Lager Buchberg
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Fest im Blick: Vom Ingenieurshaus 882 (ganz links Bild) konnten die Webers direkt auf das Barackenlager auf der heutigen Böhmwiese schauen.

Austausch mit dem Arbeitskreis Historisches Geretsried

Wie der Amerikaner Norman Weber seine Kindheit in Geretsried erlebte

  • Doris Schmid
    vonDoris Schmid
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Der Arbeitskreis Historisches Geretsried profitiert sehr von den Aufzeichnungen von Norman Weber (86). Der Amerikaner verbrachte seine Kindheit nahe dem Lager Buchberg.

Geretsried – Sie kennen sich erst seit wenigen Monaten, und das noch nicht einmal persönlich. Aber für den Geretsrieder Friedrich Schumacher (80) ist die Verbindung zu Norman Weber (86) etwas ganz Besonderes. Der Amerikaner mit deutschen Wurzeln erlebte das Ende des Zweiten Weltkriegs im heutigen Geretsried mit. Über seine Erlebnisse hat Weber ein Buch geschrieben, ergänzt mit Notizen seiner Mutter und Großmutter, die beide Tagebuch führten. Das ist ein großer Schatz für Schumacher und den Arbeitskreis Historisches Geretsried (AHG), dem er angehört.

Schumacher ist pensionierter Schulleiter und seit 2004 Mitglied im Arbeitskreis. Die Gruppe bringt regelmäßig Hefte zur Geschichte der Stadt heraus und organisiert Ausstellungen wie zuletzt die sehr erfolgreiche historische Industrie- und Gewerbeschau im Kunstbunker. Großen Raum nehmen aktuell die Forschungen zu den beiden Munitionsfabriken DAG und DSC ein, auf deren Grund und Boden Geretsried entstanden ist.

Friedrich Schumacher freut sich über die Bekanntschaft mit Norman Weber, der ein Buch herausgegeben hat.

Der Kontakt zu Norman Weber sei über Christian Steeb aus Wolfratshausen zustande gekommen, erzählt Schumacher im Gespräch mit unserer Zeitung. Dieser habe ihm eine Publikation von Weber gegeben. Darin stand seine E-Mail-Adresse. Am 2. Oktober 2020 schrieb Schumacher den Amerikaner an. Zwei Tage später hatte er eine Nachricht in seinem digitalen Postfach. „Er teilte mir mit, dass er sich darüber freut, dass wir an seiner Lebensgeschichte Interesse haben.“ Aus dem Mail-Kontakt entstand ein enger Austausch. Über 170 Mails wurden bisher über den Atlantik hin- und hergeschickt. „So intensiv ist unsere Kommunikation“, sagt Schumacher. Beide verbindet ihr Interesse an der Geschichte Geretsrieds. „Ich konnte ihm vieles erklären, was er hier noch nicht richtig erfasst hatte.“

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Norman Weber war neun Jahre alt, als er für ein paar Monate im heutigen Geretsried in einem der Ingenieurshäuser lebte. An was erinnert sich ein Bub in diesem Alter? „Er hat damals den Wald mitbekommen, den Zaun um das Rüstungswerk DAG, das Tor 3 und das Lager Buchberg“, fasst Schumacher zusammen. Aus diesen Erlebnissen heraus und aus verschiedenen anderen Quellen „hat er sein Wissen zusammengestellt“. Daraus entstand 2011 ein Buch, das er mit Hilfe von Schumacher überarbeitete und im März dieses Jahres mit einem Vorwort des Geretsrieders neu herausgab.

Norman Weber lebte mit seiner Mutter Aenny und Schwester Louisa bei Familie Lindner im Ingenieurshaus mit der Nummer 882 (heute Graslitzer Straße 3). „Herr Lindner war technischer Leiter der DAG“, erklärt Schumacher, „und Frau Lindner und Frau Weber waren Schwestern.“ Der Vater war während des Kriegs gezwungenermaßen bei der Wehrmacht, zuletzt stationiert an der polnisch-ukrainischen Grenze. Häufig mussten die Familien im Keller oder in einem Bunker auf der anderen Seite der heutigen B11 Schutz suchen, weil Sirenen Luftangriffe ankündigten. Natürlich hielten sich die Kinder auch draußen auf. Sie fuhren Fahrrad, spielten und streunten umher. „Norman Weber hat geglaubt, dass die DAG total unterirdisch gebaut gewesen ist“, berichtet Schumacher. In gewisser Weise habe er damit recht gehabt, so der Geretsrieder. „Er hat ja von den Bunkern nichts gesehen.“ Die Buben seien nur bis zum Tor gekommen. Dort habe man sie zurückgewiesen.

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Wie kam es überhaupt dazu, dass die Familie in Amerika lebte und während des Kriegs nach Deutschland reiste? „Norman Webers Mutter Aenny Bauer war gebürtige Penzbergerin“, bringt Schumacher Licht ins Dunkel. Ihre Schwester war mit ihrem Mann nach Amerika ausgewandert, und die besuchte sie für längere Zeit. Vater Frank Weber stammte aus Fürstenberg an der Oder (heute ein Stadtteil von Eisenhüttenstadt) an der deutsch-polnischen Grenze. Sein Herz schlug schon immer für Amerika, und 1929 erreichte er mit dem Schiff New York.

Norman Weber erlebte das Ende des Zweiten Weltkriegs als Kind im heutigen Geretsried mit.

Kurz bevor Aenny Bauer wieder nach München zurückkehren wollte, lernte sie Frank Weber kennen. Die beiden verliebten sich. Damit war die Reise nach Deutschland vergessen. 1932 heiratete das Paar. Sohn Norman Weber kam 1935 zur Welt, zwei Jahre später Tochter Louisa. „Weil der Großvater, der in München einer der Direktoren der Salvator-Paulaner-Brauerei war, im Sterben lag, reiste die Familie 1939 nach Deutschland“, erklärt Schumacher. Auf Umwegen kamen die Webers im Juli 1944 nach Geretsried. Dort blieben sie bis zum 1. Mai 1945 – und mussten vor den plündernden und aggressiven Zwangsarbeitern aus dem Lager Buchberg fliehen, die von den Amerikanern ihre Freiheit erhalten hatten.

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Nach Kriegsende lebte Familie Weber ein paar Monate in Wolfratshausen und einige Zeit am Chiemsee. 1948 zogen sie nach München. Norman Weber unterschrieb im Alter von 18 Jahren bei der amerikanischen Armee; auch seine Schwestern gingen nach Amerika. Die Eltern blieben in München. Frank Weber wäre auch gerne in sein Sehnsuchtsland zurückgekehrt. Aber nach dem Krieg galt er als staatenlos und Flüchtling. Er starb 1972 in München. Seine Frau Aenny zog anschließend zu ihrer jüngsten Tochter nach Amerika und starb dort 1995.

Norman Weber war bei den Fallschirmjägern und auch ein paar Jahre in Deutschland stationiert. Nach seinem Militärdienst war er in der Privatwirtschaft tätig. Später wurde er Pastor in der Methodistenkirche. Im Jahr 2000 ging er in den Ruhestand. Zusammen mit seiner zweiten Frau lebt er in Tennessee.

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Für Weber ist Schumacher eine wertvolle Quelle und umgekehrt. „Für uns beide ist das eine Win-Win-Situation“, sagt der ehemalige Schulleiter. „Er profitiert vom Wissen des Arbeitskreises, ich profitiere von den Aufzeichnungen seiner Großmutter über die Luftangriffe.“ Schumacher arbeitet derzeit an einem Heft über Werkschutz, Werkluftschutz und Werksfeuerwehr für DAG und DSC.

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