+
Ein Ort der Begegnung: Gabriele Leinauer ist die neue Koordinatorin in der Geschäftsstelle des Hospizvereins am Neuen Platz in Geretsried. Der Verein feiert heuer sein 25-jähriges Bestehen. 

„Leben und Sterben gehört zusammen“

Darum ist die Arbeit des Hospizvereins heutzutage so wichtig 

  • schließen

Der Christophorus-Hospizverein im Landkreis blickt auf 25 Jahre zurück. Wir haben mit Koordinatorin Gabriele Leinauer darüber gesprochen, warum die Arbeit des Vereins gerade heute so wichtig ist.

Geretsried – Der Christophorus-Hospizverein im Landkreis blickt auf 25 Jahre zurück. Seit 1993 hilft der Verein mit seinen rund 350 Mitgliedern sterbenden Menschen, sich auf den Tod vorzubereiten. 35 ausgebildete Hospizbegleiter stehen den Sterbenden und deren Angehörigen bei. Gabriele Leinauer (52) aus Münsing ist seit einigen Monaten die neue Koordinatorin in der Geschäftsstelle am Neuen Platz in Geretsried. Vorher war sie selbst ein Jahr lang als Hospizbegleiterin tätig. Im Gespräch erzählt die Trauerpädagogin, auf welche Widerstände Hospizbegleiter stoßen und warum die Arbeit des Vereins heute wichtiger denn je ist.

-Frau Leinauer, warum haben so viele Menschen Angst vor dem Tod?

Der Tod ist etwas Endgültiges. Die meisten Menschen, die spüren, dass sie bald sterben werden, haben keine Angst vor dem Tod. Man hat eher Angst, weil man nicht weiß, wie das Leben zu Ende geht. Angst vor Schmerzen, Angst davor, nicht zu Hause sterben zu können. Und sie sorgen sich um diejenigen, die sie zurücklassen müssen.

-Wie kann der Verein diesen Menschen helfen?

Ein großer Teil unserer Arbeit ist die Hospizbegleitung. Ehrenamtliche Frauen und Männer kommen in die Familie, ins Pflegeheim oder auf die Palliativstation. Dorthin, wo die Menschen eben zu Hause sind. Sie begleiten sowohl die schwer kranken Menschen, die bald sterben werden, als auch Angehörige. Die Arbeit der Hospizbegleiter dreht sich nicht um Pflege, Medizin oder Finanzielles. Sie sind einfach da, der Mensch steht im Mittelpunkt.

-Wie sieht diese Arbeit aus?

Dazu gehört, in Erinnerungen zu schwelgen, vielleicht noch Wünsche zu erfüllen, über Sorgen und Ängste zu sprechen oder auch einmal gemeinsam zu schweigen. Dabei sind die Ehrenamtlichen keine Stütze, sondern Wegbegleiter. Sie können weder dem Sterbenden noch den Trauernden deren Last abnehmen, denn jeder muss seinen Weg selbst gehen und seine Lebensgeschichte selbst schreiben. Aber wir können mitgehen und hin und wieder ein Stück Papier und den Stift dafür reichen.

-Wer bittet um Begleitung?

Menschen, die spüren, dass in der Familie etwas anders wird. Sie sehnen sich nach etwas, das sonst fehlt in unserer schnelllebigen und leistungsorientierten Welt. Die Menschen merken, dass für sie Dinge, die früher wichtig waren, in den Hintergrund treten und Platz machen, um über das bleibende Leben und das Sterben zu reden. Wer um Begleitung für einen Angehörigen bittet, muss sich eingestehen, dass er am letzten Stück seines Weges angekommen ist. Das fällt oft sehr schwer. Die Menschen erhoffen sich Gespräche und ehrliche Begegnung.

-Es fällt schwer, weil der Tod noch immer ein Thema ist, das gerne verdrängt wird?

Ja. Wenn ich erzähle, wo ich arbeite, reagieren viele verhalten. Oft werde ich gefragt: „Wie hältst du das aus?“ Da schmunzle ich, denn ich muss nichts aushalten. Wir haben ein Problem damit, wie wir den Tod wahrnehmen. Ich habe lange in Kinderkrippen gearbeitet und beschäftige mich heute unter anderem damit, wie Tod und Sterben dort thematisiert werden. Es ist wichtig, früh zu lernen, dass man das Wort „Sterben“ sagen darf. Es ist genauso normal wie „Geboren werden“, „Essen“ oder „Radfahren“. Leben und Sterben gehören zusammen. Heutzutage wachsen Kinder sehr behütet auf, sollen nie weinen. Alles soll immer lustig sein. Dabei müssen wir auch lernen, mit Verlust umzugehen und sensibel für Veränderungen werden. Das stärkt uns unser Leben lang.

-Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrer Arbeit?

Wir sind nicht an eine Religion oder Konfession gebunden. Der Glaube kann Thema sein, muss aber nicht. Das kommt auf jeden Einzelnen an. Die Fragen und Ansätze des Sterbenden stehen im Mittelpunkt. Spiritualität ist ein wichtiger Begriff in unserem Tun. Trauernde fühlen oft eine besondere Verbindung zum Verstorbenen. Das sind keine Hirngespinste, aber für dieses unbekannte Etwas fehlen meist die Worte – weil das mit unseren Möglichkeiten nicht messbar ist. Aber natürlich gibt es auch Leute, die sagen, dass mit dem Tod alles aus ist.

-Welche schönen Momente erleben Sie?

Eine Begegnung auf Augenhöhe ist ein schönes Erlebnis. Wenn wir den Menschen Raum geben können, um zu erzählen, um zu weinen, um zu lachen, um Mensch zu sein. Dafür rentiert sich alles. Manche Hospizbegleiter haben selbst in einem Trauerfall Hilfe erfahren und möchten diese nun weitergeben. Viele haben neben dem Beruf nach einer Tätigkeit gesucht, die ihrem Leben einen tieferen Sinn gibt. Das finden sie hier. 

25-Jahr-Feier

Der Festakt zum 25-jährigen Bestehen des Hospizvereins beginnt an diesem Mittwoch, 9. Mai, um 19 Uhr im Sitzungssaal des Landratsamts. Der Münchner Palliativarzt Dr. Dr. Berend Feddersen und Pianist Leo Betzl präsentieren „Übergänge – eine magische und musikalische Interpretation der Hospiz- und Palliativarbeit“. Anschließend findet im Foyer ein Empfang statt.  

Lesen Sie auch: Kriseninterventionsdienst: Sie helfen im schlimmsten Moment eines Lebens

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Mnozil Brass: Spektakuläre Show zum Abschluss des Geretsrieder Kulturherbsts
Mnozil Brass präsentierte am letzten Abend des Kulturherbstes eine bunte Musikshow voller Zaubertricks und Zirkuseinlagen, die das Publikum immer wieder staunen ließ.
Mnozil Brass: Spektakuläre Show zum Abschluss des Geretsrieder Kulturherbsts
Mit diesen Gags begeistert Wortakrobat  Willy Astor in Geretsried
Wortakrobat Willy Astor begeisterte vor ausverkauftem Haus auf dem Geretsrieder Kulturherbst. Manche Gags waren für Fortgeschrittene.
Mit diesen Gags begeistert Wortakrobat  Willy Astor in Geretsried
Schulsozialarbeit an Realschulen: Werden die Vorbildlichen vom Staat bestraft?
Jugendsozialarbeit an Schulen, kurz JAS, ist im Landkreis ein Erfolgsmodell. Das niederschwellige Angebot erreicht viele Kinder und Jugendliche. Doch an den Realschule …
Schulsozialarbeit an Realschulen: Werden die Vorbildlichen vom Staat bestraft?
Eglinger verkauft Marihuana auf Schülerparty – und bereut es anschließend
Es sollte der erste Joint ihres Lebens werden. Aber der erhoffte Spaß ging gründlich daneben. Noch bevor die Schülerin ihren ersten Drogenrausch haben konnte, platzte …
Eglinger verkauft Marihuana auf Schülerparty – und bereut es anschließend

Kommentare