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Drei dicke Bücher konnte Rainer Anton (li.) mit den Briefen seiner Mutter und seines Vaters füllen. 

Treffpunkt Wendeltreppe

So war das letzte Kriegsjahr: Rainer Anton erzählt die Geschichte seiner Familie

Nach dem Tod seiner Mutter hat Rainer Anton (76) unzählige Briefe gefunden. Briefe, in denen sein Vater das letzte Kriegsjahr als Soldat an der Front schildert.

Geretsried – Anfangs zieht Hans-Eberhard Anton zuversichtlich und stolz in den Krieg. Wenige Monate später ist er ernüchtert und hoffnungslos. Das geht aus dem Briefwechsel zwischen dem Familienvater, seiner Ehefrau und seinem Bruder hervor. Die Zeilen dokumentieren das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs – aus der Sicht des Vaters von Rainer Anton.

Der Geretsrieder hat die unzähligen Briefe 1995 gefunden. Damals zog seine Mutter in ein Altersheim. „Nach ihrem Tod vier Jahre später beschäftigte ich mich eingehend mit diesem Lebensabschnitt meiner Eltern, über den sie die Jahrzehnte danach kaum ein Wort verloren hatten“, berichtet Anton beim Treffpunkt Wendeltreppe im evangelischen Gemeindezentrum. Auf dem Tisch neben ihm liegen drei dicke Bücher, die die abgetippten Briefwechsel enthalten und etliche Klarsichtfolien mit originalen Schriftstücken und Dokumenten.

Der Vater meldet sich freiwillig zum Militär

Rainer Antons Vater, von der Mutter im Schriftwechsel liebevoll Moppel genannt, meldete sich ein Jahr vor Kriegsende freiwillig zum Militär. „Uns Kindern und seinen anderen Angehörigen hat er lange verschwiegen, dass er aus eigenem Antrieb gegangen ist“, erzählt Anton. Der damals 45-Jährige habe sich dadurch eine bessere Behandlung und die freie Wahl seines Standorts ausgerechnet. Seine Frau und die gemeinsamen vier Kinder hielten sich in diesem Zeitraum in Schweizerthal bei Chemnitz auf. Die erste Nachricht des Vaters zeichnet ein unaufgeregtes Bild vom Soldatenleben. Er fühle sich wohl und werde gut behandelt. Schon wenige Wochen später kippt die Stimmung. „Hoffentlich geht diese ganze Scheiße bald zu Ende“, heißt es in einem Brief am 19. September 1944. Für einen Soldaten müsse man 25 Jahre jünger und unverheiratet sein.

Sein Bruder, ein General, freut sich über die Rückkehr des Familienvaters zum Soldatentum. Als dessen eigener Sohn an der Front durch einen Granatensplitter ins Herz stirbt, empfindet er dies als „wahrlich schönen Soldatentod“. Als aufbauend beschreibt er seine Totenrede: „Es geht nicht um das Schicksal eines Vaters, sondern um das Schicksal des Volkes.“

Im Jahr 2003 machte sich Rainer Anton mit seiner Frau auf die Suche nach dem Grab seines Vetters. Zwischen den 30 000 Soldatengräbern des Friedhofs wurden sie schließlich fündig. „Es war eine Erfahrung, um zu verstehen, was diese Anzahl an Gräbern bedeutet“, sagt der 76-Jährige.

300 Kilometer zu Fuß

Anfang des Jahres 1945 muss sich sein Vater auf den Weg nach Rathenow machen, 300 Kilometer zu Fuß. Seine Mutter weiß zu dieser Zeit oft nicht, wo sich ihr Mann befindet. „Das Militär wollte die Männer beschäftigt halten, im Grunde genommen hatte man keine Verwendung für sie“, erklärt der Geretsrieder. Seine Mutter versucht optimistisch zu bleiben, die Abwesenheit des Vaters zu kompensieren und die Familie zusammenzuhalten. Als die Lebensmittel immer knapper werden, bittet ihr Mann sie eindringlich, auch an sich selbst zu denken, und nicht immer zugunsten der Söhne zu verzichten.

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Die immer wiederkehrende Hoffnung auf eine Wende an den schwächelnden Fronten erfüllt sich nicht. Für den 45-Jährigen endet der Krieg in Grafenwiesen. Die Familie zieht zurück nach Berlin und wird wieder auseinandergerissen. Das Familienoberhaupt kommt in russische Gefangenschaft. Als ihn die Ruhr überfällt, darf er nach Hause. Über das Erlebte verliert er Zeit seines Lebens kein Wort.

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„Die Briefe zeigen die Ahnungslosigkeit vieler Deutscher, die während der Zeit des Nationalsozialismus geherrscht hat“, antwortet Rainer Anton auf die ungläubigen Fragen aus den Zuschauerreihen. Kriegsverlauf und Siegeschancen seien durch zensierte Nachrichten völlig verzerrt bei den Bürgern angekommen.

Leonora Mitreuter

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