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Glaubensbrüder: Mesner Rafie Isso (li.) und Pfarrer Georg März.

„Ein großer Herzschmerz“

Mesner Rafie Isso flüchtete vor 16 Jahren aus dem Irak

Geretsried - Rafie Isso (42), heute Mesner in Geretsried, flüchtete vor 16 Jahren aus dem Irak. Seine Geschichte ist bewegend.

Mossul im Nordirak blickt auf eine 1600 Jahre alte christliche Tradition zurück und war eine multiethnische und multireligiöse Großstadt, bis Krieg und Terror die Region erschütterten. Rafie Isso, heute Mitarbeiter der Pfarrei Heilige Familie, musste deshalb seine Heimat verlassen. Auf Einladung des Kreisbildungswerks berichtete er am Mittwochabend im Saal der Pfarrei über seine persönlichen Erfahrungen als römisch-katholischer Christ. Dr. Bernhard Schütze, bei der Stadtkirche zuständig für den Bereich Erwachsenenbildung, moderierte den Abend.

Er flüchte vor 16 Jahren

Rafie Isso (42) flüchtete bereits vor 16 Jahren aus seiner Heimatstadt, die 30 Kilometer von Mossul entfernt liegt. Der Irak sei heute nach Nordkorea und Somalia der am schlimmsten von der Christenverfolgung betroffene Staat, erklärte Schütze. Isso, seine Eltern und zehn Geschwister erlebten dies am eigenen Leib. Die Verfolgung der rund 1,5 Millionen Christen (fünf Prozent der Gesamtbevölkerung) begann bereits nach dem Ende der Diktatur Saddam Husseins im Jahr 2003. Der islamische Radikalismus nahm fortan immer mehr zu. Nach der Eroberung Mossuls durch Kämpfer der Gruppe ISIS beziehungsweise Islamischer Staat (IS) im Jahr 2014 wurden die christlichen Einwohner vor die Wahl gestellt, die Stadt entweder zu verlassen, zum Islam zu konvertieren oder hohe Abgaben zu zahlen. Viele wurden auch hingerichtet.

Isso war in seiner Heimat und hat erschreckende Fotos gemacht

„Der IS schrieb das Wort ,Christ‘ auf die Häuser von Christen“, erzählt Isso, der zwischenzeitlich in seiner Heimat war und Fotos gemacht hat. Auch Bilder aus friedlichen Tagen zeigte er. Vom Palmsonntagsfest, das groß gefeiert wurde, und vom Heiligen Abend vor der großen Marienkirche in Mossul. Die Christen versammelten sich dort traditionell um ein Feuer und nahmen am Ende ein Häuflein Asche mit nach Hause. „Es ist ein großer Herzschmerz für mich, wenn ich mich daran erinnere“, sagte der 42-Jährige.

Ende der 1990er Jahre sah Isso wie so viele Iraker – auch muslimische – keine Zukunft mehr in seinem Land. Die Infrastruktur war nach den beiden Golfkriegen völlig zerstört. In Jordanien wartete Isso auf eine Ausreiseerlaubnis. 2000 durfte er nach Deutschland, wo er zunächst in Nürnberg, dann in München lebte. „Arbeit habe ich immer gefunden“, berichtet der Iraker. Über einen Mitbruder von Pfarrer Georg März kam er mit Frau und zwei Kindern vor eineinhalb Jahren nach Geretsried.

In der Heiligen Familie ist er Hausmeister und Mesner

In der Pfarrei Heilige Familie ist er seitdem als Hausmeister und Mesner tätig. Seine Kinder im Alter von sechs und vier Jahren besuchen den katholischen Kindergarten, ein weiteres Kind wurde vor acht Monaten geboren. Die Familie ist bestens integriert. Für den Vortrag hatten Isso und seine Frau arabische Spezialitäten gebacken, bei denen die rund 60 Besucher beherzt zugriffen.

Isso besitzt mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft

Isso besitzt mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft. Vor einem Jahr wurde sein Zertifikat als Bibliothekar, das er noch in der Heimat an einem Institut erworben hatte, in Deutschland anerkannt. Ob er manchmal Heimweh habe, wollten die Zuhörer von Isso wissen. Nein, antwortet er. Für ihn gebe es kein Zurück. 2008 hätten noch 1,5 Millionen Christen im Irak gelebt, heute seien es nur noch 400 000 oder sogar weniger. Die meisten seien in der Stadt Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan. Von Issos zehn Geschwistern wohnen dort ebenfalls drei. Andere hoffen auf ein Visum für Australien.

Der laut Pfarrer März „sehr tüchtige und zuverlässige Pfarreimitarbeiter“ bedankte sich am Ende für die Gastfreundschaft, mit der er in Geretsried aufgenommen wurde: „In München kannte mich außer ein paar Arbeitskollegen und zwei Nachbarn niemand. Hier habe ich schon viele Freunde. Meine Kinder sollen hier aufwachsen.“

von Tanja Lühr

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