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Mit Live-Streams die Krise überbrücken: Beinahe jedes Wochenende spielen Musiker aus dem Geltinger Hinterhalt mittels Videotechnik in die Welt hinaus. 

Livestreams fanden jede Menge Zuschauer

So originell hat der Hinterhalt die Corona-Krise bewältigt

  • Susanne Weiss
    vonSusanne Weiss
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Die Coronakrise hat Kulturschaffende vor eine gewaltige Herausforderung gestellt. Der Hinterhalt hat sie mit Bravour gemeistert - mit Livestreams. 

Gelting – Die Corona-Pandemie hat den Veranstaltungskalender 2020 einmal auf den Kopf gedreht, sodass alle Termine herauspurzelten. Doch aus Gelting gab es Widerstand. In der Kulturbühne Hinterhalt entstand trotz oder dank der Krise ein ganz neues Programm. Seit Anfang April werden nahezu jedes Wochenende Lesungen und Konzerte via Live-Stream in kulturinteressierte Haushalte übertragen. Das Angebot dürfte in dieser Form im Umkreis einmalig sein.

„Wir sind die Kulturhochburg im Landkreis“, stellt Betreiberin Assunta Tammelleo fest. Mit „Kolossus Däächt“ kam jüngst eine Punk-Band aus Regensburg nach Gelting. Am Freitag, 19. Juni, tritt Silke Aichhorn auf, die für ihre kabarettistische Lesung mit Musik extra vom Chiemsee anreist. Sogar die Größen Christian Springer (Freitag, 7. August) und Konstantin Wecker (Mittwoch, 19. August) haben sich angekündigt. „Das hätte ich nie zu träumen gewagt“, sagt Tammelleo.

Dass die Live-Streams aus dem Hinterhalt solche Kreise ziehen, führt die Hinterhalt-Wirtin vor allem auf die technische Qualität zurück. Inzwischen wird mit drei Kameras gefilmt. „Möglich ist das nur, weil drei sagenhafte Jungs das ehrenamtlich machen“, erklärt Tammelleo. Ihre „Technikengel“ sind Thorsten Thane aus Wolfratshausen (Kamera), Hendrik Noeller aus München, vormals Gelting (Ton und Licht) und Marius Hammerschmied aus Geretsried (Ton und Licht).

Zudem lege Daniel Schüssler von der Firma Infoteq, die über dem Hinterhalt beheimatet ist, jedes Mal eine Leitung aus seinem Bürofenster zum Bühneneingang. „Sonst könnten wir nicht senden.“ Auch andere regionale Firmen, Privatleute und Mitglieder des Kulturvereins Isar-Loisach (KIL) unterstützen die Live-Streams. Tammelleo weiß diesen Zusammenhalt zu schätzen. „Die Lage ist ernst, aber im Rahmen der Möglichkeiten sind wir Glückspilze.“

Die Zuschauer honorieren den Aufwand, der im Hinterhalt betrieben wird. Während die Künstler dort auftreten, als würden sie vor großem Publikum spielen, obwohl ihnen nur Kameras und die „Technikengel“ gegenüber stehen, sitzen jedes Mal rund 100 Zuschauer vor ihren Laptops oder Smartphones. „Ich bekomme die Rückmeldung, dass es schon Spaß macht, daheim bei einem Glas Wein zuzuschauen“, so Tammelleo. Auch nach dem Konzert oder der Lesung bleiben die Live-Streams auf Youtube verfügbar, sodass manche Videos inzwischen über 1000 Aufrufe haben. Spitzenreiter ist der Gedenkabend „Tribute to Oskar“ mit rund 2200 Zuschauern.

Lesen Sie auch: Hinterhalt: Das Aus ist abgewendet

Statt Eintrittsgeld für die virtuellen Kulturveranstaltungen zu verlangen, bittet die Kulturbühne um Spenden. „Das läuft besser als erwartet“, berichtet Tammelleo. Bei „Tribute to Oskar“ wurde für die Beerdigungskosten des Blues-Schlagzeuger Oskar Pöhnl gesammelt. 2600 Euro seien schon eingegangen. „Das ist einfach nur schön.“ Bei den anderen Konzerten werde das Geld zwischen Künstlern und Technikern geteilt. Da hänge die Spendenbereitschaft vom Bekanntheitsgrad der Künstler ab, aber bisher sie immer mehr als gedacht eingegangen. „Das zeigt den Künstlern, dass wir sie nicht vergessen.“

Den vierstelligen Betrag, der jeden Monat für den Betrieb der Kulturbühne anfällt – ob mit oder ohne Veranstaltungen –, könne sie noch stemmen, sagt Tammelleo. „Mal schauen, wie lange noch.“ Doch sie sei froh, dass der Hinterhalt sinnvoll genutzt wird.

Lesen Sie auch: So lief der erste Livestream aus dem Hinterhalt

Ab kommendem Montag, 15. Juni, sind Kulturveranstaltungen unter Einhaltung der Abstandsregeln mit 50 Menschen innen oder 100 Menschen unter freiem Himmel wieder erlaubt. „Ein normaler Spielbetrieb ist unter den Umständen nicht möglich“, sagt Tammelleo. Nur ein paar Eintrittskarten könne sie dann verkaufen. Sie will die Live-Streams daher weiterhin anbieten. Vielleicht lasse sich auch das eine oder andere Platzkonzert organisieren. „Irgendwie wird es vorbeigehen. Auch wenn der Blick in die Zukunft mutlos machen kann – wir sitzen hier nicht wie das Kaninchen vor der Schlange.“

Termine

Die nächsten Live-Streams: Familie Vollmer and special guests (12. Juni), Silke Aichhorn (19. Juni), Caro Roth Duo (26. Juni), Ecco DiLorenzo an his Innersoul (10. Juli), Claus-Peter Lieckfeld (24. Juli), Christian Springer (7. August) und Konstantin Wecker mit Sarah, Tamara und Miriam (19. August).

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