autarker“ Mitarbeiter der Polizeiinspektion Geretsried bin, versuchen meine Kollegen und ich, keinen Hotspot entstehen zu lassen.

Was heißt das?

Ich kann mir in der Regel meine Arbeitszeit frei einteilen, ich kann somit arbeiten, wie mein Klientel „arbeitet“. Das hat zur Folge, dass ich viel draußen bin und dann auch gesehen werde.

Konsumenten und Drogenhändler halten sich also nicht an die üblichen Dienstzeiten der Polizei?

(lacht) Mit Sicherheit nicht! Es macht in meinem Job wenig Sinn, um 17 Uhr den Feierabend einzuläuten, wenn man doch weiß, dass in den Abend- und Nachtstunden – ich übertreibe jetzt mal maßlos – das „Verbrechen“ tobt.

Worüber reden wir denn, wenn wir über Drogen reden, die hier in der Region gekauft, konsumiert beziehungsweise weiterverkauft werden?

In erster Linie reden wir über Cannabisprodukte und Amphetamin. Ecstasy ist auch im Umlauf, aber bei Weitem nicht in dem Umfang wie die beiden erstgenannten illegalen Drogen. Was uns aktuell Kopfzerbrechen bereitet: Offenbar kommt Kokain wieder in Mode. Obwohl es sehr teuer ist, kann sich Kokain offenbar auch die jüngere Generation leisten.

Was kostet ein Gramm Kokain in Geretsried?

Je nach Qualität zwischen 80 und 100 Euro. Das ist der derzeitige Straßenpreis.

Wie kommen die Drogen in den Landkreis?

Eigenanbau – Stichwort Cannabis – gibt’s hier genau genommen kaum. Und wenn, handelt es sich um Produkte von minderer Qualität. Um wirklich gutes Cannabis anbauen zu können, braucht man ein sehr gutes technisches Equipment und einen guten grünen Daumen. Es bleibt zu vermuten, dass der Hauptbezug illegaler Drogen über die Landeshauptstadt München läuft. Zudem werden illegale Drogen inzwischen im Internet, im sogenannten Darknet bestellt. Das ist auch auf den Kontrolldruck zurückzuführen, den wir in Geretsried und in Wolfratshausen aufbauen. So versucht der eine oder andere, sich das Zeug bequem von der Post bringen zu lassen.

Werden die Drogen hier ausschließlich konsumiert – oder wird damit im Landkreis auch Handel getrieben?

Wenn in unserer Region mit illegalen Drogen gehandelt wird, dann quasi nur örtlich. Es sind – wenn dann – absolute Ausnahmefälle, dass Drogen von Geretsried oder Wolfratshausen aus an Konsumenten in München oder in angrenzenden Landkreisen weiterverkauft werden.

Was geschieht mit den Drogen, die Sie und Ihre Kollegen bei Personenkontrollen oder der Durchsuchung von Pkw beziehungsweise Wohnungen sicherstellen?

Das ganze Verfahren läuft über die Staatsanwaltschaft. Zunächst kommt das Zeug in die Asservatenkammer und nach dem rechtskräftigen Abschluss des Verfahrens werden die Drogen vom Zoll vernichtet.

Auf der einen Seite Komasäufer, die unbehelligt bleiben, auf der anderen Seite Marihuana-Raucher, die Sanktionen erwarten, wenn sie erwischt werden. Wie gehen Sie damit um?

Ganz einfach: Das eine ist legal, das andere ist nicht legal. Das eine ist strafbewehrt, das andere ist nicht strafbewehrt. Für das eine zahlt man Steuern, für das andere zahlt man keine Steuern. Solange der Besitz von Cannabis, der den Konsum voraussetzt, verboten ist, legen wir diese Fälle der Staatsanwaltschaft vor. Machen wir das als Polizeibeamte nicht, machen wir uns strafbar. Wie die Justiz mit diesen Fällen umgeht, ist ein anderes Thema.

Sie kämpfen seit Jahren gegen Drogenmissbrauch – und sehen beim Oktoberfest Dutzende von jungen Menschen in Folge von Alkoholexzessen auf dem berüchtigten Kotzhügel liegen...

...wenn sie hilflos sind, muss man tätig werden. Ansonsten darf jeder mit Alkohol seine Erfahrungen machen. Ich sehe natürlich das gesellschaftliche Problem. Ich bin ganz entschieden dagegen, dass Alkohol an Jugendliche ab 16 Jahren frei verkauft wird. Aber das ist gesetzlich erlaubt. Obwohl der Gesetzgeber den Alkoholkonsum Jugendlicher auch als ein gesellschaftliches Problem betrachtet. Ich persönlich habe ein Problem damit, wenn Jugendliche beinahe besinnungslos in der Gegend herumtorkeln. Doch eines muss ich an dieser Stelle sagen: Das sogenannte Komasaufen gibt’s in Geretsried mittlerweile kaum noch. Da muss ich den Jugendlichen mal ein großes Lob aussprechen.

Es gibt Bundespolitiker, die für die Legalisierung von Cannabis plädieren. Was sagen Sie dazu?

Vorab: Das Wort „Entkriminalisierung“, das in diesem Zusammenhang immer fällt, höre ich überhaupt nicht gerne. Cannabisbesitz ist eine Straftat, keine Frage, aber die Täter sind in der Regel keine Schwerverbrecher, wie das Wort „Kriminalisierung“ den Eindruck erweckt. Von einer Legalisierung halte ich gar nichts, weil wir bereits zwei legale Drogen – Alkohol und Tabak – haben. Schon Alkohol- und Tabakkonsum führen zu schwerwiegenden Erkrankungen, deren Behandlung letztlich von der Gesellschaft in Form von Krankenkassenbeiträgen bezahlt werden muss. Und: Selbst wenn der Cannabiskonsum legalisiert werden würde, wäre der Konsum ja erst ab 18 Jahren legal. Das Problem mit jugendlichen Konsumenten wäre somit nicht gelöst. Es wäre ja auch die Frage: Was geben wir nach Cannabis als nächstes frei?

Für viele Experten gilt Cannabis als Einstiegsdroge...

... die Gefahr besteht natürlich. Aber es gibt auch Konsumenten, die nie etwas anderes als Cannabis angerührt haben. Was allerdings extrem gefährlich ist: Kiffen und der Beikonsum von Alkohol. Die Mischung kann unglaubliche, irreparable gesundheitliche Schäden anrichten. Das kann Ihnen jeder Hirnspezialist bestätigen. Ein Erwachsener mag meinetwegen machen, was er will. Aber Jugendliche? Da wehre ich mich dagegen, dass der Cannabiskonsum straflos freigegeben wird.

Woran können Eltern merken, dass ihre Kinder möglicherweise zu „weichen“ Drogen wie Cannabis greifen?

Zum Beispiel an einem nicht erklärbaren Leistungsabfall in der Schule. Wenn ein guter Gymnasiast sukzessive nachlässt, sodass er schließlich nur mit Ach und Krach auf der Mittelschule seinen Abschluss schafft. Oder die körperliche Verfassung: Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Lustlosigkeit, Schweißausbrüche, gerötete Augen außerhalb der Pollenzeit – das können Anzeichen sein.

Und was mache ich dann als Mutter oder Vater?

Sie können sich an die Polizei wenden. Wenn wir aber einen Straftatbestand erkennen, sind wir verpflichtet, die Sache zu verfolgen...

...das möchte ich meinen Kindern ja nicht unbedingt einbrocken...

...nun ja, in einem guten Beratungsgespräch wird sicherlich auch kein Straftatbestand zu finden sein...

...ich frage also für einen Freund?

(lacht) Das haben jetzt Sie vorgeschlagen. Doch Spaß beiseite: Eltern können sich auch an den Suchtberatungslehrer oder den Schulsozialarbeiter wenden. Oder direkt an die Suchtberatungsstelle der Caritas in Geretsried oder Wolfratshausen. Die sind jeweils sehr kompetent. Grundsätzlich sollte natürlich vorab immer das Gespräch mit dem Sohn oder der Tochter gesucht werden. Wenn man trotz aller Bemühungen nicht weiterkommt, hilft nur professionelle Unterstützung.

Sind viele Eltern überrascht, wenn Sie ihnen deren beim Drogenkonsum ertappten Sprössling nach Hause bringen oder Mama/Papa ihn von der Dienststelle abholen müssen?

Ja, und zwar quer durch alle gesellschaftlichen Schichten. Es gibt viele Eltern, die ahnungslos sind oder zumindest vorgeben, ahnungslos zu sein. Es wundert mich oft, dass der eine oder andere stundenlang Zeit hat, bei Ebay oder Amazon nach einem Paar Schuhe zu stöbern, aber keine Zeit hat, sich mal über das Thema Drogenkonsum von Jugendlichen zu informieren. Vielleicht blenden einige Eltern das Thema aber auch einfach aus.

Stichwort Beschaffungskriminalität...

...die gibt es bei uns nicht.

Aber wie finanzieren die Jugendlichen ihren Drogenkonsum?

Das ist eine sehr gute Frage, die ich den Beschuldigten auch oft stelle: Zehn, 15 Euro Taschengeld in der Woche, das reicht für genau ein Gramm Gras. Jetzt hat mein Gegenüber aber zwei, drei Gramm in der Tasche – wo kommt die Kohle dafür her? Es gibt mehrere Erklärungen: Er hat das Gras „auf Kombi“ das heißt, auf Kommission gekauft und bezahlt später – in der Regel mit Aufschlag. Oder er verkauft einen Teil weiter, um so seinen Eigenbedarf zu finanzieren. Letzteres wird im Falle des Falles ein Richter mit Blick auf die Strafzumessung sehr genau prüfen. Nicht selten greift ein Jugendlicher auch mal heimlich in die Geldbörse des Vaters oder der Mutter – oder tischt den Großeltern eine Lügenstory auf, um deren Herz zu erweichen und so an Extra-Taschengeld zu kommen.

Eine letzte Frage: Was machen Sie, Herr Kremer, am Internationalen Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr?

Ganz ehrlich: Ich wusste nicht, dass es diesen Tag gibt. Was ich am Weltdrogentag tue? Bei mir stehen ein paar Termine zur Beschuldigtenvernehmung im Kalender. Und die drehen sich alle um illegale Betäubungsmittel.

Was kann man tun, um Jugendliche besser vor den Gefahren von illegalen Drogen zu warnen? Darüber diskutierte zu Beginn des Jahres auch eine Expertenrunde in Geretsried.

cce

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