Fallzahlen steigen 

Streetworker in Geretsried: „In dieser Welt ist nicht alles in Ordnung“

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Es wird wärmer, und für Streetworker Michael Mock fängt die Arbeit auf der Straße wieder an. Zeit für einen Rückblick auf das vergangene Jahr: Der gesellschaftliche Wandel macht auch vor Geretsried keinen Halt. Die Fallzahlen sind gestiegen.

Geretsried – Die langen Haare sind sein Markenzeichen. Sie sind für Michael Mock fast so wichtig wie das Auto, mit dem er zu den Treffpunkten der Jugendlichen in der Stadt fährt. Sein Zopf fällt auf – und öffnet Türen. Da sagen Mädchen so etwas wie: „Du hast aber lange Haare. Fast so wie ich.“ Das Eis ist gebrochen. Irgendwann kommt das Gespräch auf die Schule, die Eltern oder was die Heranwachsenden sonst noch beschäftigt. Beziehungsarbeit nennt dies Mock, der 24 Wochenstunden in der Mobilen Jugendarbeit des Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit tätig ist. So entwickelt er ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Cliquen im Stadtgebiet. Das steht für Mock an erster Stelle. „Damit sie jemanden haben, der für sie da ist“, sagt er.

Der Streetworker arbeitet seit fünf Jahren in Geretsried. Im vergangenen Jahr sind die Fallzahlen stark angestiegen: Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, kleinere Straftaten, Zunahme psychischer Erkrankungen. Eine entsprechende Statistik gibt es zwar nicht, Mock kann das aber mithilfe seiner Erfahrungswerte einschätzen. Er habe im vergangenen Jahr mehr Jugendliche an Hilfsmaßnahmen weitergeleitet als bisher. 

Michael Mock FachbereichsleiterMobile Jugendarbeit

Die steigenden Zahlen betreffen Geretsried nicht alleine, sagt Mock. „Es ist ein weltweites Phänomen.“ Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigen fast 25 Prozent der Heranwachsenden psychische Auffälligkeiten. Mit einher gehe häufig Drogenkonsum. „Das macht deutlich: In dieser Welt ist nicht alles in Ordnung“, so Mock. Den Jugendlichen mache zu schaffen, wenn die Familie nicht intakt ist oder die Eltern am Existenzminimum leben. Viele schauen nicht vom Smartphone auf, weil sie Angst haben, etwas zu verpassen. „Sie sind gut vernetzt, aber doch einsam.“ Der Streetworker fragt deshalb oft: „Daheim alles gut? Wann hast du deinen Papa das letzte Mal gesehen? Wie geht’s der Mama?“ Viele der jungen Geretsrieder könnten mit ihm reden. Sie wüssten, dass er sie nicht verpfeift, aber Hilfe anbietet – „ob derjenige es annimmt oder nicht“.

Ein Beispiel: Mock trifft im Sommer immer wieder einen Jugendlichen an der Isar. Manchmal ist dieser so betrunken, dass er bewusstlos wird. „Ich komme dann mit ihm ins Gespräch und wir reflektieren sein Verhalten.“ Wichtig sei herauszufinden, warum er trinkt. Mock bietet den Kontakt zur Jugendsuchtberatung an, auch das Selbstkontrolltraining, der sogenannte Skoll-Kurs, sei eine gute Option. Dort findet der Jugendliche heraus, ob er eine Langzeittherapie braucht oder ob er in einer einmaligen Lebenskrise steckt. Parallel nimmt Mock Kontakt zum zuständigen Jugendsozialarbeiter auf. „Wir haben eine tolle Netzwerkzusammenarbeit im Landkreis“, lobt der Streetworker.

Cliquen-Treffs verlagern sich 

Den Winter hat Mock nur in reduzierter Form draußen auf der Straße verbracht – auch die Jugendlichen ziehen sich in der Zeit zurück. „Viele Kontakte konnte ich aber im Jugendzentrum pflegen“, sagt er. Jetzt geht die Saison wieder los. Die Treffpunkte haben sich in den vergangenen Jahren teilweise verlagert. „Der Pavillon vor dem Jugendzentrum ist weg. Auch auf der Böhmwiese ist es ruhiger geworden, weil die Polizei dort verstärkt im Einsatz ist.“ Gefragt seien immer noch Spiel- und Bolzplätze, das Isarau-Stadion, die Innenstadt, die Gegend um den Jugendtreff Ein-Stein sowie Isar und Bibisee. Gerade finde ein Verdrängungswettbewerb statt, weil viele ältere Jugendliche weg sind. „Es ist spannend, wer ihre Plätze einnimmt.“

Alkohol wird laut Mock in Geretsried kaum auf offener Straße getrunken. Auch eine öffentliche Drogenszene gebe es nicht in der Stadt – das geschehe alles im privaten Raum. „Wo sich die Jugendlichen aufhalten ist aber egal, das Problem ist da.“ Für Mock heißt das: Den Jugendlichen tief in die Augen schauen und gezielte Fragen stellen. Dass das gut klappt, zeigen die gestiegenen Fallzahlen. Michael Mock hat neben seinen Haaren nämlich noch ein zweites Geheimrezept: „Je mehr du sie liebst, desto mehr kommt zurück.“ sw

Lesen Sie auch: Wohnungslosenhilfe schlägt Alarm: Immer mehr junge Geretsrieder sitzen auf der Straße

Rubriklistenbild: © dpa / Jens Kalaene

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