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Psychische Erkrankungen sind in Deutschland beileibe keine Einzelfälle. Im Corona-Jahr 2020 nahmen Stress-Symptome, Angstzustände und Depressionen laut einer Studie der EU-Kommission nachweislich erneut zu.

Spendenaktion gestartet

Nach Tod des Vaters: Familie in Schockstarre - dem Sohn schrieb er noch „Hab dich lieb“

  • Carl-Christian Eick
    VonCarl-Christian Eick
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Peter Schrenk ist tot. Der Familienvater nahm sich das Leben. In die Trauer von Witwe Juliane mischen sich auch finanzielle Sorgen. Eine Spendenaktion soll nun helfen.

Geretsried – Drei Tage suchte die Polizei mit Hilfe der Öffentlichkeit nach dem 48-jährigen Peter Schrenk aus Geretsried. Dann mussten die Beamten seiner Ehefrau Juliane die schreckliche Nachricht überbringen: Der Familienvater, der sich in einer psychischen Ausnahmesituation befand, hat sich das Leben genommen. In ihrem Schmerz, in ihrer Trauer macht sich die 40-jährige Witwe schwere Vorwürfe: „Ich hätte noch viel genauer hinhören müssen, ich hätte mich – auch gegen Peters Willen – um externe, professionelle Hilfe bemühen müssen.“

Familienvater nahm sich das Leben: Witwe erzählt - „nach meiner Einschätzung kurz vor dem Burnout“

20 Jahre arbeitete Juliane Schrenks Ehemann, die beiden waren seit 2005 verheiratet, bei einem renommierten Geretsrieder Unternehmen. Seit geraumer Zeit in leitender Position. Nicht zuletzt aufgrund der Corona-Pandemie habe der 48-Jährige „unter enormem beruflichen Druck“ gestanden. In dem Bewusstsein, dass er quasi der Alleinverdiener in der vierköpfigen Familie ist (Juliane Schrenk hat einen Teilzeitjob bei einer Geretsrieder Arztpraxis), „hat er sich natürlich noch zusätzlich gestresst“. Aber: „Er wollte einfach nicht wahrhaben, dass er eine Auszeit braucht, dass er nach meiner Einschätzung kurz vor einem Burnout stand“, sagt die 40-Jährige im Gespräch mit dem Isar-Loisachboten/Geretsrieder Merkur.

Peter Schrenk ist tot: WhatsApp-Abschiedsnachricht an den Sohn

Die letzten zwei Wochen, bevor es zur Verzweiflungstat kam, „ging’s ihm wirklich sehr schlecht“. Peter Schrenk versprach seiner Frau jedoch ein ums andere Mal hoch und heilig, sich an einen Arzt beziehungsweise Therapeuten zu wenden. Wenige Tage vor der Tragödie „habe ich noch einmal lange mit meinem Mann gesprochen“, erinnert sich die 40-Jährige. „Ich habe ihm gesagt, dass seine Familie ihn braucht, dass seine Kinder ihn brauchen.“ Sie habe den Eindruck gehabt, das ihr Appell zu ihm durchgedrungen ist („es gab null Streit“) , dass er nicht länger versuchen würde, seinen emotionalen und körperlichen Erschöpfungszustand, seine wohl tief sitzenden Ängste allein in den Griff zu bekommen. „Ich hatte nach diesem Gespräch große Hoffnungen, keine Sekunde habe ich geahnt, in welcher akuten Ausnahmesituation mein Mann sich offenbar befunden hat. Sonst hätte ich doch ganz anders reagiert.“

Ich weiß, es klingt furchtbar, aber meine erste Reaktion war Wut. Ich war wütend, weil Peter mich und die Kinder im Stich gelassen hat.

Juliane Schrenk

Peter Schrenk ist tot: Familie vor enormer finanzieller Belastung

Doch bei dem 48-Jährigen kommt es mutmaßlich zu einer Kurzschlussreaktion. Peter Schrenk verlässt am Nachmittag des 22. Juni das Doppelhaus, in dem er und seine Familie zur Miete wohnen, mit seinem schwarzen Elektro-Bike. Als seine Ehefrau von der Arbeit nach Hause kommt, fehlt von dem 48-Jährigen jede Spur. Sein Handy und seine Geldbörse hat er zurückgelassen – in Juliane Schrenk keimt eine furchtbare Vermutung auf. Dann entdeckt sie auf dem Smartphone ihres elfjährigen Sohnes eine WhatsApp-Nachricht des Vaters: „Ich habe Dich lieb.“ In diesem Moment, so die 40-Jährige mit tränenerstickter Stimme, „habe ich gewusst, was er vorhat“. Sie gibt bei der Geretsrieder Polizei eine Vermisstenmeldung auf, nennt den Beamten Orte, an denen sie ihren Mann wähnt. Doch nach ihr unendlich erscheinenden drei Tagen hat sie traurige Gewissheit. Er lebt nicht mehr.

Nach Tod von Familienvater: Chaos von Gefühlen - „Meine erste Reaktion war Wut“

„Ich weiß, es klingt furchtbar“, sagt die 40-Jährige entschuldigend, „aber meine erste Reaktion war Wut. Ich war wütend, weil Peter mich und die Kinder im Stich gelassen hat.“ Zudem sucht die Witwe die Schuld bei sich. Seit dem Unglück „sind wir in Schockstarre“. Sie, ihr Sohn und ihre Tochter werden psychologisch betreut. „Ich rede viel mit meinen Kindern“, ihr Elfjähriger benötigt besondere Zuwendung. „Er versteht halt nicht, dass sein Papa nicht mehr da ist.“ Kaum einfacher ist die Situation für die 16-jährige Tochter.

Rückblickend „hätte ich vielleicht das eine oder andere anders machen sollen“. Doch sogar in den engsten Vertrauten, den Lebenspartner, „kann man letztlich nicht reinschauen“. Bei den ersten, selbst bei den nur leisesten Anzeichen einer Depression oder Symptomen einer ähnlichen Krankheit „braucht man externe, professionelle Unterstützung“, betont die Geretsriederin. „Unbedingt“ rät sie Betroffenen, die Hilfe von Experten anzunehmen – und nicht zu versuchen, sich alleine aus dem Dunkel wieder ins Licht zu retten.

Finanzielle Nöte nach Tod von Familienvater: Spendenaktion gestartet

In die Trauer mischen sich große finanzielle Sorgen. Das Guthaben auf dem Sparbuch reicht knapp für die Beerdigungskosten, noch steht nicht fest, ob die Lebensversicherung ihres Mannes ausgezahlt wird. Juliane Schrenks Einkommen ist annähernd so hoch wie die Miete für die Doppelhaushälfte. Das Familienauto hat sie in dieser Woche bereits verkauft, ihr Bruder stellt ihr leihweise seinen Pkw zur Verfügung. Wie sie und die Kinder die nächsten Wochen, vielleicht die nächsten Monate überbrücken sollen, bis die drei nach diesem Schicksalsschlag wieder einigermaßen Fuß gefasst haben, bis Juliane Schrenk eventuell ihre Arbeitszeit ausweiten kann, um mehr zu verdienen? „Derzeit ist mein Kopf einfach total leer, ich schraube alle Ausgaben auf das Nötigste zurück, im Moment bin ich auf die Solidarität meiner Familie und meiner Freunde angewiesen.“

Soforthilfe bot ihr auch die Handballspielvereinigung (HSG) Isar-Loisach an. Beide Schrenk-Kinder spielen bei der HSG, Mutter Juliane sprang stets ein, wenn im Verein eine tatkräftige Hand gebraucht wurde. „Sie hat immer mit angepackt, wenn Not am Mann war“, sagt HSG-Vorstandsmitglied Markus Goblirsch. „Jetzt braucht Juliane eine starke Schulter.“ (cce)

Spendenkonto: Zweckgebundene Spenden an Juliane Schrenk können mit dem Vermerk „Juliane“ auf das „Leser helfen helfen“-Spendenkonto von Isar-Loisachbote/Geretsrieder Merkur überwiesen werden. Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen, IBAN DE 34 7005 4306 0054 0054 00.

Hilfsangebote im Landkreis

Die Angebote des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Caritas in Geretsried richten sich an alle Bürger im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, die aufgrund der Folgen einer psychischen Problematik oder Erkrankung in ihrer momentanen Lebenssituation nicht mehr allein zurechtkommen. Die Caritas-Fachstelle bietet nach eigenen Angaben auch Beratung für Angehörige, Freunde, Kollegen und andere an, die sich um die psychische Gesundheit eines Menschen in ihrer Umgebung Sorgen machen. Kontakt: Sozialpsychiatrischer Dienst Geretsried, Graslitzer Straße 13, Telefon 0 81 71/98 30 50, E-Mail: spdi-geretsried@caritasmuenchen.de.

Hilfe und Beratung für Angehörige nach einem Suizidfall bietet zudem Heidi Rottach, Heilpraktikerin für Psychotherapie in Neufahrn (Gemeinde Egling). Telefon 01 71/2 47 62 68, E-Mail: info@therapie-rottach.de.

Rund um die Uhr ist ferner der Krisendienst Psychiatrie Oberbayern zu erreichen unter 0800 / 655 3000.

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