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25 Jahre Pfarrer in der evangelischen Gemeinde: „Geretsried ist Heimat geworden“

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Von: Susanne Weiß

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Vom Katholiken zum evangelischen Pfarrer: Georg Bücheler betreut seit 25 Jahren die Geretsrieder Kirchengemeinde mit.
Vom Katholiken zum evangelischen Pfarrer: Georg Bücheler betreut seit 25 Jahren die Geretsrieder Kirchengemeinde mit. © Sabine Hermsdorf-Hiss

Pfarrer Georg Bücheler arbeitet seit 25 Jahren für die evangelische Gemeinde in Geretsried. Dabei hatte er ursprünglich einen ganz anderen Plan.

Geretsried – Es ist ein durchaus besonderes Jubiläum: Georg Bücheler ist seit 25 Jahren evangelischer Pfarrer in Geretsried. 1997 kam der gebürtige Württemberger von Eichstätt in die Kirchengemeinde. Eigentlich will die Landeskirche, dass Geistliche etwa nach zehn Jahren weiterziehen. Im Interview erzählt der 62-Jährige, warum er bleiben durfte – und sehr froh darüber ist.

Herr Bücheler, seit 25 Jahren sind Sie Pfarrer in Geretsried. Ist das ein Grund zum Feiern für Sie?

Georg Bücheler: Ja. Ich habe zwar nicht sehr groß gefeiert, also nur mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Büro sowie dem Kirchenvorstand angestoßen. Aber natürlich ist es für mich eine Freude, dass es hier so gelungen ist, wie es gelungen ist. Eine so lange Zeit in einer Kirchengemeinde verbringen zu dürfen, ist ja schon ungewöhnlich.

Pfarrer Georg Bücheler wollte eigentlich nach Spanien auswandern

Etwa nach zehn Jahren sollten evangelische Pfarrer wechseln. Wie kam es, dass Sie das nicht machen mussten?

Georg Bücheler: Es waren ganz unterschiedliche Gründe. Als ich hergekommen bin, war ich schon darauf eingestellt, dass ich mich ungefähr in zehn Jahren woanders bewerben werde. Die Zeit wurde aber immer weiter verlängert. Mal waren es Vakanzen, die ich hier zu vertreten hatte, oder eines der drei Kinder stand kurz vor dem Abitur.

Sind Sie gerne geblieben?

Georg Bücheler: Ich hatte mich zwischendurch schon wegbeworben. Meine Vorstellung war, nach Spanien zu gehen, meine Frau hat spanische Wurzeln. Aber es hat nie gepasst und mich auch nie wirklich weggezogen. Der Kirchenvorstand wollte erfreulicherweise auch weiter mit mir arbeiten, das hat mich motiviert. Und über die Jahre ist so ein gutes Verhältnis zu den Geretsriedern entstanden. Allgemein wird ja die Entfremdung zwischen Kirche und Gemeinde immer größer. Umso wichtiger ist es, dass die Menschen einen Pfarrer haben, den sie kennen.

Es hat für Sie als Pfarrer also Vorteile, so lange eine Gemeinde betreuen zu dürfen?

Georg Bücheler: Ein großer Vorteil ist, dass man selbst in der ständigen Reflexion bleibt. Wie gelingt es mir, nach so vielen Jahren die Menschen noch anzusprechen oder für eine Sache zu begeistern?

Geretsried: Pfarrer Georg Bücheler ist seit 25 Jahren Pfarrer in der evangelischen Kirche

Wie kann das aktuell gelingen?

Georg Bücheler: Für mich geht es immer um die Beobachtung, was bewegt die Menschen im Alltag, und dann zu schauen, wie kann ich mich weiterbilden, um mit den Fragen der Menschen umzugehen.

Es ging kürzlich durch die Medien, dass erstmals Kirchenmitglieder in Deutschland in der Minderheit sind. Merken Sie das bei Ihrer Arbeit?

Georg Bücheler: Ich merke natürlich die große Zahl an Austritten. Als ich angefangen habe, waren wir in Geretsried mit über 5500 Gemeindegliedern die größte Kirchengemeinde im Dekanat. Heute sind wir noch circa 4500. Manche Menschen treten gewiss aus, weil Enttäuschungen durch Missbrauch oder den Umgang mit Geldern passieren. Aber meine Beobachtung ist, dass viele Menschen, die austreten, nicht sagen, ich kann mit dieser Institution nichts mehr anfangen. Es hängt oft mit der jeweiligen Lebensphase zusammen. Das kenne ich von mir selbst. Ich bin auch mal ausgetreten.

Wie kam das?

Georg Bücheler: Ich bin in einem sehr katholischen Elternhaus aufgewachsen und habe einen Teil meiner Kinder- und Jugendzeit in einer Klosterschule verbracht. Es war eine Missionsschule, in der klar war, dass die Kinder und Jugendlichen Theologie studieren werden. Damit habe ich auch angefangen. Kurz vor dem Abschluss habe ich aber entschieden, dass ich einen völlig anderen Weg gehen möchte und bin ausgetreten.

Über die Psychiatrie-Pflege kam Pfarrer Georg Bücheler zurück zur Kirche

Wie ging es für Sie weiter?

Georg Bücheler: Über den Zivildienst bin ich in der Psychiatrie-Pflege gelandet. Bei meiner Arbeit habe ich gemerkt, dass ich die starken Wurzeln meiner Kindheit dort nutzen kann. Ich wollte zuerst Medizin studieren, bin dann aber in die evangelische Kirche eingetreten und habe das Studium der evangelischen Theologie aufgenommen. Ich wollte aber nie in der Gemeinde arbeiten, sondern in der Psychiatrie als Klinikseelsorger. Im Laufe meines Studiums entschied ich mich aber doch für die Gemeindearbeit, um hier die Menschen in ihrem Lebensalltag zu begleiten. In diesem Zusammenhang bin ich sehr dankbar, dass es mir möglich war, Zusatzausbildungen für die Trauma-Arbeit, Paar- und Familienmediation zu machen.

Pfarrer zu sein ist mehr Berufung als Beruf: Bei Ihnen trifft das absolut zu, oder?

Georg Bücheler: Ich bin einfach in meinen Beruf reingewachsen. Auch wenn ich es nicht so geplant habe, ist es gut, dass ich jetzt da bin, wo ich bin. Das macht mich sehr zufrieden.

Sie haben beide Kirchen sehr genau kennengelernt. Sind sie weit voneinander entfernt?

Georg Bücheler: Für mich war es nie der Gedanke, dass ich von der schlechteren zur besseren Kirche gegangen bin. Ich habe für mich meinen Weg in der Kirche gesucht und diesen gefunden. Auf Gemeindeebene sind wir im Grunde genommen ganz, ganz nah beieinander.

Als katholischer Pfarrer sähe ihr Leben heute allerdings ganz anders aus.

Georg Bücheler: Sicher. Heiraten zu dürfen hat bei meiner Entscheidung damals natürlich eine Rolle gespielt. Ich habe meine Frau während des Studiums kennengelernt. Gerade in diesem Beruf finde ich es wichtig, einen Partner, eine Partnerin zu haben, um sich auszutauschen. Wobei ich auch zu trennen weiß zwischen Partnerschaft und Beruf. Ich bin dankbar, dass ich Familie habe. Meine drei Kinder waren für mich immer ein deutlicher Spiegel meiner Arbeit. Sie haben im Gottesdienst sehr genau zugehört, was ich sage und wie das mit meinem Alltag zu Hause zusammenpasst.

Noch einmal zurück zu den Kirchenaustritten. Die Zahl der Gemeindeglieder in Geretsried ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Wie ist das für Sie?

Georg Bücheler: In meiner Arbeit hat mich das nie betrübt. Eher motiviert, zu schauen, wo können wir die Menschen ansprechen. Nicht nur in der Kirche, wohin natürlich immer alle eingeladen sind. Aber für mich war von Anfang an wichtig, zu den Menschen zu gehen. Ich wehre mich gegen die Ansicht mancher, wir werden uns gesund schrumpfen. Ich möchte, dass wir als Kirche weiterhin für alle Menschen da sind.

„Möchte die Menschen darin begleiten, für ihre Fragen eine Antwort zu finden“

Wofür braucht man heutzutage noch Kirche?

Georg Bücheler: In der Konfirmandenarbeit oder auch im Religionsunterricht in der Grundschule werde ich oft gefragt, warum ich an Gott glaube, warum ich Pfarrer geworden bin oder was mir die Kirche bringt. Für mich kann Glauben eine Hilfestellung sein. Wir alle fragen uns nach dem Sinn, warum bin ich da, warum ist meine Situation, wie sie ist. Heutzutage gibt es sicher mehr Angebote und Antworten für diese Suche. Kirche ist eins davon, sie kann eine Antwort geben.

Sie sind Senior-Pfarrer im Dekanat, also Begleiter für ihre Kollegen gegenüber den Dienstvorgesetzten, Vertrauenspfarrer, wenn man so will. Was geben Sie Ihren Kollegen mit auf den Weg?

Georg Bücheler: Hier gilt für mich, was auch auf Glaubensfragen der Menschen oder die Mediation zutrifft. Ich möchte keinen guten Rat geben. Dafür möchte ich aber Menschen darin begleiten, für ihre Fragen eine Antwort zu finden.

Sie sind jetzt 62. Der Ruhestand rückt näher. Werden Sie ihn in Geretsried antreten und verbringen?

Georg Bücheler: Ab einem gewissen Alter kann man nicht mehr versetzt werden. Also ganz klar: Ich werde hierbleiben. Den Ruhestand sollte man dann eigentlich nicht an dem Ort verbringen, an dem man gearbeitet hat, um dem Nachfolger nicht in die Quere zu kommen. Aber für mich ist Geretsried und Umgebung Heimat geworden. Hier sind meine Freunde, die Freunde meiner Frau und meiner Familie. Ich werde hier ganz normaler Bürger werden, mir eine Wohnung suchen, sofern wir eine finden und in der Gegend wohnen bleiben.

Susanne Weiß

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