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Erlebten eine entbehrungsreiche Zeit (v. li.): Walter und Marianne Kohlert sowie Werner Sebb. Unsere Zeitung traf die Zeitzeugen im Museum der Stadt Geretsried. Dort gibt es einen Nachbau einer Baracke mit Originalteilen.

Zum 70. Jahrestag der Ankunft der ersten Vertriebenen

Das Leben im Barackenlager

Geretsried - Am 7. April 1946 kamen die ersten 554 Vertriebenen aus Graslitz in Geretsried an. Zuflucht fanden sie im Barackenlager auf der heutigen Böhmwiese. Drei Zeitzeugen erinnern sich.

Es ist nur ein Nachbau. Trotzdem lässt die Baracke im Museum der Stadt Geretsried erahnen, wie beschwerlich das Leben 1946 gewesen sein muss: Der spartanisch eingerichtete Raum ist nicht geheizt, an der dunklen Holzwand steht ein schmales Feldbett, und auf dem Tisch liegt die tägliche Essensration. „Je älter man wird, desto öfter denkt man daran, wie es früher gewesen ist“, sagt Marianne Kohlert nachdenklich, während sie ihren Blick durch den Raum schweifen lässt. Die 84-Jährige ergänzt: „Es sind auch Tage dabei, da könnte man heulen.“ 14 Jahre war sie alt, als sie zusammen mit ihrer Familie im Barackenlager auf der heutigen Böhmwiese lebte.

Für etwa 800 Vertriebene war das ehemalige Arbeiterlager der Dynamit Aktiengesellschaft (DAG) die erste Anlaufstelle in Geretsried. Am 7. April 1946 kam der erste Transport aus Graslitz vor dem Lager an, am 16. und 19. Juni folgten zwei weitere aus Tachau und am 11. Oktober ein dritter aus der Gegend um Karlsbad. Bis zum Brand 1949 hausten die Menschen im Lager auf engsten Raum – ohne Strom und ohne fließend Wasser.

Erste Anlaufstelle für hunderte Heimatvertriebene: das Lager Buchberg auf der heutigen Böhmwiese.

Bei Werner Sebb sind die Erinnerungen nicht mehr so präsent. Er war mit seinen sechs Jahren noch ein kleiner Bub, als er mit dem ersten Transport ankam. „Was mir viel mehr zu schaffen gemacht hat, war der Schmerz meiner Großeltern, da habe ich mitgelitten“, berichtet der gebürtige Graslitzer (76). Ganz ähnliche Erfahrungen machte Walter Kohlert, der Ehemann von Marianne Kohlert. „Als meine Großmutter vor der Abfahrt in ein Sammellager musste, das war die schlimmste Nacht in meinem Leben“, sagt der 84-Jährige sichtlich bewegt, der wie Sebb aus Graslitz stammt und im gleichen Transport saß.

Für viele Mädchen und Buben war das Lager im Nirgendwo ein großer Abenteuerspielplatz. Doch die Unterkünfte waren mehr als bescheiden. „Es gab Stockbetten mit Strohsäcken“, blickt Werner Sebb zurück. „Die Ami-Pritschen kamen erst später.“ Marianne Kohlert erinnert sich an eine kleine Stube, in der sie zu zehnt wohnten. „Geschlafen haben wir im Wechsel.“ Wenn man schlafen konnte. „In den Holzritzen und in den Betten gab es Wanzen“, sagt Marianne Kohlert. „Das hat oft tagelang gejuckt.“ Erst mit dem Lagerbrand 1949 seien die Biester verschwunden. Ungern denkt die Zeitzeugin an die Latrinen mit ihren Plumpsklos zurück. „Dort gab es auch Ungeziefer, und das Waschen war ein Problem.“

Not macht erfinderisch

Wäsche im Wind: Kleidungsstücke wurden 1946 draußen zum Trocknen aufgehängt.

Warmes Wasser war im Lager Mangelware. Aber: Walter Kohlert war erfinderisch. Am Rand des Lagers standen alte Wachtürme – mit kleinen Öfen. „Auf die bin ich hinaufgestiegen und habe dort Wasser warm gemacht. Da war meine Mama froh.“ Um in den ungeheizten Baracken für ein bisschen Wärme zu sorgen, organisierten die Bewohner kleine Öfen und holten sich zum Heizen Holz aus dem Wald. „Ich kann mich erinnern, dass sich zum Transportieren jemand einen Wagen gebaut hat“, ergänzt Werner Sebb. Dabei war das, was die Amerikaner zurückgelassen hatten, willkommen: Alte Kabeltrommeln wurden zu Rädern umfunktioniert. „Das war aber fast noch eine größere Schlepperei als ohne Wagen“, sagt der Geretsrieder schmunzelnd. „Trotzdem war es schon erstaunlich, mit was man sich beholfen hat.“ So dienten die Reste eines Wehrmachtszeltes als Plane für einen Schuppen. Aus einer Bratpfanne, einem Messer und einer Gabel bastelte man sich eine Wanduhr.

Lebensmittel gab es damals nur per Bezugsschein. Um den kargen Speiseplan aufzubessern, zogen ganze Kolonnen in Richtung Schwaigwall hinauf. Vor allem alte Frauen waren es, die auf den abgernteten Feldern des Gutes nach Getreidekörnern suchten. „Daraus wurde ein Malzkaffeeersatz gemacht“, erklärt Werner Sebb. Wer einen Schuppen sein Eigen nennen konnte, mästete sich ein Schwein, hielt sich Hühner oder Gänse.

Eine gute Adresse war der Schwarzmarkt im benachbarten Lager Föhrenwald in Waldram. „Manchmal bin ich dreimal am Tag hingelaufen, um dort Kartoffeln zu bekommen. Da haben wir dann fünf bis zehn Kilo im Rucksack nachhause geschleppt“, sagt Walter Kohlert. „Für zehn Mark gab es Weißbrot und Erdnussbutter“, fügt Werner Sebb an. Das Lager Föhrenwald war eines der größten und am längsten bestehende Lager für jüdische Displaced Persons in Deutschland „und ein Glück für uns“, sagt Marianne Kohlert. Viele Heimatvertriebene fanden dort Arbeit. Marianne Kohlerts Großmutter half bei einer Familie in der Küche aus. „Sie war ganz selig, wenn sie abends für uns eine Suppe mitnehmen konnte. Davon haben fast alle in der Familie gelebt.“

Die Zeit nach dem Krieg hat die Zeitzeugen geprägt. „Ich kann heute noch kein Essen wegwerfen“, sagt Marianne Kohlert. Die Hilfsbereitschaft untereinander sei damals sehr groß gewesen. „Besonders unser späterer Bürgermeister Karl-Heinz Lederer hat uns viel geholfen“, ergänzt ihr Ehemann. „Das gibt es heute so nicht mehr.“

Doris Schmid

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