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„Hier haben wir gewohnt“: Unter den Namenslisten der Vertriebenen aus Graslitz hängt in der Ausstellung ein Foto des Lagers Buchberg auf der heutigen Böhmwiese.

Jedes Stück erzählt eine Geschichte

Die Schätze aus der alten Heimat der Vertriebenen

Geretsried – Eine Ausstellung im Museum zeigt Schätze aus der alten Heimat der Vertriebenen in Geretsried. Wir haben einen Rundgang gemacht.

Bilder: Schätze aus der alten Heimat der Vertriebenen

Auf den ersten Blick erscheinen die Exponate unspektakulär: ein Kartoffel-Reibeisen aus Messing, ein besticktes Kissen, ein Taufbüchlein, hübsch bemaltes Porzellangeschirr. Doch die in einer von Werner Sebb konzipierten Sonderausstellung im Stadtmuseum gezeigten Gegenstände sind die letzte materielle Verbindung zur alten Heimat.

60 Kilogramm Fluchtgepäck durfte jeder Heimatvertriebene mitnehmen. Die Familie von Wenzel Hoffmann – vier Personen, angekommen mit dem dritten Transport, Waggon Nummer acht – entschied sich unter anderem für praktische Küchengeräte wie einen Knödel-Schöpfseiher und eine Liwanzenpfanne. „Die Sachen sorgen heute leider oft für Unverständnis und Spott. Hier erhalten sie eine Aufwertung“, sagte Geretsrieds Kulturamtsleiterin Anita Zwicknagl bei der Ausstellungseröffnung am Donnerstagabend im Rahmen der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Ankunft der Graslitzer im Lager Buchberg.

Für die Eigentümer und deren Nachfahren besitze das Gerettete einen hohen persönlichen Stellenwert, so Zwicknagl. Sie spürten die Verpflichtung, es zu bewahren. Denn zu jeder Tasse, jedem Teller gebe es eine Familiengeschichte. So etwa zum Taufbüchlein von Anna Riedl. „Meine Mutter hat es von ihrer Tante bekommen und stets wie ihren Augapfel gehütet“, erzählt die Tochter Anneliese Zelfel.

Die Madonnenbüste aus Porzellan, die in einer anderen Vitrine steht, ist eine Leihgabe von Ingeborg Wanner. Die 73-Jährige hat die Figur von ihrer Mutter geerbt, die das zerbrechliche Hochzeitsgeschenk unversehrt von Graslitz bis nach Geretsried brachte. „An Fronleichnam bauten wir die Madonna immer auf einem kleinen Altar auf“, erinnert sich Wanner, die ihre Kindheit bis 1949 im Barackenlager auf der Böhmwiese verbrachte.

Margarete Schumacher weiß eine andere Geschichte zu erzählen: Sie schaffte es als kleines Mädchen, einen Teddybären vor den Tschechen in Sicherheit zu bringen: „Als sie ihn mir wegnehmen wollten, habe ich so geplärrt, dass ich ihn behalten durfte.“ Schumacher ließ das geliebte Stofftier restaurieren. Es hat noch heute einen Ehrenplatz im Schlafzimmer. Da die Tachauerin erst am 29. Juni mit einem weiteren Transport in Geretsried ankam, gehört der Teddy nicht zu den Ausstellungsstücken.

Auf besonders reges Interesse stießen bei den Museumsbesuchern die von Werner Sebb im Internet entdeckten Namenslisten der Vertriebenen aus Graslitz. In eineinhalbjähriger, mühevoller Kleinarbeit hat der Hobbyhistoriker aus rund 20 000 Namen die der rund 600 in Geretsried eingetroffenen Graslitzer herausgesucht. Auch diese, äußerlich unscheinbaren Ausdrucke, sind für die noch Lebenden und ihre Nachkommen ein Erinnerungsschatz.

von Tanja Lühr

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