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Auf großes Interesse stieß der Vortrag der Penzbergerin Gönul Yerli über die Rolle der Frau im Islam.

Religionspädagogin Gönul Yerli

Es gibt nicht „die“ muslimische Frau

Geretsried - Die Rolle der Frau im Islam beleuchtete die Religionspädagogin Gönül Yerli beim Treffpunkt Wendeltreppe der evangelischen Kirchengemeinde. Die Rolle befindet sich im Wandel, könnte man ihren Vortrag zusammenfassen.

Gönül Yerli ist nicht nur muslimische Religionspädagogin und eine Art Seelsorgerin für die Frauen, die in die Moschee kommen, sondern auch Vizedirektorin des Islamforums in Penzberg. Das allein zeigt für die gebürtige Türkin, die als Vierjährige mit ihren Eltern nach Deutschland kam, dass sich das Bild der muslimischen Frau in den vergangenen Jahren stark gewandelt hat. Ihrer Meinung nach dauert dieser Prozess an. Der Islam sei 700 Jahre jünger als das Christentum. Auch in der Bibel würden sich frauenfeindliche Zitate finden. Noch vor 300 Jahren seien Frauen hierzulande verfolgt worden, sagte Yerli.

Ein Problem bei der Emanzipation der muslimischen Frau seien falsche Übersetzungen und Fehldeutungen des Koran. Vor allem Sure 4 befasse sich mit der Rolle der Frau. Tatsächlich stehe dort, Männer sollten ihre Frauen schlagen. Yerli vertritt wie der bekannte Penzberger Imam Benjamin Idriz die Auffassung, das arabische Wort „darabe“ für schlagen müsse mit „sich trennen“ oder „vorübergehend weggehen“ übersetzt werden. Denn an sehr viel mehr Stellen spreche sich der Koran für Zuneigung, Barmherzigkeit und Achtung gegenüber der Frau aus.

Auch viele Hadithe – Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed – würden dies bestätigen. Einer davon laute: „Der Beste unter euch ist derjenige, der seine Frau gut behandelt.“ Interpretationssache sind für Yerli auch die Aussagen zur Zwangsehe, zum Betretungsverbot von Moscheen durch Frauen, zu Kleidervorschriften und zur Polygamie. Der Koran rate den Männern, sich drei oder vier Frauen zu nehmen, warne aber gleichzeitig: „Wenn ihr sie nicht alle gerecht behandeln könnt, nehmt nur eine.“

Die Referentin erinnerte daran, dass es zur Entstehungszeit des Koran im siebten Jahrhundert nach Christus viele Witwen und Waisen gegeben habe, derer sich die Männer eben angenommen hätten. Die unterschiedlichen Formen der Verschleierung beruhten auf dem Grundsatz, dass eine Frau ihre Reize nicht zur Schau tragen solle. Bei strenger Auslegung betreffe dies das gesamte Gesicht.

Wie in anderen Religionen auch seien im Islam Bildung, Herkunft und Traditionen entscheidend für die Rolle der Frau. Yerli erzählte von einer Verwandten in Zentralanatolien, für die es selbstverständlich sei, Kinder, Eltern und Schwiegereltern zu versorgen, da es weder Altenheime noch Krippen gebe. Von den 1,3 Milliarden Muslimen weltweit seien 40 Prozent Analphabeten, darunter vor allem Frauen in armen Ländern. Doch diese Frauen seien dort „die Sozialversicherung“.

Es sei bedauerlich, so die 39-jährige Mutter dreier Kinder, dass etwa in Somalia muslimische Mädchen beschnitten würden. Es sei für westliche Verhältnisse unverständlich, dass die weibliche Bevölkerung in Saudi-Arabien nicht Autofahren dürfe. Doch man könne ebenso wenig von „der muslimischen Frau“ sprechen wie von „der hinduistischen“ oder „der christlichen Frau“. In Istanbul etwa sei das Bild der Frau ein ganz anderes. Sinnvoll wäre es nach Meinung der Referentin, den Koran mit seinen vielen Deutungsmöglichkeiten „ins 21. Jahrhundert zu holen“. Die heilige Schrift müsse sich „öffnen für unsere Zeit“.

Die Zuhörer, unter ihnen einige ehrenamtliche Asylbewerberhelfer, stellten Fragen wie die, warum muslimische Frauen Männern nicht die Hand geben würden. Yerli warb um Verständnis und Geduld. Ihre Mutter, die sich derzeit im Krankenhaus befinde, habe diese Regel immer befolgt. „Heute küsst und umarmt sie ständig ihre Ärzte“, beendete Yerli ihren interessanten Vortrag mit einem erheiternden Beispiel.

tal

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