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Der Stolz von Gelting: Franz Wirtensohn mit alten Fotos vor dem restaurierten Maulhof gegenüber der Kirche.

„Das Grünwald Geretsrieds“

Rundgang mit dem „heimlichen Bürgermeister“ zeigt, wie sich Gelting verändert hat

Vor 40 Jahren wurde Gelting in die Stadt Geretsried eingemeindet. Seitdem hat das Dorf sein Gesicht stark verändert – größtenteils zum Guten, wie Franz Wirtensohn findet. Ein Rundgang durch den Ortskern.

Gelting – Der „heimliche Bürgermeister von Gelting“ wird Wirtensohn gerne genannt. Seit 22 Jahren setzt sich der 64-jährige Landwirt im Geretsrieder Stadtrat dafür ein, dass seine Heimat ihren dörflichen Charme behält. Als sein Urgroßvater, der aus Oberstaufen stammte, sich in Gelting niederließ, lebten im Ort noch 36 Rechtler (Eigentümer von Nutzungsrechten für Wald und Weiden), davon 20 Viehbesitzer, wie aus einem Brief an das Königliche Staatsministerium des Innern vom Mai 1913 hervorgeht. Die Bauern erbaten damals einen Zuschuss für die Pacht einer Jungviehweide von 12,6 Tagwerk (rund 37 Hektar) Fläche am Ortsrand.

Im Laufe der Jahre gaben viele Landwirte ihre Betriebe auf oder bauten außerhalb neue Ställe. Nur drei sind bis heute im Dorf geblieben: der Hack, der Schelle und der Wirtensohn (Hans). Die ehemaligen Hofanger im Zentrum wurden größtenteils mit Wohnungen bebaut. Zwischen 1946 und 1954 entstand zudem die Siedlung an der Ringstraße, die bis 1959 erweitert wurde.

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Mit dem Rückgang der Landwirtschaft hat sich das Ortsbild geändert. Auf den Wegen, auf denen früher Kühe von und zu den Weiden getrieben wurden, fahren heute immer mehr Autos. Deutlich sichtbar wird der Wandel am jüngsten Beispiel, dem „Bay-Hof“. Die letzten Eigentümer sind mit ihrer Hofmolkerei an die Herrnhauser Straße ausgesiedelt. Direkt am alten Standort an der Buchberger Straße steht noch das vermietete Bauernhaus. Daneben eine Baugrube, wo an Stelle der Scheune, die zum „Genser“ gehörte, demnächst Wohnhäuser aufragen werden. Im hinteren Grundstücksteil sind bereits drei neue Häuser bezogen. Hübsche, ländliche Gebäude, halb mit Holz verkleidet, mit Satteldächern und relativ großen Gärten. „Das ist zeitgemäß und passt trotzdem hier rein“, findet Wirtensohn. Angesichts der begehrten Lage und der Preise bezeichnet er Gelting scherzhaft als „das Grünwald von Geretsried“.

Der ehemalige Rank-Hof früher... 

Der Bebauungsplan Ortsmitte hat sich in diesem Fall bewährt. Der Plan, der die Wolfratshauser Straße, die Straße Am Haken und einen Teil der Buchberger Straße umfasst, wurde 2016 vom Stadtrat aufgestellt, um den ländlichen Charakter des Stadtteils zu bewahren. Besonders gut gelungen ist dies schon zuvor mit der Anlage des Dorfplatzes.

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Die Idee ging auf Wirtensohn und den damaligen Bürgermeister Hans Schmid zurück. Die beiden boten der Eigentümerin des „Moar“-Anwesens, das bis an die Wolfratshauser Straße reichte, einen Tausch an: Sie dürfe im hinteren Bereich auf der bis dato freien Wiese bauen, wenn sie der Stadt den vorderen Bereich für einen Dorfplatz verkaufe. Ein Glücksfall war es, dass in dem neu errichteten Wohn- und Geschäftshaus, ebenfalls auf Wirtensohns Betreiben hin, 2008 der genossenschaftlich geführte Dorfladen einzog. Der moderne Tante-Emma-Laden mit zusätzlichem Spezialitätensortiment hat sich nach ein paar Startschwierigkeiten zum absoluten Erfolgsmodell gemausert, auf das die Gründer im Jubiläumsjahr zu Recht stolz sind.

...und die neue Bebauung des Rank-Hofs.

Das Schatzkästchen Geltings mit dem Dorfplatz, der renovierten Kirche St. Benedikt, der historischen Schmiede, dem wieder eröffneten Alten Wirth und dem Maibaum ist seit Kurzem um ein weiteres Schmuckstück reicher. Wie berichtet hat ein junges Ehepaar das zuvor über 40 Jahren leer gestandene, denkmalgeschützte Kleingütler-Anwesen Maulhof schräg gegenüber der Kirche restauriert und bezogen. Gewöhnungsbedürftig sind für Wirtensohn nur die Fenster im Obergeschoss, die man, den früheren Bretterverschlag nachahmend, mit Längsbalken durchzogen hat.

Ähnlich schön wie der Maulhof wurde die ehemalige Gemeindeverwaltung an der Wolfratshauser Straße schon kurz nach der Eingemeindung hergerichtet und instand gehalten. Die Stadt hat das Gebäude in Erbpacht vergeben. Doch Franz Wirtensohn weist auch auf verlassene, alte Häuschen entlang der Ortsdurchfahrtsstraße hin, die keine Glanzlichter darstellen. Viele von ihnen tragen Schilder mit den ursprünglichen Hofnamen, wie der „Hois“ oder der „Scheifler“. Wirtensohn hat die Taferln zusammen mit Hans Graf senior vor etwa 15 Jahren anfertigen lassen.

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Eine „echte Bausünde“ – so empfindet es nicht nur der CSU-Stadtrat – sind die Garagen der Reihenhäuser neben dem Feuerwehrwehrhaus. Sie sind direkt an die Straße geklotzt, was das Landratsamt als übergeordnete Behörde seinerzeit genehmigt hatte. „Eine Garage zählt für mich wie ein Schuppen. Früher hätte man den irgendwo versteckt und stattdessen sein Haus mit dem First zur Straße hin präsentiert“, sagt der Alt-Geltinger. Aus diesem Fehler habe man gelernt, dass man mehr Bebauungspläne brauche. Zum Feuerwehrhaus meint Wirtensohn, eine Auslagerung Richtung Sportplatz, näher ans Gewerbegebiet und die künftige S7-Haltestation, wäre sinnvoll: „Dafür müsste die Stadt aber erst den Grund haben. So weit sind wir noch nicht.“

Erhalten geblieben: das Bauernhaus der ausgesiedelten Hofmolkerei Bay.

Ausdehnungsmöglichkeiten hat Gelting laut Rahmenplan eigentlich kaum mehr, außer entlang der Pfaffenried Straße. Bürgermeister Michael Müller sagte im Frühjahr bei seiner Bürgersprechstunde mit dem Titel „Dialog direkt“ auf dem Dorfplatz, er wolle eine Art Wagenburg aus Bäumen und Grünflächen im Halbkreis um den nordöstlichen Teil des Dorfs errichten, als Lärmschutz, wenn die S-Bahn einmal fährt, und als Schutz vor weiterer Bebauung. Einheimische und Zuziehende sollen durch Nachverdichtung, also durch den Bau von Häusern mit mehr Wohneinheiten an Stelle alter, abgerissener Einfamilienhäuser, Wohnraum finden.

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Wirtensohn weist darauf hin, dass sein Heimatdorf in den vergangenen 20 Jahren sehr langsam und organisch gewachsen sei. Vor der Eingemeindung 1978 habe es 1700 Einwohner gezählt, heute seien es 1800. „Ich bin froh, dass sich die Bürger damals mit 64 Prozent der Stimmen für die Zugehörigkeit zu Geretsried entschieden haben“, sagt er. Zur Wahl hätten noch die Eingemeindung in Wolfratshausen oder eine Verwaltungsgemeinschaft mit Eurasburg gestanden. Die Neubürger würden sich sehr gut in die Dorfgemeinschaft integrieren, lobt der 64-Jährige. Sie unterstützten „ihren“ Dorfladen durch regelmäßige Einkäufe und Café-Besuche, die Jungen brächten sich im Burschenverein und bei der Feuerwehr ein. Gegen Veränderung ist also nichts einzuwenden, so lange beides behutsam, mit Rücksicht auf Bestehendes, geschieht.

Tanja Lühr

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